Ich bin in einen Streit verwickelt. Ich streite mit E., den ich sehr gerne mag, der Literatur studiert hat und der immer alles ein bisschen besser weiß. Auslöser war eine Folge der Serie Babylon Berlin, speziell: die Folge, in der die Sexarbeiterin Lotte von Oberkommissar Bruno Wolter zum Sex gezwungen wird. 

Wer Babylon Berlin schaut, eine Krimiserie, die im Berlin der 1920er-Jahre spielt, weiß, dass Lotte ein Traumgirl ist: tough, klug, umtriebig und natürlich wunderschön. Lotte fuchst sich durchs Leben und schafft es dabei, nicht nur sich, sondern auch ihre bitterarme Schwester und deren Familie über die Runden zu bringen. Dass sie die Unter- und Oberwelt Berlins besser kennt und auch generell mehr draufhat als die männlichen Protagonisten, begreifen wir spätestens in Folge zwei. Lotte ist tagsüber Stenotypistin und nachts Sexarbeiterin. Und während ihrer Arbeit geschieht das, worüber E. und ich seitdem streiten: Lotte erhält die Nachricht, dass ein Freier nach ihr gefragt hat. Als sie in den Raum tritt, sitzt da Wolter, der sie erpresst und Sex mit ihr erzwingt. 

Janne Knödler, geboren 1992, studiert Politikwissenschaften in Berlin und schreibt über Orte, an denen (Pop-)Kultur und Politik sich treffen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Als die Folge endet, bin ich sauer. "Warum", meckere ich, "kann der Regisseur es sich nicht verkneifen, die eine Frau, die irgendwie versucht, selbstbestimmt zu leben, zu erniedrigen?" – "Na ja", sagt E. trocken, "so war das damals halt."

Ein Raum voller Männer

Babylon Berlin ist Fiktion, die Handlungsstränge sind Resultate aktiver Entscheidungen der AutorInnen. Die Serie legt nicht besonders viel Wert auf historische Genauigkeit – abgesehen von einigen Kerndaten, Lokalitäten und den Outfits haben die DrehbuchautorInnen ihrer Kreativität freien Lauf gelassen. Egal, ob die Gewalt, die Lotte erfährt, damals "so war" oder eben nicht, stört sie mich. Steckt nicht mehr Potenzial im Kontrafaktischen? In dem, wie es "damals" eben nicht war? In der selbstbestimmten, starken Lotte? Die gewaltvolle Vergangenheit kennen wir bereits. Wir lernen sie in der Schule, wir absorbieren sie durch Filme, Bücher und Serien oder durch Erzählungen unserer Mitmenschen.

Ich kenne die genauen Statistiken zu Gewalt nicht, trotzdem "kenne" ich Gewalt. Sie manifestiert sich in Gesetzestexten, wird in Sachbüchern, Biografien, Autobiografien, Hashtag-Aktionen beschrieben. Auch unbewusst ist sie präsent: In unseren Denkmustern und in unseren Körpern. Feministische TheoretikerInnen etwa untersuchen, wie sich Körper in Räumen bewegen – weil sich eben auch hier Ungleichverhältnisse eingeschlichen haben. 

Kontingenz der Geschichte

Dabei kann es um scheinbar winzige Details gehen: Die Historikerin Sara Ahmed schreibt in ihrem Artikel Feminist Killjoys (and Other Willful Subjects) darüber, wer wo am Küchentisch sitzt, wer wie viel Platz in der U-Bahn einnimmt oder wer wem aus dem Weg geht: Der Mann sitzt am Kopf des Tisches oder breitbeinig auf zwei U-Bahn-Sitzen, sogenanntes Manspreading. Frauenkörper dagegen ziehen sich zurück in einem Raum voller Männer, sie werden kleiner, unsichtbarer. Genau wie unsere Bräuche und Gewohnheiten sind auch unsere Ängste Erweiterungen der Geschichte. Ich brauche keine Vergewaltigungsszene in Babylon Berlin, um mir bewusst zu werden, dass Frauen der Gefahr sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind. Was ich brauche: die nötige Fantasie, um mir eine Welt vorzustellen, in der es nicht so ist.

Fiktion ist, per definitionem, eine Abkehr von der Realität. Sie kann damit die Kontingenz der Geschichte aufzeigen; dass die Welt anders sein könnte, als sie ist. Der jüdische Historiker Gavriel D. Rosenfeld schreibt in seinem Buch The World Hitler Never Made, dass fiktionalisierte Geschichten immer mehrfach zu kontextualisieren sind: einerseits in der Zeit, in der sie spielen, andererseits in der Zeit, in der sie aufgeschrieben werden. Wie die erschaffene Welt dann aussieht, ist auch immer eine Aussage über die Haltung der AutorInnen zur Gegenwart – und eine Möglichkeit für sie, sich zu überlegen, wie diese aussehen könnte, wenn etwas anders gelaufen wäre.