Wer einmal auf der Berliner Prachtstraße Unter den Linden gewesen ist, braucht eigentlich nie mehr nach München zu fahren. Sauberkeit, Polizeiwagen, Touristen und Flagship-Stores von allen großen Marken. Dazwischen gibt es immer wieder lustige Berliner Bären zu kaufen.

Wahrscheinlich waren die wenigstens Berliner je in all diesen Läden, für das Nötigste gibt es ja den Späti um die Ecke, und mehr als das Nötigste können Berliner sich ob der steigenden Mietpreise sowieso nicht leisten. Dabei verpassen sie das Beste. Wenn Malte aus Neukölln jeden Tag auf seinen Cold-Brewed-Coffee verzichten würde, könnte er sich endlich eine eigene Wohnung leisten und müsste nicht mehr mit seiner Ex und ihrem Kampfmops zusammenwohnen. Berlin wird immer teurer, das Sterni heißt jetzt Craft Beer, und ab und zu sieht man lange Menschenschlangen auf dem Bürgersteig, und erst wenn man ganz vorne nachfragt, erfährt man, dass man hier für überhaupt nichts Konkretes ansteht, denn echte Events kosten Geld, und so hat man immerhin das Schlangestehenerlebnis, völlig ohne einen Cent auszugeben.

Berlin ist eine Stadt mit rasant ansteigenden Mietpreisen, und selbst wer in einer kleinen Box wohnt, muss dann immer noch Geld für Lebensmittel ausgeben. Dabei kann man zumindest am Kaffee sparen, denn Kaffee gibt es umsonst in großen Läden. Und Kaffee umsonst suche ich hier, und irgendwo muss man ja anfangen mit dem Sparen.

Die Kunden sind gerade woanders

Das Taxi kotzt mich vor einem Miele-Laden aus. Hier herrscht Sauberkeit und Ordnung, auch in deutschen Medien wieder total wichtig. Ein Verkäufer kommt auf mich zu. Was ich denn suche, fragt er, ich schaue neben mich, fünf Staubsauger schauen treudoof zurück. "Staubsauger", sage ich, "für meine Mutter, ist ja bald Muttertag." Meine Mutter würde mich umbringen, wenn ich ihr zum Muttertag ein Haushaltsgerät schenken würde, aber hier geht es nicht um sie, es geht um das große Ganze, da muss man Opfer bringen. Wie aus einer Umfrage von SurveyMonkey hervorgeht, geben Millennials in den USA im Jahr mehr Geld für Kaffee aus, als sie für ihre Rente einzahlen. Man muss schauen, wo einen Spätkapitalismus noch durchfüttert, und da scheine ich bei Miele an der genau richtigen Adresse zu sein. Staubsauger schmiegen sich an Waschmaschinen und Geschirrspüler, dazwischen viel Platz für Kunden, die wohl gerade woanders sind. Ganz hinten stehen einladende Tische, darauf kleine Glasfläschchen mit Fruchtsäften, solche, die so angenehm ploppen, wenn man sie öffnet.

Der Verkäufer, ein unfassbar freundlicher Mann mit gemütlicher Glatze, zeigt auf verschiedene Modelle. Mit Staubbeutel, ohne Staubbeutel. Er drückt mir einen Flyer in die Hand. Ich sage, die Auswahl sei einfach zu groß, ich würde mich gerne setzen und darüber nachdenken, welcher Staubsauger am besten zu meiner Mutter passt, und ob ich wohl einen Cappuccino haben könnte. Selbstverständlich, sagt der Mann, und bietet mir wahlweise Rohrzucker oder normalen Zucker an. Auf die deutsche Industrie ist noch Verlass, hier gibt es umsonst Koffein, Kundenservice, Nächstenliebe. Bevor ich in Versuchung gerate, jedem meiner Facebook-Freunde einen Staubsauger zu kaufen, entschuldige ich mich, halte den Flyer hoch, bedanke mich, stehe wieder auf der Straße.

Draußen konkurriert eine Baustelle mit arabischen Touristen um Lautstärke, Reisegruppen hetzen vorbei, Schüler starren auf ihr Handy, während ein Tourguide ihnen die Geschichte der Stadt erklärt, dabei ist man hier umgeben vor lauter Gegenwart. Ich flüchte, nuschle mich mit "sorrys" durch die Schüler und betrete den Nivea-Flagship-Store. Ein weiterer Riesenladen, alles ist nivea-blau und reinweiß. Es gibt viele Nivea-Produkte. Es gibt Sarahs, die versuchen, mir Nivea-Produkte zu verkaufen. An der Wand hängt ein Schild: "Der Besucher wird vom Bekannten zum Freund, und das Nivea-Haus von einem Haus zum Zuhause." Es ist also wirklich fast wie zu Hause, nur dass sich zu Hause keiner so bekloppte Poster an die Wand hängen würde.

Klar: Wohlfühlen

Wie sie mir helfen könnte, fragt eine Mitarbeiterin mit grotesk gepflegtem Hautbild. Ich stehe vor Produkten für die reife Haut und greife nach irgendeinem Produkt, das die Zeit anhalten soll. Ich will nicht die Zeit anhalten. Ich will nicht für immer in diesem Laden stehen. Ich will nicht für immer nur noch mit Sarahs reden. Ich will nicht für immer im Nivea-Haus zu Hause sein. Aber mit Produkt in der Hand ist die Chance auf Gratisheißgetränke nun mal größer.

"Haben Sie Kaffee?", frage ich. Sarah-oder-so schaut auf das Produkt für reife Haut, dann wieder auf mich, mein Teint scheint ihr definitiv noch nicht reif genug, dann deutet sie auf eine Selbstbedienungstheke ganz hinten. "Kaffee nicht, aber Tee", sagt sie und schaut skeptisch. Klar. Wohlfühlen, da gehört Tee dazu. Kaffee macht nur hektisch, und hier will man keine Hektik, man will alles verlangsamen, Hautalterungsprozesse, den Aufenthalt im Pflegeparadies. Ganz hinten, das ist da, wo sich Gruppen von Frauen mit einer Ernsthaftigkeit, als ginge es um ihre Rente, zur Tagespflege beraten lassen. Das also macht man hier so: Man hat Freundinnen, geht mit denen in einen Nivea-Laden. Wenn einen schon sonst nichts mehr überrascht im Leben, hat man vielleicht bis zu Hause vergessen, wofür man eigentlich sein Geld ausgegeben hat und schaut dann dort verwundert auf Cremes, die nichts nützen, und Tuben, die man nicht braucht, und freut sich kurz über gar nichts. Immerhin ist der Tee umsonst.