"Keine Erotik", lese ich im Schaufenster eines thailändischen Massagesalons. Ein unvoreingenommener Mensch würde sich nun zu Recht fragen: Ja, wieso auch? Ist doch ein Wellnessangebot. Genauso gut könnte man dort schreiben "Keine Waffeln" oder "Heute ohne Konfetti."

Ramona Raabe, Jahrgang 1992, ist Schriftstellerin. Sie studiert Film- und Literaturwissenschaft an der FU Berlin und der UC Los Angeles. Im März 2018 erschien ihr literarisches Debüt "Das pathologische Leiden der Bella Jolie" im Dittrich Verlag. Die Novelle behandelt den Kult um das Selfie und fragt nach den Schattenseiten unserer digitalen Existenz. Ramona Raabe ist Gastautorin bei "10nach8". © Patricia Kaiser

Der (Un-)Sinn dieses Hinweises erschließt sich in der Welt stereotypischer Kategorien, einer Welt, die uns allen vertraut ist und uns zugleich einander fremd macht. Als Tochter eines Deutschen und einer Thailänderin kenne ich den stereotypisierenden Blick: Mal kommt einer ins Grübeln, ob die Heirat meiner Eltern tatsächlich aus romantischen Gründen geschah, mal werde ich zur vermeintlich exotisch-paradiesischen Projektionsscheibe sexistischer Wünsche umfunktioniert. Keine Frage, akzeptabel ist das nicht. Ich versuche es irgendwie zu verstehen, wenn ich auch kein Verständnis dafür habe. Ich kann es nachvollziehen, weil auch ich mir eine Welt ohne Stereotype nicht vorstellen kann. Weil auch ich annehme, dass sich die meisten Stereotypen wohl ab und an in der Wirklichkeit bestätigen. Und weil ich glaube, dass wir, um ihrer tieferen Wahrheit auf die Spur zu kommen, in uns selbst gehen müssen.

Stereotype stehen einer toleranten, chancengleichen Gesellschaft im Weg. Insbesondere generalisierte Feindbilder postfaktischer Fanatiker verurteilen wir zu Recht, das ist klar. Aber was ist mit unserem spontanen, stereotypen Denken im Alltag, das andauernd unreflektierte Zusammenhänge herstellt zwischen angeblicher Kategorie X und daraus abgeleiteter Annahme Y? (Bei der Kategorie "Daily-Spa-Massage im Nobelhotel" wird sicher nicht so häufig die Nachfrage "Happy Ending inklusive?" aufkommen, sodass dieser Erwartung dementierend zuvorgekommen werden müsste.)

Unverzeihliche moralische Verfehlung

Kategorisierungen sind das häufig willkürliche Ergebnis kollektiver, zementierender Gewohnheitsleistungen. Sie sind der klebrige Teer, mit dem wir die Straßen bauen, auf denen wir durch unsere Tage gehen. Mit ihrer Hilfe orientieren wir uns und schaffen in manchen Fällen auch identitätsstiftende Ordnung durch Gruppenzugehörigkeit. Sie sind nützlich, aber wenn sie uns durch die Zuschreibung anderer etwas überstülpen, was wir nicht sind, fühlen wir uns unserer Individualität beraubt, beleidigt oder verletzt. Wenn ich in den Medien sehe, wie deutsch-thailändische Heiratsarrangements dargestellt werden, ganz so, als würden thailändische Frauen nur darauf warten, von wohlhabenden, westlichen Männern der Armut entrissen zu werden, fühlt sich diese Verallgemeinerung – denke ich an die Beziehung meiner Eltern – furchtbar falsch und unfair an. Doch in jeder Begegnung stets als facettenreiches Individuum wahrgenommen zu werden, ist leider kein Menschenrecht.

Wer also meint, dass wir aufhören müssen, über Fremde nur anhand einer Erstinformation zu urteilen, formuliert damit einen erstrebenswerten Idealzustand, der aber faktisch nicht realisierbar ist. Denn das menschliche Gehirn ist zur kognitiven Informationsverarbeitung auf Kategorien und die schnelle Einordnung äußerer Reize angewiesen. Stereotype sind die kleinen Helfer für den Schnellcheck: Wie viel Einfluss hat eine Person auf mich? Was will sie von mir? Und: Ist das gut oder schlecht für mich? Stereotype orientieren sich an sozialen Kategorien wie zum Beispiel Ideologie (konservativ bis progressiv), Vertrauenswürdigkeit/Freundlichkeit und Erfolg/Kompetenz und sind in der Tat meistens negativ, vor allem aber sind sie Automatismen. Zu verlangen, dass man keine Vorannahmen treffen dürfe, gleicht der Forderung, nicht an den rosa Elefanten zu denken. Wir kommen der Utopie einer vorurteilsfreien Welt aber nur dann näher, wenn wir diese ernüchternde Tatsache endlich offen anerkennen, anstatt sie als etwas rein Schlechtes zu verleugnen.

Denn wer ständig das Gefühl hat, Vorurteile vor sich selbst rechtfertigen zu müssen, wird möglicherweise dazu neigen, sich unkritisch an ihnen festzuklammern, seine subjektive Wahrnehmung und die daraus resultierte Beurteilung als gesetzt zu betrachten. Das Eingeständnis eines generalisierenden Urteilsmusters wird in dem Moment zur persönlichen Schwäche, in dem wir so tun, als handle es sich per se um eine unverzeihliche moralische Verfehlung, die nur wenige Übeltäter betreffen würde. Niemand will ein oberflächlicher Richter sein. Oder ein Rassist. Dabei ist es vielleicht gar nicht möglich, "nicht Rassist zu sein", wie Georg Seeßlen behauptet. Wir brauchen ein ausgewogenes und realistisches Verhältnis zu der Tatsache, dass wir nicht vorurteilsfrei sein können.

Die eigene Perspektive ergründen

Daher sollten wir diese Erkenntnis zum Impuls nehmen, in unserem alltäglichen Miteinander einen Modus der Offenheit walten zu lassen, eine Achtsamkeit, die dem Gegenüber jederzeit die Möglichkeit gibt, das vorgefertigte Bild zu korrigieren. Ein Bewusstsein, welches stereotype Vorstellungen in der individuellen Begegnung aufmerksam prüft und dabei den Blick für Abweichungen und produktive Irritationen schärftDarin liegt nämlich die eigentliche Herausforderung: die eigene Wahrnehmung dahingehend zu trainieren, nicht nach dem zu suchen, was unser Vorurteil bestätigt, sondern nach dem, was ihm widerspricht. Das setzt ein Wagnis voraus: lieb gewonnene Gewissheiten über Bord zu werfen, anstatt es sich in der Behaglichkeit der wattierten, immerzu selbstbestätigenden Wirklichkeit einzurichten. Sapere Aude!

Tatsächlich haben Stereotype uns einiges mitzuteilen. Dass sie erheblich mehr über Charakter, Lebenswelt und Erfahrungshintergrund der Person aussagen, die sie hegt, und überhaupt nichts Wesentliches über die, denen sie gelten, kann zu einer erkenntnisreichen Lehrstunde über sich selbst werden. In diesem Sinne sind sie, finde ich, ein richtiges Wundermittel: Stereotype können ungemein helfen, die eigene Lebensperspektive tiefer zu ergründen. Die existentielle Frage "Wer bin ich?" lässt sich teilweise ziemlich zuverlässig über "Was denke ich über andere?" beantworten. Häufig ist diese Prüfrichtung viel effektiver als das umgekehrte, weitaus populärere Grübeln, welches einem ständig auflauert und immer nur fragt: Was denken die anderen über mich?  

Ich denke übrigens nicht, dass es Keine-Erotik-Schilder brauchen sollte in Häusern, die solche Dienste nicht ausdrücklich anbieten. Wer verfrüht Widerspruch gegen ein Stereotyp einlegt, ist nicht zuletzt selbst daran beteiligt, dass es sich weiterverbreitet.