Katja Ebstein hatte recht. "Abschied ist ein bisschen wie sterben", sang sie Mitte der Siebzigerjahre. Und ja, wenn eine Liebe zu Ende geht, tut das furchtbar weh. Erst recht, wenn man die Verlassene ist. Private Sicherheit, gewachsenes Vertrauen zu verlieren, kann auch körperlich und seelisch richtig gefährlich werden. Und es mag sehr lange dauern, bis man wieder einigermaßen Boden unter den Füßen spürt. Verlassen werden fühlt sich an, als sei der andere gestorben. Und das ist er gewissermaßen. Man trauert und wehrt sich, man hasst und bereut. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem es wieder weitergeht. Aber ein bisschen gestorben ist man hernach eben auch.

Anja Maier, Jahrgang 1965, ist "taz"-Journalistin, hat mehrere Bücher veröffentlicht und ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Die Autorin Ulrike Stöhring hat genau diese Erfahrung gemacht. In ihrem Buch Vielen Dank für alles erzählt sie von ihrer sehr persönlichen Niederlage. Eben noch hatte sie mit ihrem Ehegespons in der gemeinsamen Wohnung Weinchen geschlürft, eine halbe Stunde später fand sie sich zusammengebrochen auf dem Badezimmerboden neben dem Katzenklo wieder. Dazwischen der "Super-GAU": die Ansage des Partners, er habe sich verliebt und werde sie – jetzt! – verlassen. Sorry, das war's.

Einfach Schluss nach dreißig Jahren

Ohne Vorwarnung fand Stöhring sich in einer akuten Belastungssituation wieder. Ihren Schmerz, die Panik und den Wunsch, jetzt bitte lieber tot zu sein, beschreibt sie als "fulminanten Ausnahmezustand". Aber da war eben auch dies: "ein kleiner Raum in mir, der unversehrt blieb wie die Blackbox eines Flugzeugs, das gerade abgestürzt war". Es ist der Schritt ins Unbekannte, zu dem man sich in dunkler Stunde eben doch wieder aufrafft. Wenn auch zaghaft. Es muss ja weitergehen. Es muss.

Jeder Mensch kennt so etwas in den verschiedensten Variationen. Verlassen werden kann man sowohl vom Sandkastenfreund als auch vom eigenen Kind oder der großen Liebe. Angehörige sterben, Lebensfreunde machen nach dreißig Jahren einfach Schluss. Sicher ist nichts im Leben. Doch es macht einen großen Unterschied, in welchem Alter so etwas passiert. Stöhring war Anfang fünfzig, als ihr Mann sie verließ. Ihr sei trotz des umgehend einsetzenden rasenden Schmerzes doch auch schnell klar gewesen, schreibt sie im Vorwort ihres Buches, "dass ich dieses Lebensereignis nicht einfach nur durchleiden konnte und wollte". Sie war bereit zu verstehen, statt sich vor der eigenen Zukunft zu ängstigen.

Mit sich sein, nicht allein sein

Rasch war klar: Einschlägige Beratungsliteratur half nicht weiter. Die meisten solcher Bücher sind auf Frauen und Männer zugeschnitten, die sich postwendend auf die Suche nach einer Anschlussbeziehung machen. Wer bei Amazon "Trennung Ratgeber" eingibt, findet dort viel Schrott – von Bastelanleitungen für Herzschmuck über Warum du ihn gehen lassen musst, damit er zurückkommen kann bis hin zur abzuhakenden Checkliste Für den, der geht.

Stöhring wollte das alles nicht. Sie war in einer fundamentalen Krise, außerdem in den Wechseljahren, mithin in einer Lebensphase, wo frau sich auch noch etwas anderes vorstellen kann, als zeitnah in die nächste Beziehungsfalle zu treten, nur um nicht alleine zu sein. Nach gelebten Jahrzehnten zwischen Familiengründung, Jobs, Beziehungen samt Ehe-, Pubertäts- und Geldsorgen ist da ab fünfzig durchaus Raum für noch etwas Weiteres: den Wunsch nämlich, ab jetzt mal einen Gang rauszunehmen und auf sich selbst zu schauen. Mit sich zu sein bedeutet schließlich nicht zwangsläufig, allein zu sein.

Für Stöhring, die in ihrem Leben schon diverse Trennungen und neue Lieben erlebt hatte, war klar, dass es diesmal für sie nicht um die Wiederherstellung eines Status quo gehen konnte. Sie war bereit, eigene Muster zu begreifen, auch nach ihrem Anteil am Scheitern zu fragen. "Einem Anteil, der ziemlich viel Allgemeingültiges über das Paarungsverhalten der Frauen meiner Generation zwischen feministischer Guerilla und Versorgungsehe aussagt."

"Wir kletterten noch in Ruinen"

Es macht eben einen Unterschied, an welchem Punkt des Lebens man verlässt oder verlassen wird. Den Typen scheiße finden und sich was Neues zu suchen, erscheint da als nur mittelgute Option. Schließlich weiß man spätestens ab fünfzig, dass das Leben endlich ist. Die Kinder sind groß, die Eltern alt, manchmal pflegebedürftig oder bereits verstorben, gute Freunde leiden an lebensbedrohlichen Erkrankungen. Will man also sein Leben einfach weiter nach dem Versuch-und-Irrtum-Prinzip bestreiten? Oder ist man bereit, aus erworbenem Wissen nachhaltiges Handeln abzuleiten?

Tatsächlich ist dies der Punkt, der Vielen Dank für alles so lesenswert macht, auch wenn man kein gebrochenes Herz hat. Einmal abgesehen von Stöhrings bildhaftem, erfrischend selbstironischem Erzählstil, mag es durchaus zur eigenen Beziehungsweiterbildung beitragen, sich durch die 34 Kapitel des Buches zu blättern. Die Autorin dieses Textes zum Beispiel ist seit drei Jahrzehnten mit ihrem Mann zusammen. Die Frage nach der Liebe kann sie eindeutig mit Ja beantworten. Was aber nicht heißt, dass es nicht miese Phasen gegeben hätte. Und nein, das bedeutete nicht, dass man als Paar nur abwarten musste, damit es wieder besser wurde. Sondern dass das auch jede Menge Arbeit war. Ein gutes Paar zu werden bedeutet immer auch, ein einzelner Mensch bleiben zu dürfen.

Brennball und Verstecken

Wer Ulrike Stöhrings Buch liest, versteht ganz gut, was damit gemeint sein könnte.  Sie schreibt: "Ich hatte eine tief verinnerlichte, falsche Verpflichtung, so eine Art Hausmeisterin in der Seele meines Mannes zu sein, verantwortlich für die Abteilung Lebensglück. Gleiches erwartete ich von ihm. Das funktionierte nicht, weil es nicht funktionieren kann. Mein Mann wurde stumm und ich wurde laut." Die beiden, darf man dem entnehmen, waren im Laufe der Zeit zu einem ziemlich robusten Hauswartsehepaar zusammengewachsen, das vor lauter Schönheitsreparaturen die gefährlich wankende Statik aus dem Blick verloren hatte.

Bekanntlich werden wir über fünfzigjährigen Frauen und Männer gern als Babyboomer bezeichnet. Das klingt wie eine mächtige demografische Armee, die den Nachkommenden spätestens im Pflegefall das Erbe wegfressen wird. Und ja, da ist was dran. Aber es gibt für uns Leute aus den Sixties auch diese Bezeichnung: Kriegsenkel. Und da ist eben auch was dran. Viele von uns, vor fünfzig, sechzig Jahren Geborene, sind oft ein bisschen wie nebenbei aufgewachsen. Wir waren unglaublich viele Kinder, für unsere Spiele eroberten wir ganze Straßenzüge in Dörfern und Städten. Wir spielten Brennball und Verstecken und gingen im Winter alleine Schlittschuhlaufen. Wir schliefen mit unseren Geschwistern in Doppelstockbetten, hatten Abwaschdienst und fuhren in den Ferien wochenlang ins Ferienlager und zu unseren Großeltern.

Kein Platz für kindliche Gefühle

Unsere Eltern bauten wahlweise den Sozialismus oder die soziale Marktwirtschaft auf. Sie waren fleißig und zuverlässig, am Wochenende hörten sie französische Schlager, brieten Kassler und machten mit uns Ausflüge. Als wir älter wurden, diskutierten sie mit uns, ihren Kindern, hitzig über Politik.

Unsere Mütter und Väter, denen der Krieg unter die Haut gefahren war, wollten mit ihren Familien vor allem ein gutes, ein geregeltes Leben. Stöhring zitiert dazu die Journalistin Margarete Stokowski: "Sicherheit, Stabilität und Sauberkeit waren die Antwort auf das Chaos des Krieges." Und Sicherheit bedeutete vor allem dies nicht: Wankelmut, Schwäche, seelisches Gründeln. Neigten wir, ihre Kinder, zum Zweifeln, ignorierten unsere Eltern das lieber erst einmal. Es machte sie unsicher. Was kommt, geht auch wieder.

Unsere heute hochbetagten Eltern hatten Empathie schlicht nicht gelernt. Niemand hatte es ihnen beigebracht. Unbewusst erwarteten sie dasselbe Verhalten von ihren Kindern: keine Schwierigkeiten machen, sich durchbeißen, Mama und Papa froh machen. Für ihre kindlichen Gefühle war ja schließlich damals, in den Dreißiger- und Vierzigerjahren, auch kein Platz gewesen. Sie hatten gelernt, sie wegzustecken – den Erwachsenen um sie herum ging es schließlich viel schlechter.

Mangel an Mitgefühl

Meine Mutter, 1936 in Dresden geboren, spricht bis heute nicht über ihre Kriegserlebnisse. Mein Vater, 1932 im Sudetenland auf die Welt gekommen, hat mir erst vor Kurzem erzählt, dass er im letzten Kriegsjahr von den Stufen seines Elternhauses aus dem Feuerschein der brennenden Stadt Dresden gesehen hat. Ein Gluthelm in der Nacht. Dort, in einem Keller, zitterte seine spätere Frau dem Ende des Grauens entgegen. Sie war acht Jahre alt. Wenig später, der Krieg war verloren, musste mein Vater mit Eltern und Geschwistern seine Heimat verlassen, aus dem Kaufmannskind war ein Flüchtling geworden.

Aus Kindern, die so etwas überstehen mussten – die funktionieren mussten und besser nicht klagten –, wurden tapfere Erwachsene. Stille Eltern. Jedenfalls, wenn es um Gefühle wie Schmerz, Zweifel und Versagen ging. Das war nicht immer schlecht für ihre Kinder. Viele Kriegsenkel mögen bis heute pragmatische Lösungen, vernünftige Entscheidungen, Entschlusskraft. Doch es mangelte uns eben mitunter auch an Mitgefühl – auch für Mitgefühl mit uns selbst. Wenn es also kriselte, wenn eine Beziehung schwankte, eine Liebe versank, rissen wir uns zusammen und machten weiter. Oder einfach Schluss. Und dann suchten wir uns den nächsten Partner.

Auch die gebeutelte Ulrike Stöhring hat das so erlebt. Aber statt wie erlernt den Arsch zusammenzukneifen, geht sie los und sucht nach neuen Zugängen und Erfahrungen. Sie überwindet ihr altes, untaugliches Muster und macht sich endlich locker. Und durchaus auch mal lächerlich. Aber so what! Wer raus will aus der alten Haut, ignoriert mal besser den allfälligen Spott fürs Esoterische und transformiert alles, was nützen könnte, ins Praktische. Hypnose, Tantra, Schamanismus. Familien- und Körperarbeit, Schweige-Retreat, Gedichte lesen ... Stöhring probiert alles aus und schreibt dann darüber. Was hilft, kann bleiben, was hemmt, bleibt eine interessante Erfahrung.

Die Geldfrage

Und natürlich geht es ehrlicherweise auch um Geld. Um Rentenpunkte, ausstehende Kreditraten und Möbel, die man sich als Paar gemeinsam angeschafft hat. Um den ganzen Rattenschwanz an Verbindungen und Verbindlichkeiten, der selbst dann da ist, wenn man keine gemeinsamen Kinder hat. Aus der Zugewinngemeinschaft sollen wieder zwei unabhängige BürgerInnen hervorgehen. In dem Kapitel "Das böse G-Wort" verhandelt sie recht nachvollziehbar die Geldfrage. Rache oder Großmut? Soll er für seinen Verrat zahlen – oder bin ich die nette Ulrike, die großmütig abwinkt, wenn es um die Kohle geht?

Weder noch. Stöhring erklärt sehr griffig, warum man beim Trennungsunterhalt fürs Finanzamt lieber eine "außergewöhnliche Belastung" statt der "Sonderausgabe" sein sollte. Und warum es keine gute Idee ist, ausgerechnet in einer Lebenskrise die Spendierhosen anzuziehen. Sie konzediert aber auch, dass es gerade beim Thema Geld meist eben doch um verletzte Gefühle geht. "Die Gefühle benutzen das Geld", schreibt sie. Auch deshalb rät sie, sich anwaltlichen Rat zu holen.

So eine Trennung ist eben nicht vergnügungssteuerpflichtig. Aber sie kann vieles klären. In Stöhrings Fall hat das eigene Hinterfragen dazu geführt, dass sie sich seit der Scheidung regelmäßig mit ihrem Exmann trifft. Die Spaziergänge nennt sie "Nachsorge". Ein gut gewähltes Wort für die Begegnung von zwei einst Schwerverletzten, von denen eine tatsächlich kurz geglaubt hatte, nach dem Abschied käme nicht mehr viel.