An die besorgten Bürger und Bürgerinnen, die sich durch die Überschrift und den Teaser gequält haben und jetzt denken: "Oh nein, diese SJW schon wieder! (Social Justice Warrior, habe ich aus den Kommentaren zu meinen Texten gelernt.) Jetzt hat sie eine neue Diskriminierung erfunden, über die sie sich aufregen kann!" Ich kann Sie beruhigen. Dass Frauen das Lachen verboten wird, habe nicht ich erfunden, es passiert bereits ziemlich lange. Aber beginnen wir mal ganz harmlos bei mir.

Azadê Peşmen arbeitet als Journalistin, unter anderem für Deutschlandradio Kultur. Sie lebt in Berlin, wo sie als Spoken Word-Künstlerin auftritt und sich journalistisch und künstlerisch mit urbaner Kultur auseinandersetzt. Aus Sicherheitsgründen achtet sie darauf, dass es keine Bilder von ihr im Netz gibt. Sie ist Gastautorin von ''10 nach 8''. © el boum

Es ist ein sonniger Sonntag, ich spaziere mit einer Freundin auf einer Straße im Berliner Bezirk Kreuzberg und fange an zu lachen. Nach wenigen Sekunden steht ein Mann auf dem Balkon und brüllt mir entgegen: "Es ist zu laut!" Interessanterweise handelte es sich bei dem Mann, der mir seine Benimmregeln aufzwingen will, um einen Vertreter genau der sozialen Gruppe, die vor zwanzig Jahren keinen Fuß in diesen Stadtteil gesetzt hätte. Jene, die einen großen Bogen um ihn machten wegen "der ganzen Ausländer" und wegen des schlechten Rufs, der mit der Chiffre SO36 einherging: marode Bausubstanz und einkommensschwache Familien, die als integrationsunwillig bezeichnet wurden und werden. Heute sind weite Teile des Bezirks, wie die Skalitzer Straße, eine Spielwiese für Investoren, die sich dort beim Monopoly tummeln, als gäbe es kein Morgen.

Männliche Zurechtweisung

Warum ich diesen Kontext ausführlich erwähne? Weil dieser Wunsch nach Wertevermittlung, demzufolge das laute Lachen einer Frau, im öffentlichen Raum nichts zu suchen hat, nicht ohne den Integrationskomplex zu betrachten ist. Es ist eine ziemlich eklatante Schieflage: Ein weißer Mann fühlt sich dazu berechtigt und vor allem auch ermächtigt, mich zurechtzuweisen und zu sagen – beziehungsweise in diesem Fall zu schreien –, wie ich mich zu verhalten habe. Schließlich könnte mein Lachen dazu führen, dass sich Männer (so wie er) davon gestört fühlen. Mit der gleichen Begründung verboten übrigens auch die Taliban in Afghanistan Frauen das Lachen, eines von vielen Verboten, die Ende der Neunzigerjahre eingeführt wurden. Im gleichen Atemzug muss man den Vorstoß von Bülent Arınç nennen, einem türkischen Politiker, der vor vier Jahren in einer Rede forderte, dass man Frauen das laute Lachen untersagen solle.

Auch aus historischer Perspektive hat Lachen etwas mit Macht zu tun. Bereits in der Antike galt Lachen als ein Mittel, um Überlegenheit zu demonstrieren und Normen aufrechtzuerhalten. Schon seit Langem und bis heute wurde und wird es auch eingesetzt, um Menschen zu demütigen und sie zurechtzuweisen. Diejenigen, die in den Kategorien "Rasse", Geschlecht oder Klasse oben stehen, bestimmen, wer wann, wo, worüber und wie laut lachen darf. 

In deutschen Benimmbüchern aus den 1960er Jahren etwa schlug sich die Vorstellung nieder, dass lautes Lachen von Frauen als vulgär und sogar als als Zeichen sexueller Promiskuität aufzufassen sei, stellt die Linguistin Barbara Merziger in ihrer Dissertation fest. Solche Vorstellungen lassen sich nur schwer und langsam wieder entsozialisieren und verlernen. Lautes Lachen gilt in Deutschland als unseriös, noch dazu ist es Ausdruck starker Gefühle und starke Gefühle behält man lieber für sich. Hier schlagen eine gewisse Konsenssucht und Konfliktscheu durch, die hierzulande weit verbreitet scheinen.

Zugegebenermaßen ist mein Lachen ein oder zwei Dezibel höher als der bundesdeutsche Durchschnitt. Das hat aber auch einige Vorteile. Beispielsweise wenn mein Arbeitskollege, der eine halbe Etage tiefer sitzt, eine Teamsitzung vergisst und durch mein Lachen aus dem Konferenzraum daran erinnert wird, dass wir uns treffen wollten. Auch wenn ich bei einer überfüllten Veranstaltung bin und meine Begleitung gerade nicht aufzufinden ist, ist mein Lachen ziemlich hilfreich. Es ist quasi mein persönliches GPS-Signal, das mich nie verloren gehen lässt. Auf Comedy-Veranstaltungen bin ich ebenfalls ein gern gesehener beziehungsweise gehörter Gast. Also eigentlich gar nicht so unnütz. Aber eben nur eigentlich.

Aus dem Restaurant geworfen

Denn wenn ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin, dann kann ich die Uhr danach stellen, wann mich Menschen mit Blicken mustern, die irgendwo zwischen genervt und entgeistert liegen. Es sagt allerdings selten jemand etwas, erwartet wird eher, dass das Gegenüber Gedanken lesen kann und den schweigenden Hinweis schon richtig zu deuten weiß. Es gibt aber auch Situationen, wie beispielsweise im Restaurant, in denen man das, was angeblich stört, nicht selbst ansprechen muss, sondern diese Aufgabe bequem outsourcen kann. Einmal hörte ich, wie ein Kellner seinen Kollegen bat, er solle mich und meine Freundin ermahnen, nicht so laut zu lachen. Er selbst hat sich nicht getraut, uns zurechtzuweisen. Und einmal kam der Kellner direkt auf mich zu und erklärte, dass sich die anderen Gäste durch mein Lachen gestört fühlten, und warf mich und meine Freundin hinaus. Trinkgeld gab es an diesem Abend keines.

Ich warte noch auf den Tag, an dem meine Nachbarn die Polizei rufen, weil die Lautstärke meines Lachens nicht der gesetzlich erlaubten Zimmerlautstärke entspricht. Wundern würde es mich nicht. Falls meine Nachbarn und Nachbarinnen diesen Text vorher lesen sollten: Sie können auch gerne klingeln, bevor Sie sich an Ordnungsbeamte wenden. Ich beiße nicht. Ich lache höchstens.