Ein Traum: Ich stehe mit Chris Dercon auf dem Dach der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Die Sonne geht unter und wir trinken Champagner. Wir wechseln kein Wort, vielleicht hat er auch gar nicht so viel zu sagen, aber das ist nicht wichtig. Sein Reich blüht, die Stadt hat all ihre Zusagen eingehalten, sie hat ihn nicht öffentlich demontiert, die Sponsoren sind nicht abgesprungen, Dercon hat sein Konzept und die Herausforderungen, vor die es den Theaterapparat stellt, ausführlich erklärt. Die Kulturpolitik hat ihn dabei gestützt, Künstler und Künstlerinnen, die mit ihm arbeiten wollten, haben keine Drohbriefe von Kollegen bekommen. Überall herrscht eine entspannte Stimmung wie einst bei der Eröffnung auf dem sonnigen Tempelhofer Rollfeld.


Die dargebotene Kunst ist mir manchmal zu schick und kommt mir gelegentlich vor wie aus der Auslage eines Juweliergeschäfts auf den Präsentierteller gestellt, aber die Fragen, die sie aufwirft, sind intellektuell immer bestechend. Und weil das Reich von Chris Dercon und Marietta Piekenbrock sich so frei entfalten darf, wuchert und blüht inzwischen so manches an ihnen vorbei. Neben Susanne Kennedy, die ihre Frage nach den Möglichkeiten eines posthumanistischen Theaters in den Raum stellt, hört man neue Stimmen, die überraschende Antworten geben. Berlin fühlt sich beschenkt. Berlin ist dankbar.


Als ich aufwache, ist das kleine Sonnenkönigreich verschwunden. Man hat sich "geeinigt", man ist "übereingekommen", dass Dercon jetzt weg ist.


Täglich die Scheiße von der Tür kratzen

Die Geschichte der Intendanz Chris Dercons ist vielleicht ein klein wenig die Geschichte eines Mannes, der keine Freunde hatte, als er in die Stadt kam, und der dann nach vielen Monaten noch immer keine Freunde hatte. Das ist harte Arbeit, dazu gehört durchaus ein besonderes Talent. Man kann sie aber auch als Geschichte eines Mannes lesen, der sich bis zuletzt geweigert hat, mit seinen Vorstellungen in den Ring zu steigen, in offenen, ehrlichen, männlichen Kampf. "Mit härtesten Bandagen" werde um die Volksbühne gekämpft, hat der Tagesspiegel ihm nachgerufen. Dabei stand von Bandagen nichts in seinem Vertrag, von Härte auch nicht. Da stand überhaupt nichts von männlichem Kampf, und die atavistische Vorstellung, Kultur sei eine Art Krieg, da müsse man die Zähne fletschen, sich bewähren und sich ohne mit der Wimper zu zucken täglich die Scheiße von der Tür kratzen, mit der einen der Feind männlich bewirft, ist ja auch wirklich ausgesprochen schwachsinnig. Das Einzige, was so eine Kultur sich schafft, sind Kriegerdenkmäler, und das mag es auch sein, was Castorf in der Volksbühne sieht: sein privates Reiterstandbild auf dem Feldherrenhügel, für ihn, den unbesiegten Schlachtenlenker.


Am Vorabend meines Champagnertraums vom Dach höre ich zufällig eine Geschichte aus dem Innersten des Volksbühnen-Betriebs: Wie nervenzerfetzend der Druck durch die Dauerbelagerung der Hater gewesen sei, wie aggressiv das Rumgebrülle der Altbesatzung. Aber wenn gebrüllt wurde, sei Chris Dercon gekommen und habe ganz freundlich einen anderen Umgangston erbeten. Die Stimmung am Haus sei beklemmend gewesen; Dercon als Chef sei sehr toll gewesen. Zum Gedenken an Dercon sollte man als Dauerinstallation eine Flasche Champagner auf das Volksbühnen-Dach stellen und ein leeres Glas, das auf ihn wartet. Ein Denkmal der Gelassenheit, des Friedens und der Höflichkeit.


Jetzt treten zwei Männer von die Kameras am Bühneneingang der Volksbühne in der Linienstraße, schwarze Anzüge, schwarze Hemden, wie zwei Beerdigungsunternehmer: der Berliner Kultursenator Klaus Lederer und der neuen kommissarische Intendant Klaus Dörr. Der Kultursenator hat einen Notstand ausgerufen, der sofortiges Handeln erforderte, da sei er sich mit Chris Dercon einig (was nicht sehr glaubwürdig klingt). Dercon? Schon abgereist. Die Stimmung im Haus? Dem kommissarischen Intendanten in Schwarz zufolge ist sie "gelöst". Was die beiden Männer ausgerufen haben ist die Diktatur des Apparats.

Dercon als Volksfeind


Der Umsturz von oben war ein Umsturz mit Ansage. Zu seinem ganzen Irrwitz gehört, dass dabei im Berliner Kampfgetümmel auch die Solidarität von Künstlern untereinander ausgesetzt wurde. Plötzlich gab es böse Kunst (bildende Kunst, Kuratorenkunst), und gute Kunst (deutsche Stadttheaterkunst, Avantgarde im Rahmen klarer Verwaltungsvorschriften). Dercon hat das Repertoiretheater infrage gestellt, er war ein Systemfeind, also war er auch Volksfeind, denn das System dient dem Volk und schützt es vor einer Kuratorenkunst, in deren Windschatten nichts anderes in die Stadt einziehen würde als Hyperinvestoren, die Glaspaläste für Superreiche bauen. Ein ausgesprochener Schwachsinn natürlich, ein Wahn, der sich nur aus der allgemeinen Stimmung im Land erklären lässt, dem neuen Hang zur Ehrerbietung gegenüber verdienten alten Männern und "gewachsenen Strukturen", dem Wiederaufleben eines autoritären Paternalismus. Aus einer tiefen Angst vor Veränderung, die alles zum Mahnmal eines Konservativismus von links oder rechts macht, ob nun Castorfs Räuberrad, ein Gedicht von Eugen Gomringer oder das heilige deutsche Theatersystem.

Es gibt viele Stimmen, die sich für die Volksbühne nun etwas anderes wünschen als die nächste Umdrehung des Intendantenkarussells: offene Formen, kollektive Leitungsstrukturen, vielleicht sogar etwas so Revolutionäres wie – arrgh! – Frauen ganz oben. Man muss aber befürchten, dass der Apparat nichts anderes zulassen wird, als – einen Apparatschik. Einen rumbrüllenden Egomanen zur Rettung des heiligen deutschen Repertoire- und Ensembletheaters mit einer devoten Truppe, die ihm das Kriegerdenkmal poliert.

Ein Albtraum.