Als das Internet noch Datenautobahn hieß, wurde die Medienbildung verkehrspolizeilich konzipiert. Man informierte über Verhaltensregeln im Internet, warnte vor Cybermobbing und dem Suchtpotenzial von Computerspielen und erklärte, wie das Gerät vor Schäden durch Dritte zu schützen sei. Die Zertifikate, die es dafür gab, hießen "Surfschein", "Medienführerschein" oder "European Computer Driving Licence".

Diese missverständlichen Metaphern haben großen Schaden angerichtet, nicht nur an deutschen Schulen. Natürlich ist es wichtig, Umgangsregeln und Vorsichtsmaßnahmen zu vermitteln. Aber es wäre fatal, Medienbildung auf handlungsorientiertes Nutzungswissen zu reduzieren, darauf, sich unfallfrei auf jener digitalen Autobahn zu bewegen.

Nötig ist zugleich, die gesellschaftlichen Folgen der Technologienutzung zu reflektieren. Die verkehrspolizeiliche Medienbildung muss durch die KollegInnen vom Kriminaldezernat ergänzt werden. Denn es sind die Kriminalpolizisten, die öffentlichkeitswirksam wichtige Fragen zu digitalen Medien stellen. Genauer: die Polizisten in den Kriminalfilmen.

Kontaktlinsen mit eingebauter Kamera, die bei Erregung (während eines Mordes etwa) das, was man erlebt, aufnehmen und direkt in die Cloud speichern. Künstliche Intelligenz, die Daten manipuliert und das Steuerungssystem eines Autos hackt, um die eigene Abschaltung zu verhindern. Ein Internet-Star, der vor laufender Kamera Streiche für seine Fans durchführt und dabei erschossen wird. Dies sind nur vier Beispiele dafür, wie der Tatort-Krimi in den vergangenen anderthalb Jahren die aktuellen und möglichen gesellschaftlichen Implikationen neuer Technologien ins deutsche Wohnzimmer brachte (Wendehammer, HAL, Echolot, Level X).

Es bleibt dahingestellt, wie ahnungslos und überfordert das typische Tatort-Publikum von solchen Themen ist – und wie überfordert bisweilen auch die Tatort-Macher von einer angemessenen Umsetzung ihres Themas. Außer Frage steht, dass hier steile Vorlagen für spannende Unterrichtsdiskussionen am Wochenanfang geschaffen werden. Lehrende müssten die Bälle der Fernsehkommissare nur richtig auffangen, um ihre Mittel- und Oberstufenschüler in hitzige Gespräche über die neuen Leitmedien zu verwickeln. Da geht es dann nicht mehr darum, wie man eine App öffnet oder seine Daten sichert. Da geht es plötzlich ums Prinzipielle: Inwiefern verändern IT-Unternehmen die Situation des Menschen und mit welchem Mandat? Lassen sich die Langzeitfolgen dieser Veränderungen vorhersehen? Ist der Mensch das Opfer seiner technischen Erfindungen?

Die unterrichtsfähige Transformation solch philosophischer Überlegungen beginnt bei der simplen Frage, ob die Schüler ihr Handy beherrschen oder dieses sie. Zum Diskussionsergebnis wird die Einsicht gehören, dass es technisch zwar möglich, sozial aber völlig "unmöglich" wäre, eine WhatsApp-Message wie einen Brief zu behandeln (statt sie prompt und kurz zu beantworten) oder auf ein Facebook-Update mit einem ausführlichen Kommentar zu reagieren (statt mit einem raschen Like). Prompt wäre man bei einem Hauptsatz der Medientheorie: Erst formen die Menschen ihre Werkzeuge, dann werden sie von diesen geformt.

Ebenso erfahrungsbezogen – aber schon ambitionierter im Unterrichtsziel – wäre die Frage, inwiefern die digitalen und sozialen Medien Falschmeldungen und Hassreden nicht nur zulassen, sondern durch ihre Kommunikationsstrukturen zusätzlich befördern. Denn das nonverbale, binäre Bewertungsverfahren der Likes und Shares sowie das rigide Zeitregime, unter dem dies angesichts einer erdrückenden Informationsfülle erfolgt, sind nicht das beste Umfeld, um ein nuanciertes, wohl begründetes Urteil zu entwickeln.