Seit ich als freie Journalistin arbeite, fällt mir etwas auf: Es gibt Ballungen von Themen, die sich mir nicht erklären. Natürlich führt ein Artikel über Architektur oft zum nächsten Artikel über Architektur, aber es gibt auch Muster, die von selbst entstehen und sonderbar sind.

Sally McGrane kommt aus Berkeley in Kalifornien und lebt seit mehr als zehn Jahren in Berlin. Sie ist Journalistin und schreibt unter anderem für die "New York Times" und den "New Yorker". Ihr Spionageroman "Moskau um Mitternacht" ist im März 2016 im Europaverlag erschienen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Julia Fischer

Eine dieser seltsamen Häufungen hat mit Orten zu tun: In Paris, Amsterdam und Kopenhagen tauchte beispielsweise eine Geschichte nach der anderen wie aus dem Nichts auf. Oder in Krefeld: Ich hatte nur meine Berliner Nachbarin besucht, die dort aufgewachsen war, schon kam ich zurück, um über das bahnbrechende Schaffen der dortigen Amateurentomologen zu schreiben.

In diesem Jahr war es zum ersten Mal nicht ein Ort, auf den ich wieder und wieder stieß, sondern ein Thema. Und auch wenn ich bis vor Kurzem noch dachte, dass sich das eben so ergeben hat, bin ich mir jetzt nicht mehr so sicher, nur einem Zufall gefolgt zu sein. Ich schreibe jetzt gehäuft über alte Menschen.

Der Elan der Alten

Die erste Geschichte führte mich nach Duisburg – übrigens nur zwanzig Minuten von Krefeld entfernt – ins Lehmbruck-Museum, das die ersten Führungen für Demenzkranke organisiert.

Eine Geschichte aufzuspüren, hat viel mit Instinkt zu tun. Ich weiß nie genau, warum es so ist, aber es kommt mir vor, als wäre da etwas, was für mein eigenes Leben von Bedeutung ist. Ich fragte mich deshalb nicht, warum mir die Führungen im Lehmbruck-Museum so ins Auge gestochen waren. Ich bin nicht auf das Schreiben über alte Leute spezialisiert, ich habe kaum Erfahrungen mit der Demenz und, um ganz ehrlich zu sein: Nach einer Stunde Museum bin ich erschöpft.

Es wurde ein unglaublicher Tag. Sybille Kastner, Mitarbeiterin des Museums, hat die Führungen entwickelt, nachdem die Mutter einer Kollegin an Demenz erkrankte; nicht zuletzt um ihre Kollegin zu unterstützen. Sie führte die Gruppe von zwölf Demenzpatienten und deren Betreuer durch die weißen Hallen des Museums und stellte einfache Fragen zu den Installationen der Künstlerin Rebecca Horn: Was sehen Sie? Wie fühlt sich das an? Die Gruppe antwortete voller Elan, und mir fiel auf, dass dieser Zugriff auf die Kunst es auch mir leichter machte, aufzunehmen, was ich vor mir sah.

Die Gesamtheit des Lebens erfahren

Bei einem Kunstwerk kreisten drei goldene Ringe langsam ineinander. "Nie würde ich meinen Ehering abnehmen", sagte eine Frau, während sie die Skulptur betrachtete.

"Interessant, dass sie das sagen", sagte Sybille Kastner. "Das Werk heißt Umschlungen in unendlicher Liebe."

"Ja", die Frau nickte, "wir haben immer alles zusammen gemacht."

Während ich einem Workshop zusah, bei dem Demenzpatienten den Nachmittag mit einer nahestehenden Person verbrachten und gemeinsam Kunstwerke anfertigten – ungefähr so, wie man das im Kindergarten macht –, dachte ich, dass ich mit meiner Lebensweise nur ein Stück vom Leben erfahre, nicht dessen Gesamtheit. Vielleicht, so erschien es mir, wäre es eine gute Idee, etwas häufiger auf diese Art zu leben und wenigstens ab und an zu pausieren und in der Gesellschaft eines geliebten Menschen ein paar Stückchen farbigen Stoff zusammenzukleben.