Wir waren drei Frauen, die zweifelten. An unseren Jobs, die wir eigentlich nicht wollten, und an unseren Beziehungen, die wir gerade so aushielten. Unsere Fingerknöchel waren weiß, denn wir hielten uns fest an dem, was wir hatten, dachten wir zweifelnd. Hängen, das ist eben unsere Haltung. Denn wer wusste schon, vielleicht war von uns ja auch gar nicht so viel zu halten, wie wir insgeheim hofften, dass von uns zu halten sein könnte. Wir gingen aus, gebückt, spülten unser Leid mit Bier aus. Schlechter als über uns redeten wir eigentlich nur über alle anderen, also die, die taten, was wir eigentlich tun wollten, uns aber nicht trauten.

Julia Friese (1,70m) ist Deutschlands größte Pop-Autorin, Musikkritikerin und Kolumnistin. Als Kind war sie kleiner. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Christian Werner

Wir waren Dackel. Niedrige kleine Kläffer. Irgendwann habe ich es auch gesagt. In ihre Gesichter, dank des Bieres in meiner Hand. Wisst ihr, habe ich gesagt, ich glaube, ihr wisst es auch, aber unser ganzes Gebelle, das ist genau das, vor dem wir Angst haben, dass man es über uns sagen würde, wenn wir nur täten, was wir tun wollen würden. Und am Ende machen wir dann gar nichts. Wegen Versagern wie uns versagen wir uns, etwas zu machen. Das ist doch irre. Warum verharren wir, wo wir sind, und klagen und zweifeln? Weil eine Sehnsucht zu haben schöner ist, als an einem Traum zu scheitern?  Und wie dumm sind wir, dass wir darauf warten, jemand würde endlich das in uns sehen, was wir niemandem zeigen?

Die Frauen sahen mich entsetzt an. Denn sie wussten, wenn man nicht mehr zweifelt, bleibt ja nur Akzeptanz oder Handlung. Und wie verdammt unangenehm ist es, etwas tun zu müssen?

Reden, um Ausreden zu finden

Mit dem größtmöglichen Elan ging ich zurück in mein Leben voller Zweifel. Der Elan, diese Zweifel aufzulösen, war nun so groß, dass ich erschöpft unter ihm einschlief. "30 Jahre lang habe ich nichts gemalt", sagt der Maler in Rainald Goetz' Krieg: Nur Gesprächsfanatismus. Natürlich. Ringen um Wahrheit, aber in Wahrheit nichts gemacht.

Dann traf ich eine Frau zum Mittagessen, die sehr erfolgreich genau das ist, was sie sein will. Sie ist so alt wie ich. Wenn man uns nebeneinanderstellt, könnte man uns für ähnlich halten. Denn sie hat auch zwei Arme, Beine, Füße –, aber eben keine Zweifel. Wir aßen vietnamesische Nudeln, sogen sie per Unterdruck in unsere Münder. Ich dachte, das ist der Moment, ich frage sie, wie macht man das? Also nicht das mit den Nudeln, Herrgott, wie wird man, was man sein will?

Wie nimmt man all diese Risiken auf sich, diese Verantwortungen, und sitzt dann trotzdem noch hier und isst diese Nudeln! Wie? Und wie war eigentlich deine Kindheit?

Denn darauf schieben wir Zauderer alles. Wir zahlen Therapeuten viel Geld, damit sie uns das bestätigen: Nichts ist je irgendjemandes Fehler. Wir müssen alle so handeln, wie wir handeln, denn wir wurden e i n m a l falsch behandelt, und davon handelt dann unser ganzes Leben. Unsere einzige Lösung lautet: reden. Im Reden finden wir Ausreden dafür, dass alles genau so, wie es jetzt ist, sein und bleiben muss. Im Kopf sind wir Zweifler fleißig, eigentlich aber sind wir faul.