Neulich machte eine erstaunliche Meldung in meinem Facebook-Feed die Runde. Es ging um News aus der Steinzeit. Diese früheste Epoche der Menschheitsgeschichte wird besonders gern herangezogen, wenn es darum geht, gegenwärtige Geschlechterrollen zu erklären: Männer riskierten Jahrtausende lang ihr Leben auf Mammutjagd, während Frauen die Höhlen sauber hielten und Beeren sammelten. Deswegen geht der Mann heute jeden Morgen ins Büro, um die Steaks zu finanzieren, während die Frau lieber die Kinder erzieht. Doch seitdem es in der Archäologie immer feinere Methoden gibt, um menschliche DNA zu untersuchen und daraus Schlüsse auf die Konstitution und das Verhalten der Menschen zu ziehen, löst sich so manche vermeintliche Gewissheit in Wohlgefallen auf. Knochenfunde belegen, dass Männer und Frauen früher gleich groß und kräftig waren. Und in der Jungsteinzeit hatten Frauen rund 30 Prozent muskulösere Oberarme als Frauen heute, wie Forscher aus Cambridge herausgefunden haben. Muskulöser als die Oberarme der Mitglieder des heutigen Cambridge Ruderclubs. Eine gute Nachricht, korrigiert sie doch die Annahme vieler, dass Frauen Männern per se körperlich unterlegen seien und sich in letzter Konsequenz nicht wehren könnten.

Frauen haben heute vielfältige Körperformen. Eine Freundin von mir war lange eine sehr gute Turnerin und kann Männer beim Armdrücken in wenigen Sekunden vernichtend schlagen. Nur gilt das nicht als besonders schick: So einen muskulösen Körper will kaum eine Frau haben. Ein paar Muckis an den Armen sind okay, die gelten ja seit Michelle Obamas Etuikleid-Look als "definiert", aber bitte nicht mehr, das ist nicht schön. Begehrenswert zu sein, heißt immer noch, schwach zu sein.

Stefanie Lohaus ist Journalistin. Herausgeberin und Redakteurin des "Missy Magazine". Sie lebt in Berlin und ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Urban Zintel

Bloß möchten Frauen, auch wenn sie körperlich unterlegen sein sollten, nicht unbedingt überwältigt werden. Der Vergewaltigungsmythos "Wenn sie Nein sagt, meint sie eigentlich Ja" hält sich in manchen Köpfen zwar hartnäckig, findet glücklicherweise aber gesamtgesellschaftlich immer weniger Zustimmung. Ein bisschen Muskelkraft kann ganz nützlich sein, wenn es darum geht, bedrohliche Typen von sich zu weisen. Die ägyptische Feministin Mona Eltahawy startete gerade den Hashtag #IBeatMyAssaulter, nachdem sie einen Mann in einem Club in Montreal verprügelte, der sie, wie sie berichtet, begrapschen wollte. Eine Begebenheit, die offenbar weltweiten Nachrichtenwert hatte: "Ich griff ihn mir und dann schlug ich ihn zehn bis fünfzehnmal", erklärte sie dem Nachrichtensender CNN. Mona Eltahawy ruft unter diesem Hashtag Frauen und Mädchen dazu auf, Erlebnisse zu sammeln, bei denen Angreifer erfolgreich verjagt wurden. Eltahawy hat weder Kampfsport noch Selbstverteidigung gelernt, ihre Oberarme sind schmal. Sie beschreibt ihre Wut auf die patriarchalen Verhältnisse, in denen sie groß geworden ist, als ihren Motor.

Und ja: Irgendwie ist es ermächtigend zu lesen und zu hören, wie Frauen und Mädchen sich wehren, wenn sie angegriffen werden. Es ist also möglich, zurückzuschlagen, auch in der realen Welt und nicht nur in Revenge-Filmen wie Kill Bill und Serien wie Buffy, die Vampirjägerin, in denen übernatürliche Kräfte es auch einer zierlichen Person erlauben, ganze Armeen feindlicher Vampire kunstvoll zu verdreschen. Also Frauen: Rüstet auf. Macht Selbstverteidigungskurse, stählt eure Muskeln, bewaffnet euch. Oder?

Sicherlich ist es gut, sich wehren zu können. Es ist gut für das Selbstwertgefühl. Es kann tatsächlich eine Gewalttat verhindern oder zumindest abmildern. Sich wehren, das empfehlen auch Organisationen, die sich um von Gewalt Betroffene kümmern, wie der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe.

Sogar die konservative US-amerikanische National Rifle Association (NRA), die als Lobbyorganisation für die laxen Waffengesetze in den USA mitverantwortlich ist, hat inzwischen eine Frauenabteilung. Deren Sprecherin Dana Loesch erklärte im Nachhall des Amoklaufes an einer Highschool in Florida, Frauen sollten sich bewaffnen, um sich vor Vergewaltigungen zu schützen. Die Feministin Jessica Valenti reagierte, indem sie im Guardian erklärte, dass Frauen, die in Haushalten leben, in denen es Waffen gibt, dem großen Risiko ausgesetzt sind, dass diese Waffen gegen sie verwendet werden. Es ist also beides wahr: Ja, Frauen wehrt euch, wenn ihr in Gefahr seid. Und: Nein, sich zu wehren ist keine Lösung, es verlagert die Verantwortung für Gewalttaten von der Gesellschaft auf die einzelne Person. Es führt zu mehr, statt zu weniger Gewalt.