Das Goethe-Institut hat mich nach Rabat eingeladen. Eigentlich kein schlechter Start in den Frühling. Zumal die Veranstaltungsreihe, die ich mir ansehen soll, ein vorverlegter Geburtstag ist. Theoretisch feiert das Bauhaus zwar erst im kommenden Jahr den Hundertsten. Aber die Zeit lässt sich natürlich bestens mit Kulturprojekten überbrücken. Ich fahre also durch die marokkanische Hauptstadt und frage mich, wie eine Kunstbewegung aus Weimar es bis hierher geschafft hat. Denn genau das wollen die Kuratoren Marion von Osten und Grant Watson in den nächsten Monaten bei Veranstaltungen zwischen Marokko und China klären. Wie Afrika, Asien und Amerika sich mit der Bauhaus-Clique ausgetauscht und gegenseitig inspiriert haben. Bislang klingt ihr Konzept zwar noch etwas akademisch. Weil das Ganze aber in einer kleinen Galerie im Bahnhofsviertel starten soll, hoffe ich auf den Input der lokalen Kunstszene.

Elisabeth Wellershaus, 1974 geboren, lebt in Berlin. Sie ist Journalistin und arbeitet unter anderem als Redakteurin für das Kunstmagazin "Comtemporary And". Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © ZEIT ONLINE

Die Künstler und Kunsthistoriker, die mich im Le Cube begrüßen, sind bereits voll bei der Sache. Angeregt plaudern sie in der Küche des Showrooms und unterhalten sich über die Bilder im Nebenraum. Dort hängen Fotos von Studenten und Dozenten der legendären École des Beaux-Arts in Casablanca. Fotos von Menschen, die in den Sechzigerjahren radikal neue Vorstellungen von Gesellschaft im Maghreb prägten – unter anderem inspiriert durch das einst revolutionäre Bauhaus. Ihre Bilder vermitteln die Aufbruchstimmung in der Zeit nach der europäischen Besatzung. Und doch scheint es, als hätten sich 60 Jahre später längst nicht all ihre Versprechen eingelöst. Der Workshop hat noch gar nicht angefangen, da diskutiert die aktuelle Künstlergeneration schon darüber, warum sie die Übermacht des Westens noch immer nicht ganz abgeschüttelt hat.

Myriam El Haïk hat in Rabat und Paris Musik studiert. Heute lebt sie in Berlin und setzt in ihrer Kunst auf abstrakte Symbolik, in der das Vermitteln zwischen den Kulturen leise mitschwingt. An diesem Morgen hat sie ein kleines rotes Spielzeugklavier dabei, auf dem sie ein schepperndes Lied vorspielt. Im Geschäft hatte man ihr schräge Blicke zugeworfen, als sie dort jedes Minipiano einzeln ausprobierte. Die Dinger hätten keinen echten musikalischen Wert, hatte eine geduldige Verkäuferin ihr erklärt. "Doch, für mich schon", hatte El Haïk geantwortet und war mit ihrem Instrument auf die Straße spaziert. Denn für sie steckt Bedeutung in diesem Klavier. Es steht für etwas Spielerisches, was ihr in der Ausbildung an den Musikhochschulen fehlte. Für das Experiment mit dem vermeintlich Fremden, mit Stilrichtungen, die in ihrer kolonial geprägten Musikerziehung keinen Platz hatten. "Es sind die scheinbaren Gegensätze, die mich faszinieren", sagt sie. Und ich ahne, dass es an diesem Wochenende nicht allein ums Bauhaus gehen wird.

Denn viel zu viel steht hier heute im Raum. Und viel zu selten haben Künstler in Marokko die Möglichkeit, sich in informellem Rahmen darüber auszutauschen, was genau das Leben zwischen Europa und dem Maghreb mit ihnen macht. Es gibt kaum Plattformen, auf denen sie sich abseits staatlicher Kulturinstitutionen und ohne Angst vor Zensur darüber verständigen könnten, warum es so viele ins Ausland zieht und dann doch wieder zurück. Darüber, wie europäische Abschottungspolitik auf der einen und reformresistente Monarchieapparate auf der anderen Seite dafür sorgen, dass eine Generation, die den Kolonialismus gar nicht mehr miterlebt hat, noch immer im Dazwischen festhängt.