Seit #MeToo verändert sich die Theaterwelt. Es war, als hätte jemand kräftig die Tür zugeknallt, so stark, dass der Holzrahmen einen Riss bekam und das marode Gemäuer zu bröckeln begann. Seither hört man es rieseln, große und kleine Brocken fallen durch den Riss über der Tür, je nachdem, wer über die Schwelle tritt. Mit Staub bedeckt sind alle im Betrieb, halbe Belegschaften großer Häuser fragen sich kollektiv und öffentlich: Warum sind wir so verstaubt? Warum geht es uns dabei so schlecht? Und warum sprechen wir erst jetzt?

Aber reden sie nicht seit 20 Jahren davon? Die Feminist_innen, die Aktivist_innen of Color? Vertreter_innen jener, die von Theater schon immer ausgeschlossen waren? Fragten Angehörige der Gruppe "Kritische Kulturpraktikerinnen" nicht schon lange vor #MeToo, wie es sein kann, dass ein hochsubventionierter Raum wie das Theater eine "Parallelwelt von und für mehrfachprivilegierte Menschen bleibt"?

Es brauchte einen Aufstand der Hollywood-Göttinnen, um über Missbrauch und Machtstrukturen zu sprechen. Jener Frauen, die uns seit der Kindheit als Vorbilder begleiten, Vorbilder darin, was es heißt, schön und sexy, am sexiesten zu sein. Vorbilder auch darin, (qua Skript) möglichst wenig Redeanteil in einer Diskussion für sich zu beanspruchen, um vom Helden auserwählt zu werden. Auserwählt, weil geheimnisvoll und umsorgend genug, ihn auf seinem Abenteuer zu begleiten, das da ist: Held zu sein, Fantasien zu haben, diese in Realität umzusetzen.

Ich bin mit Scarlett Johanssons Filmen großgeworden, zuerst mit ihren Pferden, dann mit ihren Leinwandhelden, bis ich den Faden verloren habe und sie in einem YouTube-Video mitten im Women's March wiedergefunden habe. Ihre Haare waren ab, sie war inzwischen Mutter und sie hatte etwas zu sagen. Das Bedürfnis ihrer PR-Agentur und ihr eigenes dürften hier übereingestimmt haben. 

Darja Stocker schreibt Theaterstücke. Sie recherchiert seit Jahren zu Widerstandsbewegungen. Mit ihrem Stück "Nirgends in Friede. Antigone", wurde sie zu den Autorentheatertagen am Deutschen Theater eingeladen. Zur Zeit schreibt sie ein neues Stück mit dem Titel "100 Jahre weinen, 100 Bomben werfen". Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Mohamedali Ltaief

Sie war nicht die Erste aus ihrer Branche, die sprach, sie brauchte keinen besonderen Mut und sie hatte nichts zu verlieren. Mit 19, so sagte sie zur Menge und zur Welt, habe sie Beziehungen gehabt, in denen die Machtdynamik so jenseitig gewesen sei, dass sie von sich selbst eine Erzählung kreieren musste, die ihr wahres Ich verleugnete. Zur damaligen Zeit dachte sie, dass ihr kreativer, professioneller und sexueller Wert nur an der Bestätigung eines Mannes gemessen werden könne. Mittlerweile habe sie ein neues Motto: kein falsches "Entsprechen" mehr. Denn endlich sei sie auf der Höhe der Bewegung angekommen, in deren Mitte sie nun stehe.

Ihre Rede enthält nicht mehr, als in feministischer Literatur zu finden ist. Bemerkenswert ist, dass sie eine Korrektur der Erzählung über sich selbst anstellt. Sie tut es als Privatperson. Wir, die Zuschauer_innen übertragen ihre Selbstkritik aber unweigerlich auf ihre Filmrollen. Zuvor künstlich, mit Spezialeffekten männlicher Fantasien versehen, holt Johansson selbst ihren Körper zurück zu sich, zu uns, wie einen verlorenen Planeten aus dem Universum eines verrutschten Bestätigungssystems.

Dass jemand wie sie sich eines Tages aus freien Stücken entscheiden kann, sich einer Bewegung anzuschließen, weist auf Privilegien hin.  

Es scheint, mit dem Theater verhält es sich wie mit Scarlett Johansson. Das Theater ist ein weißer, privilegierter Ort, der sich Gedanken macht. Es hat sich entschieden, ebenfalls auf der Höhe der Bewegung zu sein.             

Theaterschaffende hatten immer den Anspruch, politische Kunst zu machen. So sehr Hollywood aus Theaterperspektive eine Maschine des Mainstreams ist, so sehr teilte das Theater mit ihm den Glauben, dass Leiden der Preis sei für das Leben im Scheinwerferlicht. Jetzt, da selbst die Fake-Maschine darüber spricht, wie unerträglich manche Lügen sind, ist das Theater gezwungen, nachzuziehen.

Transformation der Rollenbilder

Statistiken über den deutschsprachigen Kulturbetrieb verraten: Das Theater hinkt der gesellschaftlichen Realität hinterher. Jedes neoliberale Unternehmen ist diverser als das Theater, weil die profitorientierte Wirtschaft begriffen hat, dass unterschiedliche Perspektiven Qualität fördern. 70 Prozent der Theaterregisseure sind männlich. Auf der großen Bühne sogar 80 Prozent. Frauen findet man besonders oft im Kinder- und Jugendtheater. Von Diversität sozialer und weiterer Herkünfte kann keine Rede sein. 

Der Ruck, der die Grundfesten dieser veralteten Struktur erschüttert hat, führte zu einem ersten Treffen weiblicher Theaterschaffender,  in Bonn. Auf der Konferenz Burning Issues berichtete die Gastrednerin und Dramaturgin Yvonne Büdenhölzer, "dass Frauen viel stärker selbstzweifelnd sind beziehungsweise sich infrage stellen, und Männer bessere Behaupter sind. (...) So fragen Frauen: Wie fandest du das denn jetzt? Oder: Was meinst du dazu, zu meiner Arbeit? Und der Regisseur sagt zu seinem Dramaturgen: Ist gut so, oder?"

Man könnte den scheinbar verbreiteten Selbstzweifel unter Regisseurinnen so deuten, dass dieser nur geäußert wird, um einer Erwartung zu entsprechen. Man könnte fragen, ob Frauen, die klare Visionen haben, am Theater willkommen sind. Welche Persönlichkeiten vom Theater ferngehalten werden, weil sie an der Anpassung an die Machtstrukturen gescheitert sind. Und ob Frauen, die sich unsicher zeigen, allzu lange hierfür belohnt wurden. 

Man könnte den Bericht aber auch anders deuten: Dass das Theater Personen, die ihre eigene Arbeit zur Diskussion stellen, weniger ernst nimmt. Und dass Regisseurinnen, als Vertreterinnen einer Minderheit, mehr Fragen an ihre Arbeit stellen als ihre männlichen Kollegen. Wäre das so, kann man diese Frage als Einleitung zu einer Transformation am Theater verstehen, das sich nach Blackfacing und #MeToo aus eigenem Entschluss verletzlich und wissbegierig gibt, da es sich ganz offensichtlich mit vielen Fragen noch nicht auseinandergesetzt hat.

Wo kann man besser über Machtdynamiken in Beziehungen und Freundschaften sprechen, über Bedingungen des Begehrens, als auf der Bühne? Könnte man das Phänomen, dass Schauspielerinnen andere Podien als ebendiese Bühne betreten, um ihren Redeanteil zu vergrößern und als Persönlichkeiten wahrgenommen zu werden, wieder zurück auf die Theaterbühne übertragen? Reicht es noch, alte Stücke mit modernen Accessoires neu aufzuführen?  

Was sich durch #MeToo, aber auch durch eine neue Generation von Theaterschaffenden bereits geändert haben dürfte, ist, dass persönliche Grenzüberschreitungen, die vorher nicht entschuldigt werden mussten, nun in der öffentlichen Wahrnehmung geächtet werden. Es ist ein Bewusstsein dafür gewachsen, was eine andere Normalität sein könnte. Trotz sich fortsetzender struktureller Benachteiligung ist dies ein Handlungsspielraum und Schritt nach vorn für jene, die sich nach einer Transformation der Rollenbilder sehnen.