Die vorläufige Schlusspointe knallt auch nicht, sie passt als Ende fast zu gut: "Das Dementi hat sich wohl nicht so gut herumgesprochen wie das Gerücht davor", sagt der Pförtner am Bühneneingang der Volksbühne, und er grinst darüber ganz zufrieden. Das Gerücht besagte, der scheidende Intendant Chris Dercon werde sich nach den Meldungen um seinen sofortigen Rückzug um elf Uhr der Presse stellen und sich der Öffentlichkeit erklären. Stimmte alles nicht.

Ein paar Journalisten sind also umsonst gekommen, zwei Kamerateams filmen das Theatergebäude von außen ab. Zu sehen gibt es hier schon länger nicht mehr viel. Nun aktuell bloß: Aushänge an den Vordereingängen, dass die Kasse etwas später als üblich öffne, und am Bühneneingang der Hinweis, die Kantine bleibe heute geschlossen. Auf Plakatwänden und Mülltonnen rund um den Bau am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte kleben gelbe Zettel: "Tschüss Chris" steht auf denen groß, in der alten Volksbühnen-Schrift der Castorf-Ära.

Eine Ära Dercon wird es also nicht geben. Nach einem halben Jahr Intendanz plus knapp zwei Jahren turbulenter Vorbereitungszeit davor ist bereits Schluss. In der offiziellen Pressemitteilung der Kulturverwaltung vom heutigen Morgen steht, der Berliner Kultursenator Klaus Lederer und Dercon hätten sich "einvernehmlich darauf verständigt, die Intendanz von Chris Dercon mit sofortiger Wirkung zu beenden". Dercons Konzept sei "nicht wie erhofft aufgegangen", die Volksbühne brauche "umgehend einen Neuanfang". Den soll kommissarisch Klaus Dörr einleiten, der wohl künftige neue Geschäftsführer des Theaters. "Im Übrigen ist es mir wichtig zu betonen", lässt Lederer mitteilen, "dass die persönlichen Angriffe und Schmähungen aus Teilen der Stadt gegen Chris Dercon in der Vergangenheit inakzeptabel waren. Solche Formen der Auseinandersetzung sind unwürdig und entbehren jeder Kultur."

Unwürdig: Das ist ein passendes Wort für vieles, eigentlich fast alles, was seit 2015 an der und um die Volksbühne herum geschehen ist.

Es begann mit der überraschenden Entscheidung des damaligen Berliner Kulturstaatssekretärs Tim Renner, den damaligen Intendanten Frank Castorf durch den theaterunerfahrenen Ausstellungsmacher und Museumsleiter Dercon zu ersetzen. Dass Castorf nach zweieinhalb Jahrzehnten Amtszeit irgendwann auch mal gehen müsste, war schon lange vorher klar gewesen. Man ließ ihn seinen Vertrag bis vergangenen Sommer dann auch ganz regulär erfüllen.

Dann gab's wieder Beckett-Einakter

Castorf aber fühlte sich offenbar zutiefst gekränkt und fürchtete wohl (im Nachhinein nicht zu Unrecht), dass mit der Entscheidung für Dercon ein Bruch mit der von Castorf begründeten Volksbühnen-Ästhetik seit den Neunzigerjahren gewollt war. Claus Peymann, damals als Intendant des Berliner Ensembles eigentlich noch Lokalkonkurrent von Castorf, beschimpfte Renner sogleich als "Lebenszwerg" und schwadronierte von "Eventbude"; auch Jürgen Flimm sah mit Dercon "das bunte Allerlei der Eventkultur" in die Volksbühne einziehen und rief die Berliner Kulturverwaltung auf, sich zu besinnen. 

Besinnen musste sich Klaus Lederer, seit der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus im Jahr 2016 im neuen rot-roten Senat auf dem Posten des Kultursenators, erst gar nicht. Lederer ließ wenig Zweifel daran aufkommen, dass er die Entscheidung seines Vorgängers Renner für Dercon immer schon für falsch gehalten hat. Noch im vergangenen Sommer hielt er am Abend der letzten Vorstellung der alten Volksbühne auf dem Rosa-Luxemburg-Platz eine große, wenn auch kurze Lobrede auf Castorf. Was als Abschiedsfest für alle Fans oder auch nur Bürger geplant gewesen war, ersoff zwar im Sommerregen, doch Castorf und Lederer prosteten sich noch mal öffentlichkeitswirksam zu – auch eine Art, jemand Neuen zu begrüßen. Die Amtsübernahme durch Dercon aber konnte und wollte auch Lederer nicht mehr rückgängig machen.

Kaum war die alte Volksbühne aus dem Gebäude gezogen, war Lederer dann als Krisenmanager auf ganz andere Weise gefragt, nachdem eine lose Gruppe von Aktivisten und Dercon-Gegnern das Gebäude kurzerhand besetzt hatte und unter anderem eine Kollektivintendanz forderte. Lederer ging zu den Besetzern, die sich mit den verbliebenen Volksbühnen-Mitarbeitern zu solidarisieren glaubten (worauf die offenbar aber eher wenig Lust hatten), und tat zumindest so, als wolle er ernsthaft mit ihnen verhandeln. Bis diese unvorsichtigerweise eine Frist verstreichen ließen, weil sie ihren internen Kollektivgesprächsbedarf nicht nach den Zeitvorstellungen des Kultursenators erledigen wollten. Er nutzte das als Gelegenheit, die Berliner Polizei das Gebäude räumen zu lassen. So war zumindest der konkrete Raum der Volksbühne wieder frei für Dercon.

Doch was der dort eigentlich wollte, ist bis heute nicht ganz klar geworden. Seine erste Spielzeit begann Dercon im vergangenen September mit etwas Tanzspektakel auf dem Tempelhofer Feld, wo er hektisch eine Zweitspielstätte hatte zusammenzimmern lassen, die heute einigermaßen brachliegt; im November erst ging es im eigentlichen Haus am Rosa-Luxemburg-Platz los mit einem Abend aus altbekannten Tino-Sehgal-Performances und Rekonstruktionen von Beckett-Einaktern. Wenig ist seither an klassischem Sprechtheater hinzugekommen, da hatten die Vorabkritiker schon recht: Gäbe es nicht das alte Jugendtheater P14 des Hauses, dann würde an manchen Abenden in der Volksbühne nur noch diskutiert, vorgelesen, getanzt, Musik gemacht oder im recht universellen Sinne performt.