Daher sollten wir diese Erkenntnis zum Impuls nehmen, in unserem alltäglichen Miteinander einen Modus der Offenheit walten zu lassen, eine Achtsamkeit, die dem Gegenüber jederzeit die Möglichkeit gibt, das vorgefertigte Bild zu korrigieren. Ein Bewusstsein, welches stereotype Vorstellungen in der individuellen Begegnung aufmerksam prüft und dabei den Blick für Abweichungen und produktive Irritationen schärftDarin liegt nämlich die eigentliche Herausforderung: die eigene Wahrnehmung dahingehend zu trainieren, nicht nach dem zu suchen, was unser Vorurteil bestätigt, sondern nach dem, was ihm widerspricht. Das setzt ein Wagnis voraus: lieb gewonnene Gewissheiten über Bord zu werfen, anstatt es sich in der Behaglichkeit der wattierten, immerzu selbstbestätigenden Wirklichkeit einzurichten. Sapere Aude!

Tatsächlich haben Stereotype uns einiges mitzuteilen. Dass sie erheblich mehr über Charakter, Lebenswelt und Erfahrungshintergrund der Person aussagen, die sie hegt, und überhaupt nichts Wesentliches über die, denen sie gelten, kann zu einer erkenntnisreichen Lehrstunde über sich selbst werden. In diesem Sinne sind sie, finde ich, ein richtiges Wundermittel: Stereotype können ungemein helfen, die eigene Lebensperspektive tiefer zu ergründen. Die existentielle Frage "Wer bin ich?" lässt sich teilweise ziemlich zuverlässig über "Was denke ich über andere?" beantworten. Häufig ist diese Prüfrichtung viel effektiver als das umgekehrte, weitaus populärere Grübeln, welches einem ständig auflauert und immer nur fragt: Was denken die anderen über mich?  

Ich denke übrigens nicht, dass es Keine-Erotik-Schilder brauchen sollte in Häusern, die solche Dienste nicht ausdrücklich anbieten. Wer verfrüht Widerspruch gegen ein Stereotyp einlegt, ist nicht zuletzt selbst daran beteiligt, dass es sich weiterverbreitet.