Kopftuch für Kinder - »Da gucken wieder alle auf dem Spielplatz« Die meisten muslimischen Eltern wollen nicht, dass ihre kleine Tochter ein Kopftuch trägt, sagt die Islamwissenschaftlerin Juliane Kanitz. Warum, erklärt sie im Video. © Foto: Sarah Lehnert für ZEIT ONLINE

Im Wettbewerb um zweifelhafte Wählerschichten schrecken die Parteien vor nichts zurück. Besonders beliebt seit der islamistische Terror den Westen beunruhigt: antireligiöse Propaganda im Allgemeinen (bei den Grünen, der Linken) und anitimuslimische Propaganda im Besonderen (bei AfD und Teilen der Unionsparteien). Der neuestes Schrei: ein Kopftuchverbot für Kindergärten zu fordern wie die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen.

Zur Begründung wird regelmäßig das Prinzip des weltanschaulich-neutralen Staates beschworen. Aber einmal abgesehen davon, dass kein Staat, selbst nicht der liberale, säkularisierte, gesellschaftlich pluralistische Staat, weltanschaulich wirklich neutral ist (denn auch der Liberalismus hat seine Weltanschauung), steht es um Freiheit des Bürgers nicht mehr gut, wenn sich das Neutralitätsgebot vor allem in einem Verbot öffentlich sichtbarer Religionspraxis niederschlagen soll.

Freilich kann man darüber streiten, ob das Kopftuchtragen zwingend aus dem Islam folgt, und manche islamische Theologen haben tatsächlich auch schon die Ansicht vertreten, dass hier eher eine unfromme Tradition der Frauendiskriminierung vorliegt. Es ist aber ganz gewiss nicht die Aufgabe des Staates, eine Auslegung heiliger Schriften vorzunehmen und der individuellen Glaubenspraxis Fesseln anzulegen, solange diese im Rahmen der Gesetze bleibt. Und ganz gewiss ist es eine unfromme Illusion, anzunehmen, Religion ließe sich in der Art zur Privatsache erklären, dass sie in der Öffentlichkeit gar nicht mehr in Erscheinung träte. Denn das hieße, konsequent für alle umgesetzt, nicht nur islamische Bekleidungsgewohnhieten zu verbieten, sondern auch das Glockengeläut der Kirchen, das Kreuz am Kettchen des Firmlings, wenn nicht sogar das Gesangbuch, wenn es auf dem Kirchgang womöglich sichtbar in der Hand getragen wird.

Jede Sturheit treibt die Gegensätze auf die Spitze

Statt eine fiktive Neutralität zum Dogma zu erheben, die sich notwendig in Widersprüche verheddern wird, wäre es besser, eine Art Äquidistanz des Staates gegenüber den Religionen zum Prinzip zu erheben – eine Haltung gleichgültigen Wohlwollens gegenüber allem, was sich so oder so spirituell selbst verwirklicht, solange es nicht in die Rechte und Empfindlichkeiten Dritter bedrohlich eingreift. Das lässt sich im Einzelnen vielleicht auch nicht immer widerspruchsfrei durchhalten, aber eine gewisse Elastizität ist in der Anwendung von Prinzipien ohnehin unerlässlich. Jede Sturheit treibt Gegensätze auf die Spitze und erzeugt Konflikte, die zuvor nur den friedlichen Schlaf der Potenzialität schliefen.

Im Fall Deutschlands hieße das für den Staat: nicht die antiislamischen Reflexe fanatisch-konservativer Katholiken oder hasserfüllter Atheisten zu bedienen, aber auch nicht die eigene christliche Tradition zu verleugnen. Ein Kreuz darf ruhig im Klassenzimmer hängen – auch wenn es den einen oder anderen Moslem stört. Es darf aber auch ruhig ein Kopftuch getragen werden, selbst wenn es vielleicht nicht immer aus den lautersten Motiven angelegt wird. Es müssen auch keine abstrakten Ideale körperlicher Unversehrtheit an die Beschneidungspraxis bei Juden und Muslimen angelegt werden – sie ist ältestes Zivilisationsgut, das nicht auf Teufel komm raus unter das Fallbeil der Moderne gelegt werden sollte.

Die Bürger selbstbestimmt leben zu lassen heißt auch, sie selbstbestimmt glauben zu lassen. Und das Ideal der Toleranz hochzuhalten verlangt auch, über Ärgerliches, sogar Schädliches bei Gläubigen und Andersgläubigen hinwegzusehen. Wer weiß, wie viel Schädliches und Ärgerliches selbst im aufgeklärten Unglauben steckt und von religiösen Menschen gutmütig ertragen wird.