Irgendwann stellte sich beim Magazin Neon interessanterweise die gleiche Frage, mit der sich ein paar Jahre zuvor schon eine deutsche Partei konfrontiert gesehen hatte, Die Grünen: Ob man ein Ein-Generationen-Projekt war.

Ob man also lediglich das Lebensgefühl einer bestimmten Alterskohorte zu einem bestimmten Zeitpunkt widergespiegelt und mitbestimmt habe. Oder ob es weitergehen würde, weil die Erzählung größer war und sich das Lebensgefühl weiterspinnen ließ; weil sich stetig neue Menschen finden würden, die man begeistern könnte, ohne dass man dabei zu viele andere verliert. Der demografische Wandel, weniger Junge, mehr Alte, schien für die Grünen nach dem Abschied ihrer Gründergeneration um Joschka Fischer ein echtes Problem darzustellen – und dass Ökologie als politisches Thema bei allen Parteien angekommen war. Die Grünen überlebten unter anderem, weil sie ihr Themenspektrum erweiterten und sich von ein paar Idealen verabschiedeten, ohne ihr Grundlebensgefühl aufzugeben. Die Grünen hörten auch irgendwann auf, ihren potenziellen Wählern vorweglaufen zu wollen. Sie spazierten fortan mit ihnen mit.

Eine Erfolgsgeschichte wider alle Wahrscheinlichkeit

Nein, der Vergleich ist nicht unpassend. Denn zumindest für den seit langem im Schwinden begriffenen Zeitschriftenmarkt war das Monatsmagazin Neon lange ein seinem Titel entsprechend leuchtendes Beispiel: Ein Generationenprojekt, aus dem eine Erfolgsgeschichte wider alle Wahrscheinlichkeit wurde, irgendwie auch wider besseren Wissens. Im Jahr 2003 erschien die erste Ausgabe, vor knapp sieben Jahren erreichte Neon seinen Auflagenzenit mit mehr als einer Viertelmillion Exemplaren, und nun wird der Titel als Printmagazin eingestellt, wie die aktuelle Chefredakteurin Ruth Fend heute früh in einem "Abschiedsbrief" mitteilte. Am 18. Juni kommt die letzte Ausgabe an den Kiosk, danach wird Neon nur noch an dem Nicht-Ort existieren, der dem Printmagazin nach konventioneller Lesart schleichend und nun endgültig die Existenz geraubt hat: in diesem Internet.

Im Rückblick scheint es eher so, dass Neon – wie zuvor auch das jetzt-Magazin der Süddeutschen Zeitung, aus dessen Ruinen gleichsam Neon beim Verlag Gruner + Jahr entstand – einmal ein geradezu visionäres Online-Projekt gewesen ist, und dass man die jeweiligen Printtitel unter anderem als so etwas wie die gedruckten Begleithefte dazu betrachten konnte.

Sie erfanden Social Media

Schon die Redaktion des 1993 als wöchentliche Jugendbeilage der SZ gegründeten jetzt nämlich hatte im überhaupt erst entstehenden Netz eine Online-Community aufgebaut, die bereits alle Kennzeichen dessen besaß, was man später ein soziales Medium zu nennen begann. jetzt.de hätte das deutsche Facebook werden können, lange bevor es Facebook gab, Neon.de dann später wenigstens ein besseres StudiVZ. Doch es fehlte wie bei so vielen anderen Plattformen auch ein echtes Erlösmodell. Und womöglich der Wille oder nur die Durchgedrehtheit, in Social Media die Zukunft zumindest des Geldverdienens zu erkennen.

Als die SZ im ersten richtigen Zeitungskrisenjahr 2002 das gedruckte jetzt-Magazin aus Kostengründen sterben ließ, stellten bald darauf zwei der drei letzten leitenden Redakteure des Wochenmagazins dem Verlag Gruner + Jahr die Idee zu einem Monatsmagazin vor, dass sich im Gegensatz zur Beilage jetzt am Kiosk würde behaupten müssen. Das Konzept von Neon, das Timm Klotzek und Michael Ebert dem Verlag verkauften, war einerseits eine behutsame Fortsetzung von jetzt, nur dass es sich statt an 15- eher an 25-jährige Leserinnen und Leser richtete, also gleichsam an die, die ungefähr 1980 geboren und dem jetzt-Magazin da schon entwachsen waren. Andererseits schufen sie einen Titel, der mehr noch als jetzt ein Wir-Gefühl propagierte (deren Macher waren auch ein bisschen zu alt, um zu 15-Jährigen noch "Wir" sagen zu können). Dieses "Wir" war glaubhaft, das belegt der rasante Erfolg im ersten Jahrzehnt des Bestehens von Neon.