Wer die schwere Tür des Geschäftshauses in der Berliner Mohrenstraße 63 öffnet, tritt in die Vergangenheit. Nicht nur, weil der Vorsitzende der deutschen Burgenvereinigung Bodo Ebhardt das Haus vor hundert Jahren für die Allianzversicherung im Stil eines Neorenaissancetempels erbaut hat, sondern auch, weil im Windfang noch ein richtiger Pförtner sitzt und aussieht, als würden wir das Jahr 1989 schreiben und ein paar Häuser weiter, im Internationalen Pressezentrum in der Nr. 36/37, läse Schabowski gerade die neuen Reiseregelungen vor.

Annett Gröschner lebt als Schriftstellerin und Publizistin in Berlin. Sie schreibt Romane, Erzählungen, Essays, Theaterstücke, Radiofeatures und Reportagen. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © privat

An der Stirnseite des Foyers ist die Zeit als Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft in Kratzputz konserviert. Ein Ingenieur gibt einem Stahlarbeiter einen Plan, die beiden um einen Kopf kleineren, fröhlich-kumpeligen Frauengestalten sind den Produkten in ihren Armen nach auf dem Feld und im Garten tätig. Es riecht ziemlich penetrant nach DDR, weil im ganzen Haus der alte PVC-Fußboden liegt, das gleiche Muster, das ich noch aus meiner Hochhaus-Kindheit kenne. Seltsam, ausgerechnet hier, gleich neben dem Regierungsviertel von Berlin-Mitte, wo die Bodenpreise ins Unermessliche steigen, noch so ein unrenoviertes Refugium zu finden. Der Fahrstuhl ist kaputt. Auf dem Weg zur Produktionsfirma Solo:film in einer der oberen Etagen komme ich an den Räumen des Deutschen Kulturrats, der Urheberrechtsinitiative und diversen anderen Kulturbüros vorbei.

Was schiefgegangen ist bei der Wiedervereinigung

Eigentlich hatte ich mich mit der Dokumentarfilmerin Sabine Michel anlässlich des bundesweiten Kinostarts ihres jüngsten Dokumentarfilms Montags in Dresden verabreden wollen, aber nun treffe ich sie zur Aufführung des Films beim Festival Achtung Berlin, wo er im Wettbewerb läuft. Hinter ihr liegen turbulente Wochen, seitdem der Film im November auf dem Internationalen Filmfestival Dok Leipzig Weltpremiere hatte. Sabine Michel begleitet in ihrem Film drei überzeugte Pegida-Anhänger, zwei Männer und eine Frau, über mehr als ein Jahr durch ihr Leben und auf die Dresdener Montagsdemonstrationen, lässt sie sprechen und hält sich mit Kommentaren zurück. Der Film wurde kontrovers aufgenommen.

Es ist nicht der erste Dokumentarfilm, den Sabine Michel über den Osten gemacht hat. Es ist ihr Lebensthema und in gewisser Weise verbindet uns das.

Für Take a picture – Die Fotografin Sibylle Bergemann erhielt sie 2012 einen Grimme-Preis. Ihre eigene Geschichte hat sie 2013 in Zonenmädchen verarbeitet, in dem fünf Frauen, unter anderem die Filmemacherin, ihre Zeit seit dem Abitur im Dresden des Jahres 1990 rekapitulieren. Wie viel Zone steckt noch in uns, fragte sie, und die Antworten fielen unterschiedlich aus. Ich habe mir so einen Start in eine völlig andere Gesellschaft für Leute, die gerade erwachsen geworden sind, viel unbeschwerter vorgestellt als für die Älteren. Man trug kaum Ballast mit sich herum und hatte noch keine falschen Entscheidungen getroffen. Man konnte durchstarten und die Herkunft war in der Fremde kein Problem, man war ja nicht mehr an den Schuhen erkennbar. Aber unsere Herkunft holt uns, egal wie alt wir bei der Wende waren, seit 30 Jahren immer wieder ein, selbst wenn wir sie verleugnen. Uns klebt der Osten am Schuh, ob wir nun Arbeitsschuhe oder Manolo Blahniks tragen.

Jede von uns weiß, warum sie aus der ostdeutschen Provinz weggegangen ist, ins Offene, in die Welt oder um das Weite zu suchen. Und jede hat Bekannte oder Verwandte, die dageblieben sind und Parteien wählen, gegen alles stehen, was wir selbst an Werten verkörpern. Es ist Teil unserer Arbeit, darüber nachzudenken, was schiefgegangen ist bei der Wiedervereinigung und was diese Frage mit dem neoliberalen Umbau der gesamtdeutschen Gesellschaft zu tun hat. Wie viel Angst damit verbunden ist. Und warum die Rechten leichte Hand hatten, in Ostdeutschland Erfolge zu feiern.