Seit mehr als zehn Jahren besuche ich diese alte Dame, und jedes Mal denke ich: Es ist das letzte Mal. Sie ist Lehrerin gewesen, hoch oben im Norden, für Englisch und Chemie am Gymnasium, wobei die Naturwissenschaftlerin in ihr überwog. Drei Kinder hat sie großgezogen, sich von ihrem Mann scheiden lassen, als sie bereits über 60 war, und was mich immer wieder zu ihr führte, waren entferntere Familienbande einerseits, aber auch ihre Gastfreundschaft, die als ruppige Herzlichkeit daherkam, und ihre hoch emotionale Art, über Literatur zu diskutieren: Peter Handke? Toll! Günter Grass? Furchtbar. Begründungen gab es nicht, nur gut oder schlecht, ja oder nein. Irgendwie bin ich bei ihr auf der Seite des "gut" gelandet. Sie mag mich, ich darf kommen. Ich soll kommen. "Komm!", sagt sie einfach, "Ich freu' mich."

Andrea Roedig, geboren in Düsseldorf, lebt als freie Publizistin in Wien und ist Mitherausgeberin der Literatur- und Essayzeitschrift "Wespennest". Von 2001 bis 2006 leitete sie in Berlin die Kulturredaktion der Wochenzeitung "Freitag". 2015 erschien ihr Buch "Bestandsaufnahme Kopfarbeit" (zusammen mit Sandra Lehmann) im Klever-Verlag. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Alexandra Grill

Früher dachte ich, es werde der Körper sein, der sie verlässt. Sie ist Diabetikerin, hatte Brustkrebs, bewegte sich nicht gerne, war etwas übergewichtig und aß zu gern Süßes oder rauchte, was sie sich nicht verbieten lassen wollte. Überhaupt wollte sie sich nichts verbieten lassen. Der beste Spruch, den ich in Sachen Kochen mal von ihr hörte, war: "Ich bin doch nicht der Sklave meiner Küche." Natürlich kommen auch die Holzbrettchen in die Spülmaschine.

Es hat sie nun aber nach und nach der Geist verlassen. Sie wird zunehmend dement. Nur der Körper, der die Genüsse liebte, lässt nicht los. Er ist wie ein Berg, der langsam in sich zusammensinkt. "Der Kopf funktioniert nicht", sagt sie jetzt am Telefon. "Aber ich erinnere mich an dich."

Ihr Sessel, ein Thron

Ich kenne Gertrud schon lange, aber nicht besonders gut, nicht intim. Bei meinem letzten Besuch ist die Haustür nicht abgeschlossen, eine Klingel gibt es nicht. Ich trete ein, das Radio ist sehr laut aufgedreht. Sie schaut mir entgegen, erkennt mich erst, als ich näher herankomme. Sie sitzt fest in ihrem Sessel wie in einem Thron. Er ist das Zentrum ihrer Welt, ihres Hauses, aus dem sie sich nicht vertreiben lassen wird. Um den Sessel herum gruppiert ist alles, was sie braucht: Kaffee in einer Thermoskanne, Wasserglas und Wasserflasche, Zigarettenpackungen, Aschenbecher, After Eight für die Lust auf Süßes, ein Telefon mit großen Tasten, Fernbedienungen für Radio und Fernsehen. 

Neben dem Sessel steht ihr Rollator, mit dem sie zur Küche geht oder ins Bad oder Schlafzimmer. Vor sich hat sie auf einer Fußbank einen Kalender liegen, der in großen Buchstaben sagt, was passiert. Montag und Freitag kommt Frau Hansen, die Putzfrau. Es liegen auch mehrere Exemplare der Frankfurter Allgemeinen Zeitung dort, unaufgeschlagen. Gertrud sieht nicht mehr gut, sie kann nichts mehr lesen. Aber mithilfe einer großen Lupe erkennt sie das Datum der Zeitung, die sie seit Jahrzehnten abonniert. "Die FAZ mag ich gern", sagt sie, "die hat keine Schnörkel."

"Was haben wir zwei noch gemacht?" – "Wir haben einmal ein Radiointerview geführt, weil du mit über 60 deinen Mann verlassen hast", sage ich. – "Wann warst du das letzte Mal da?" – "Vor zweieinhalb Jahren." – "Aber was haben wir zwei noch gemacht?" Sie fragt so beharrlich, als sei da noch mehr, an das auch ich mich nicht erinnern kann. Mit aller Grausamkeit führt sie ein Vergessen vor, das ich auch von mir selbst kenne, etwa wenn Vergangenes sich nur mit Mühe und schemenhaft heraufholen lässt oder mir der Name einer Person, die sich mir gerade vorgestellt hat, sofort wieder entfällt.

Bei meinem Besuch vor vier Jahren hat sie noch am Computer Patiencen gelegt, und ich versuchte, ihr etwas über Hans Blumenberg zu entlocken, den berühmten Philosophen, bei dem sie in den 1950er-Jahren in Kiel studiert hatte und von dem sie immer nur sagte: "Das war ein schöner Mann!" Einmal hatte sie mit ihm getanzt. Wir schauten alte Fotos an, die Bilder zeigten ihre Kinder als Babys, Kleinkinder, als Jugendliche. Man sah die Zeit verstreichen. Wie schön Gertrud gewesen war als junge Frau, wie schnell sie dann aber auch zu einer strengen Matrone wurde als Ehefrau, Mutter und Lehrerin. Wie viel Leben das war, schon bevor ich sie kennenlernte, wie viele Bilder von Feiern mit Freunden und Kolleginnen, die typische Phase gesättigten Stillstands zwischen 45 und 60, in der nur unmerklich Alterung eintritt.