Wenn er auf die Bühne geht, dann meistens mit einer Babyflasche. Manchmal redet er auch nackt. Als "einer der bekanntesten Antinatalisten überhaupt" war Théophile de Giraud vergangenen Herbst im Weltparlament der Berliner Schaubühne vorgestellt worden. Des Belgier sprach so schnell, dass die Dolmetscherinnen sich verhaspelten. Für ein "langsames und friedfertiges Aussterben der Menschheit" setze er sich ein, so viel war deutlich zu hören. Alle ökologischen, politischen oder sonstigen Probleme wären irgendwann gelöst, wenn die weltweite Geburtenrate konsequent unter zwei gehalten würde. Denn dann hätte sich die Menschheit bald von selbst erledigt. Ein paar Zuschauer lachten, aber das war de Girauds Auftritt nicht angemessen. Wenn es sich um Satire handelte, dann um eine von der Sorte, die ernster ist als der Tod.

Gerade sind die Geburtenraten in Deutschland wieder ein wenig gestiegen, die meisten Menschen im Land dürfte das gefreut haben. Seit Jahrzehnten wird von einer "demografischen Zeitbombe" geredet. Die wird zwar nicht mit einem Schlag explodieren, aber die Rhetorik hat einen Konsens produziert, der alle Parteien ergreift: Es wäre schön, wichtig und systemerhaltend, wenn wieder mehr Kinder geboren würden. Was soll man da von einem politischen Aktivisten halten, der das Gegenteil propagiert?

Théophile de Giraud wurde 1968 im belgischen Sambreville geboren. © Séverine de Vulcain

Zum Treffen an der Brüsseler Kathedrale Saints-Michel-et-Gudule erscheint de Giraud in derselben Aufmachung wie auf allen Fotos von ihm: pechschwarze Haare, die er zur Tolle nach hinten geworfen hat, schwarze Kleidung bis hinunter zu den Stiefeln, ein stechender Blick aus Augen, die aussehen, als seien Wachen und Schlafen, Ermattung und Aufregung keine Kategorien mehr für sie. Im Gehen schenkt er sich Kaffee aus einer Thermoskanne ein. Zuvor hatte er geschrieben, er könne sich erst nachmittags treffen, sein "extrem nächtlicher Lebensstil" erlaube es nicht früher. Überhaupt, seine E-Mails. Selten ist man so zuvorkommend, witzig und doch unaufdringlich angesprochen worden.

"Absurder Eltern-Kind-Fetischismus"

Eigentlich wollte de Giraud nach einem ruhigen Café suchen, damit er das Gespräch aufzeichnen und ins Internet stellen kann. Aber dann kommen wir bei unserem Spaziergang durch die Brüsseler Altstadt am Poechenellekelder vorbei, einer der ältesten, allerdings auch lautesten Brasserien der Stadt. Da wollte er schon ziemlich lange mal hin. De Giraud montiert seine Kamera auf den Tisch. Dass auf der Tonspur wahrscheinlich nur Lärm zu hören sein wird: egal.

Sein Engagement habe drei Ebenen, sagt er. Erstens die Childfree-Bewegung. Niemand soll sich dafür rechtfertigen müssen, keine Kinder haben zu wollen oder haben zu können. Klingt uralt, es sei aber nicht selbstverständlich. Besonders die Franzosen mit ihrem "absurden Eltern-Kind-Fetischismus" hätten da noch immer viel Nachholbedarf, sagt de Giraud. Ab und zu tritt er im französischen Fernsehen auf, aber mit seiner Botschaft durchzudringen, ist generell nicht leicht. Das meistgeklickte Video mit ihm auf YouTube kommt auf weniger als 3.000 Zugriffe.

In seiner Berliner Rede war es eher um den "politischen Denatalismus" gegangen. Damit ist eine Bewegung gemeint, die sich aus ökologischen Gründen dafür einsetzt, dass weniger Kinder geboren werden. Um etwa ein Drittel soll die Weltbevölkerung laut UN bis zur Jahrhundertmitte wachsen. Wir wären dann etwa zehn Milliarden Menschen. Bis 2100 kommen nach der Prognose von 2017 weitere 1,3 Milliarden hinzu. Sollte die ganze Menschheit sich dem US-amerikanischen Konsumstandard annähern, dann bräuchte sie vier Erden, um zu überleben, sagen manche Wissenschaftler. Andere behaupten, die eine Erde könnte auch elf Milliarden Menschen ernähren. Man müsste Nahrungsmittel nur effizienter anbauen und verteilen. Um das nächste Jahrhundert zu überleben, müsste die Menschheit ihre aggressive Produktionsweise an der Wurzel bekämpfen, sagen die Denatalisten. Also nicht nur beim CO2-Ausstoß oder in der Herstellung von Plastik, sondern bei der menschlichen Reproduktion selbst.

Der Mensch in der Nebenrolle

Wäre ein bevölkerungsarmes Szenario nicht wünschenswert? Weniger Menschen, weniger Müll, genügend Ressourcen für alle und eine Welt voller Geisterstädte, die man aus nur noch archäologischem Interesse betritt, um die Ruinen unseres maßlosen Wachstums zu bewundern? Man kann ja die Rentensysteme mal kurz vergessen. Durch die Filme von Lars von Trier, durch die Romane von Dietmar Dath und durch eine ganze Bibliothek jüngerer Science-Fiction zieht sich die Vorstellung, dass die Natur wieder das Kommando übernehmen wird, dass die Tiere ein besseres Gemeinwesen entwerfen, dass die Menschen aus dem planetarischen Betriebsablauf verschwinden oder dort bloß noch eine Nebenrolle einnehmen.

Für de Giraud ist die Reduzierung der Bevölkerungszahl aber nicht nur ein ökologisches Anliegen. Sie ist die praktische Konsequenz aus einer existenziellen Überlegung. Der Kern seines Denkens ist der philosophische Antinatalismus, das heißt eine Ethik, die zu begründen versucht, warum das Leben prinzipiell niemandem zuzumuten sei. De Giraud zitiert Schopenhauer, dessen weniger bekannten Schüler Eduard von Hartmann und E. M. Cioran, Autor des Buches Vom Nachteil, geboren zu sein. Cioran sei allerdings nur ein Aphoristiker gewesen. Philosophisch gestützt habe er seine Argumente gegen das Leben gar nicht.

Der Schmerz ist immer größer als das Glück

Wie begründet man, dass nichtleben besser ist als leben? Erstens sei der Schmerz, den man im Leben erleide, immer intensiver und anhaltender als das Wohlgefühl, sagt de Giraud. "Vergleichen Sie mal eine Migräne mit einem Orgasmus." Zweitens sei das Unglück immer schon präsenter als das Glück: "Es ist viel schwieriger und unwahrscheinlicher, glücklich zu werden, als unglücklich zu sein." Drittens brächten Glücks- und Unglücksempfinden ein jeweils anderes Zeitgefühl mit sich: "Unglück dehnt die Zeit, Glück komprimiert sie." In der Summe ergebe das eine Existenz, die man besser gar nicht erst anfangen sollte. Glücklich ist, wer nicht geboren wird.

Théophile de Giraud und zwei seiner Mitstreiter bei einer Aktion in Paris. © Séverine de Vulcain

Da darf man ja mal fragen: Warum überhaupt noch diskutieren und Bier trinken, so im Hier und Jetzt? Wenn er gegen das Leben an sich sei, dann solle er sich selbst umbringen, hatte in der Berliner Schaubühne einer aus dem Publikum gerufen. Solche Kommentare hört de Giraud oft, wenn er seine Thesen vorträgt. "Ich liebe die Begeisterung, das Feiern, die Debatte", sagt er jetzt bei seinem zweiten Geuze, einem belgischen Bier, das nach saurem Cider schmeckt.

Ein bisschen Gefahr braucht er schon

Dass er noch lebe sei allerdings ein Wunder, erzählt de Giraud freimütig, so wie er überhaupt auf jede persönliche Frage eine spontane, eloquente, präzise Antwort hat. Geboren wurde er 1968 in Sambreville, eine knappe Stunde südöstlich von Brüssel. Sein Vater war technischer Zeichner in einer Glasfabrik, seine Mutter Verkäuferin. Eigentlich glückliche Verhältnisse. Aber mit sozialem Druck sei er nie klargekommen. Ein Vorfall in der Grundschule ist ihm besonders scharf in Erinnerung: Er soll die Umrisse eines Huhns auf einem Blatt Papier mit einer Nadel ausstechen, findet aber, dass eine Schere dafür viel praktischer wäre. Die Lehrerin besteht darauf, dass er die Nadel nimmt. Warum? "Weil das Ziel der Aufgabe ist, die Aufgabe auszuführen", habe sie gesagt. "Da wusste ich, dass ich nicht ganz in diese Gesellschaft passe."

Mit 19 Jahren kommt es dann zu dem "Wunder", de Giraud überlebt seinen scheinbar sicheren Suizidversuch. Mit seiner damaligen Freundin ist er nach Irland gefahren, erzählt er. Beide wissen, es ist eine Abschiedsreise. In Caspar-David-Friedrich-hafter Szenerie will der junge Mann sich von einer Felsenklippe ins Meer stürzen. Im letzten Moment dreht er sich noch einmal nach seiner Freundin um und stürzt deshalb anders als geplant. Ein Geröllhang bremst seinen Fall, de Giraud überlebt schwer verletzt. Der Schock habe so tief gesessen, dass er es so bald nicht noch einmal versuchte.

Nach seiner Rückkehr nach Belgien studiert er verschiedener Fächer, beginnt, Gedichte und Traktate zu schreiben, und erfährt dann mit 27 seine große Läuterung: Er begibt sich in eine Psychoanalyse, die acht Jahre dauern wird, und entdeckt die antinatalistische Sache. Seitdem, sagt er, findet er den Sinn des Lebens darin, gegen das menschliche Leben an sich zu agitieren. Gelegentlich bringe er sich zwar noch in Gefahr, sagt er, das brauche er einfach. "Aber eigentlich bin ich stabil."

"Ich bin kein Kind reicher Eltern"

De Giraud ist der Sprecher des Voluntary Human Extinction Movement im französischsprachigen Raum, einer 1992 in den USA gegründeten Bewegung, die dem Antinatalismus einen Überbau gibt. Wenn sie nicht geradezu gehässig ausfallen, sind die Reaktionen auf seine Auftritte meist amüsiert oder achselzuckend. Vielleicht ist das sein Schicksal: De Giraud klagt die Notwendigkeit des Feminismus ein oder er philosophiert über den Nachteil, geboren zu sein. Er tut es aber mit einer derartigen Vehemenz, dass seine Zuhörer ihn entweder für einen Witzbold, einen Misanthropen oder einen potenziellen Selbstmörder halten. Es liegt nicht unbedingt im Zeitgeist, gegen Elternschaft zu polemisieren. Das Kinderkriegen wird ästhetisiert, die Reiswaffel-Mama oder der Dadbod-Papa werden zwar oft verspottet, gehören aber zum Inventar des urbanen Lebens. Auch Schwule und Lesben wollen Kinder haben dürfen, und die gesellschaftliche Linke setzt sich für sie ein. Kinderfeindlichkeit ist so ziemlich der schlimmste Vorwurf, den man seinen Nachbarn, Mitfahrern oder Arbeitgebern derzeit machen kann.

Wie sieht der Alltag eines antinatalistischen Aktivisten aus? Was macht er den ganzen Tag und wovon lebt er? Zum ersten Mal zögert de Giraud, ob er antworten soll. Man dürfe alles schreiben, sagt er, aber auf keinen Fall dürfe man behaupten, er sei ein reicher Rentier oder liege dem Staat auf der Tasche. Die meiste Zeit des Tages verbringe er am Computer. Und er lebe zu Hause bei seiner Mutter. "Ich bin kein Kind reicher Eltern", das wiederholt er immer wieder. Nach antinatalistischer Ethik sind sie für das Leben ihres Sohnes verantwortlich. "Vater und Mutter schulden ihrem Kind alles. Das Kind schuldet ihnen nichts", zitiert de Giraud. Wenn man schon über seine Familie schreiben wolle, dann müsse man diesen Satz des Franzosen Jules Rénard unbedingt hinzusetzen.

Geburtenkontrolle ist Politik

Womit de Giraud einen Großteil seiner Zeit verbringt, zeigt auch der Schuhkarton, den er mitgebracht hat. Darin ist eine Auswahl der Bücher, die er in den letzten fast zwanzig Jahren verfasst hat. Keins davon ist übersetzt, aber die Titel sprechen für sich: Von der Unverschämtheit, sich fortzupflanzen (2000), Einhundert Haikus zur Beschwörung der Toten (2004), Die Kunst, die Fortpflanzer zu guillotinieren: Antinatalistisches Manifest (2006), Diogenesen: fluoreszente Gedichte zur Zeit zwischen zwei Genoziden (2008). Aphorismensammlung zum Nutzen künftiger Familizide (2013). Alle seine Verleger seien pleite, sagt er. Wenn jemand ein Buch von ihm bestelle, müsse er selbst ein paar Euro drauflegen, damit ein Exemplar gedruckt werde.

Wenn man de Giraud fragt, mit wem er in seinem Aktivismus verbunden sei, denkt er lange nach. Eigentlich bestehe das Netzwerk nur im Internet. Das klingt ein wenig nach Isolation, aber so einzelgängerisch sollte man sich de Girauds Leben nicht vorstellen. Natürlich, sagt er, hätten fast alle seine Freunde Kinder. Und auf gar keinen Fall hätte er ein Problem damit. "Wenn die Kinder schon mal da sind, dann sollen sie auch eine coole Kindheit haben."

Belgischer Anarchismus

Wahrscheinlich versteht man diesen Mann falsch, wenn man ihn zu ernst nimmt. Oder wenn man ihn auf oberflächliche, nicht belgische Art ernst nimmt. Vor einigen Jahren erschien in der Zeitung Libération ein Porträt, das ihn zusammen mit seiner damaligen Freundin als anarchistische Lebens- und Aktionskünstler typisch belgischer Provenienz beschreibt. Jede Aussage ein halber Scherz, jede Pose eine ironische Provokation. Die Verzweiflung ist real, sie wird aber in belgischem Bier ertränkt und ist es deshalb auch schon wieder nicht. Kann man in einem Land wie Belgien wirklich verzweifeln?

Regelmäßig lässt de Giraud sich von der Polizei festnehmen. Lachend erzählt er von seinem Freund Jan Bucquoy, dem Situationisten und Gründer des Brüsseler Unterhosenmuseums. Mit ihm und einigen anderen hatte de Giraud einige Jahre lang die Angewohnheit, den Königspalast zu stürmen, um das Ende der Monarchie auszurufen. Sie marschierten durch das Eingangsportal, vorbei am Wachpersonal, das keinen ernsthaften Widerstand leistete, weiter durch den Vorgarten bis unter das neoklassische Hauptportal. Eine einfache Glasscheibe, dahinter der Türknauf der Eingangstür. Sie hätten sie einschlagen und hineingehen können. Darüber habe beim ersten Mal auch die Polizei gelacht, beim nächsten Mal wurde sie gröber.

Nicht nur die belgischen Ordnungskräfte haben mit de Giraud hin und wieder ein Problem. Auch unter linken politischen Aktivistinnen sind seine Positionen sehr marginal. Wie heikel es sein kann, sich auch nur in die Nähe denatalistischer Positionen zu stellen, konnte neulich die US-amerikanische Theoretikerin Donna Haraway erleben. Als Autorin des Cyborg Manifesto ist sie eigentlich eine Lieblingsautorin der avanciertesten Linken, die sich derzeit durch den europäischen und amerikanischen Kulturbetrieb bewegen. Haraway schreibt über Tierethik, über Andersheit als existenzielle Grunderfahrung und darüber, dass ein posthumanes Denken nicht mehr vom Menschen als Maß aller Dinge ausgehen sollte. Das Posthumane ist bei Haraway allerdings auch quantitativ zu verstehen: Die Menschen sollen weniger werden. Ihr jüngstes Buch Unruhig bleiben: Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän endet mit einer Fabel, in der die Menschheit durch Reproduktionsverweigerung auf ein Idealmaß von etwa drei Milliarden Exemplaren reduziert wird. Sofort musste sie sich die Kritik gefallen lassen, sie rehabilitiere einen "eugenischen Antihumanismus".

Den roten Knopf würde er nicht drücken

Und ja: Der Wunsch, das Bevölkerungswachstum zu begrenzen, wurde in der Moderne immer wieder von Leuten geäußert, die nur bestimmte Bevölkerungsgruppen klein halten wollten. Jede Das-Boot-ist-voll-Rhetorik erweitert die Statistiken zur weltweiten Bevölkerungsentwicklung um den Zusatz, das problematische Wachstum, die "Überbevölkerung" finde fast ausschließlich in Afrika statt. Von Thomas Robert Malthus, der um 1800 als Erster über den Zusammenhang von Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum nachdachte, bis hin zu Thilo Sarrazin war das Räsonieren über Populationsgrößen immer wieder von der Sorge motiviert, die "falschen" (bei Malthus die Proletarier, bei Sarrazin die muslimischen Einwanderer) würden sich am schnellsten vermehren. Ist der Denatalismus als Ganzes illegitim, weil seine Argumente bisweilen mit latent oder offenen rassistischen Gedanken verbunden werden?

Nein, sagt de Giraud und wiederholt die einfachste politische Forderung der Denatalisten: den Feminismus und das Recht auf Verhütung und Abtreibung durchsetzen, und zwar ohne Rücksicht auf kulturelle Besonderheiten oder Traditionen. Wenn Frauen wirklich die Wahl hätten, entschlössen sie sich selten für mehr als zwei Kinder, das sei überall auf der Welt dasselbe. Und außerdem kämpfe er nicht dafür, bereits existierendes Leben auszulöschen. Auch dafür hat er eine prinzipielle, eine philosophische Erklärung: In den Foren sogenannter Efilisten(aus der Umkehrung von "life", "efil"), in einer radikaleren Spielart des Antinatalismus, gibt es das Gedankenexperiment über den "roten Knopf": Wenn ein Knopf existierte, um das gesamte Leben auf der Erde schmerzlos und sofort auszulöschen, würdest du ihn drücken? De Girard würde es nicht tun. "Vielleicht ist meine Theorie vom Leben falsch", sagt er. Mit letzter Gewissheit könne nicht sagen, wie sich das Dasein für die anderen anfühlt. Und schon gar nicht würde er sich anmaßen wollen, über die Existenz bereits geborener Menschen zu entscheiden.