Der Volkspark Berlin-Blankenfelde liegt saftig grün vor uns, alles blüht. Die andere Mutter und ich haben beschlossen, den warmen Frühlingsnachmittag hier unter Nachbarn zu verbringen. Wir haben unsere Schuhe ausgezogen, sitzen auf einer karierten Decke im Gras. Ihr Baby liegt vor uns und nagt an einem Beißring. Wir unterhalten uns über unsere Jobs, Kinofilme, die Bücher, die wir gerade lesen. Sie hat nur Augen für ihr Baby, ich schaue ab und zu in Richtung unserer beiden sechsjährigen Söhne, die etwa zehn Meter entfernt von uns Fußball spielen.

Caroline Rosales, geboren 1982 in Bonn, arbeitet als Redakteurin der Funke-Mediengruppe. Zudem ist sie Autorin von zwei Sachbüchern. Im Jahr 2012 gründete sie den Blog stadtlandmama.de, der bis heute zu den größten Elternblogs in Deutschland zählt. Sie lebt mit ihren zwei Kindern in Berlin und ist Gastautorin von "10 nach 8". © Aram Pirmoradi

Die andere Mutter redet, und ich sehe, wie die Jungs auf einmal mit zwei jungen Männern sprechen. Die haben selbst einen Fußball dabei und zeigen unseren Söhnen Balltricks. Die Männer tragen T-Shirts, Cargohosen – und bundeswehrartige Frisuren mit ausrasiertem Nacken. 

"Ich will nicht, dass die Jungs mit Nazis reden", sage ich plötzlich und falle damit meiner Bekannten ins Wort.
"Ach, Caro. Das sind doch keine …", erwidert sie. 

Aber da bin ich schon aufgestanden, renne zu unseren Söhnen und sage ihnen, dass wir langsam gehen müssen. Minuten später sitzen die Jungs mit uns auf der Decke, als einer der beiden Männer verschwitzt sein T-Shirt auszieht. Auf seinem Rücken wird ein großes Wehrmachtskreuz sichtbar. Trotz Vorahnung stockt mir der Atem. Die andere Mutter schluckt – das kann ich sehen –, sagt aber nichts.

Hektisch packe ich meine Sachen, nehme meinen Sohn an die Hand, der protestiert. Im Gehen verspreche ich ihm ein Eis und später eine Erklärung. Die andere Mutter fächert ihrem Baby derweil weiter Luft zu, wir hatten uns höflich verabschiedet. Sie wollte noch eine Weile sitzen bleiben.

Sie hat hier vor Kurzem mit ihrem Mann ein Haus gekauft. Gleich die Straße runter. Sie muss hierbleiben. Oder gehen und sich damit indirekt eingestehen, dass die Gegend für ihre Familie, für die kommende Einschulung ihres Sohnes doch keine gute Idee war. Ich hingegen bin lediglich Mieterin in diesem Viertel und könnte jederzeit weiterziehen. Den Möbelwagen bestellen und zwar besser heute als morgen, denn die Grenze des Erträglichen ist längst überschritten.

Wir wohnen in Berlin-Blankenfelde, einem Teil von Pankow. Zwischen Birnbaumring und Gurkensteig. Nirgendwo in Berlin hat die AfD mehr Stimmen bekommen als am Pankower Stadtrand: 37 Prozent haben bei der vergangenen Bundestagswahl im September 2017 die AfD angekreuzt. Im September 2017 hatte die Partei hier 7,7 Prozent Zuwachs.

Pankow, das ist kein sozialer Brennpunkt, hier gibt es weder Moscheen noch Flüchtlingsheime. Ganz im Gegenteil, ich lebe im ehemaligen Osten, nur wenige Kilometer vom hippen, intellektuellen Prenzlauer Berg entfernt. Ich lebe in jenem grünen Stadtteil, wo die Biobauernhöfe, Pferdeställe, Waldkindergärten und alternativen Naturschulen stehen, in die die Prenzlauer-Berg-Eltern morgens ihre korrekt gestillten, gekleideten und erzogenen Kinder hinbringen. Sie sollen hier Pilze sammeln, wandern und Gemeinschaftsgefühl lernen.