Seit Februar bieten die Entbindungsstationen in Minsk etwas ganz Neues an: Die Wöchnerinnen dürfen von Familienangehörigen besucht werden. Bis vor kurzem waren die Verhältnisse dort alles andere als familiär. Was in anderen Ländern eine Selbstverständlichkeit ist, gilt in Belarus als Fortschritt.

Vera Dziadok, 1978 in Minsk geboren, ist Dolmetscherin und Projektmanagerin. Seit 2007 arbeitet sie im Programmbereich des Goethe-Instituts Minsk. Als Journalistin hat sie mit unterschiedlichen belarussischen Medien zusammengearbeitet, v. a. der Zeitung Nascha Niwa. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Wiktoryja Charytonawa

Die Geburt eines Kindes ist in Belarus weniger eine familiäre als eine staatliche Angelegenheit. Jede Schwangere muss sich so bald wie möglich beim Frauenarzt melden. Von da an sorgt der Staat für sie. Im Land der kostenlosen Medizinversorgung heißt das: Sie ist gegenüber dem Land verpflichtet, ein gesundes Baby zur Welt zu bringen. Ab nun ist sie ein Kämpfer. Entbindung wird in Belarus häufig noch mit dem Armeedienst verglichen, nach dem Motto: Die Männer sollen zur Armee, im Ausgleich dafür, dass Frauen Kinder zur Welt bringen. Um das zu verstehen, muss man in die Vergangenheit blicken.

In ihrem Buch Der Krieg hat kein weibliches Gesicht schreibt die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, welcher Stigmatisierung die weiblichen Freiwilligen der Roten Armee nach dem Krieg ausgesetzt waren. Während die Männer als Helden ausgezeichnet wurden, verdächtigte man die Frauen der Promiskuität. Vielen von ihnen blieb ein Familienleben verwehrt. Also verheimlichten viele ihre Kriegsteilnahme und verzichteten lieber auf den Anspruch auf Rente, Auszeichnungen, andere Erleichterungen.

Die Misogynie, die in der sowjetischen Gesellschaft herrschte, war in den Geburtsstationen, die wie Kasernen geführt wurden, wie nirgendwo anders spürbar. Bis heute werden Babys vor allem als Gegenstand staatlicher Sorge angesehen. Die Geburtshilfe ist Steckenpferd des Präsidenten Alexander Lukaschenko, ebenso die Geburtenrate, die 2016 zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder anstieg. 18- bis 19-jährigen Mädchen gab er den Tipp, sie sollten Kinder zur Welt bringen, statt auf der Schulbank zu sitzen.  

Der Betrieb läuft in belarussischen Geburtsstationen nach wie vor nach alten sowjetischen Schemata. So wird zum Beispiel das Baby von der Mutter getrennt und auf einer Säuglingsstation untergebracht. Wann Mutter und Kind sich wiedersehen, entscheidet der Arzt. Oft wird in die Entbindung eingegriffen, mit Amniotomie, Einführung stimulierender Mittel (Oxytocinen) und sogar mechanischem Druck auf den Bauch. Die Kaiserschnittrate ist ähnlich hoch wie in anderen europäischen Ländern, in Belarus beträgt sie 29,7 Prozent (Deutschland 2016: 30,5 Prozent).

Belarus steht ganz oben in der Rangliste der Länder mit der niedrigsten Säuglingssterblichkeit. Im Jahr 2016 starben dort, wie auch in Deutschland, 3 von 1.000 Säuglingen. Auch die Muttersterblichkeitsrate, ein anderes Kennzeichen für die Qualität der Geburtshilfe, ist niedrig.

Doch was für das Land und die Statistik gut ist, muss nicht unbedingt positiv für jede individuelle Geburt und für das Verhältnis von Mutter und Kind sein. So haben sich viele bürgerliche Initiativen in Belarus eine Humanisierung der Geburtshilfe zum Ziel gesetzt.