Erneut wurde eine sensible und empfindsame Beobachtung eines deutschen Politikers zu kaltem Rassismus umgedeutet. Dieses Mal traf es den FDP-Vorsitzenden Christian Lindner, der völlig Recht hat mit seiner Äußerung vom Bundesparteitag: "Man kann beim Bäcker in der Schlange nicht unterscheiden, wenn einer mit gebrochenem Deutsch ein Brötchen bestellt, ob das der hoch qualifizierte Entwickler künstlicher Intelligenz aus Indien ist, oder eigentlich ein sich bei uns illegal aufhaltender, höchstens geduldeter Ausländer."

Sachlich ist das korrekt. Man kann beim Bäcker die Kundschaft noch so aufmerksam und detailliert taxieren, wie man will, man erkennt auf Anhieb nicht, wer wer ist. Die Unterscheidung zwischen IT-Inder und Illegaler ist aber wichtig. Denn im ersten Fall kann man den Kunden höflich darauf aufmerksam machen: "Hier nix Papadam, hier nur Vollkorn." Andernfalls müssten sich drei Volksdeutsche auf den illegalen Inder werfen und der vierte, der ganz oben liegt, könnte schnell die Polizei anrufen, und dann Sonnengruß, aber zacki zacki.

Die zurückhaltende kurze Andeutung dieser sehr deutschen Bäckerschlangenepisode führte bereits dazu, dass ein unbescholtener Politiker wie Christian Lindner sich nach einem strapaziösen Parteitag gezwungen sah, einer begriffsstutzigen, empörten Bevölkerung nach seiner Rede ein Wackelvideo hinterherzusenden, in dem er sein eigenes Zitat einordnete, analysierte und interpretierte. Er erklärt geduldig, er habe bloß erzählen wollen, was ihm jemand erzählte, der…und so weiter. Wenn ein Politiker auf einem Parteitag keine Anekdote mehr erzählen darf, die ihm ein Bekannter von einem Bekannten erzählte, der jemanden kennt, dem mal was auffiel, dann Deutschland, ist es Zeit aufzustehen! Wer das missverstehen will, der ist, da kann man Lindner nur beipflichten, einfach "hysterisch".

Hier gilt mal wieder rechts vor links

Natürlich hat sich durch den Zuzug von gebrochen Deutsch sprechenden Menschen das Land verändert. Da greift Christian Lindner wahrlich nicht auf Hirngespinste zurück. Seit den 1950er Jahren bis 1973 kamen vier Millionen Menschen überwiegend aus den Mittelmeerländern nach Deutschland zum Arbeiten. Als ob das nicht reichen würde, zogen noch Millionen Russlanddeutsche nach. Von 16 Millionen DDR-Bürgern mal ganz zu schweigen, deren Deutsch man auch beim allerbesten Willen nicht mehr als gebrochen bezeichnen kann, sondern allenfalls als Paralleldeutsch, um nicht zu sagen Alternativdeutsch. Kurz: Die Schlange beim Bäcker wird immer länger.

Wann war in den vergangenen Jahrzehnten Zeit, das Ganze mal psychisch zu verarbeiten?

Alle zwei Wochen erleben wir das mittlerweile, und es nervt gewaltig. Boris Palmer, ein anderer Politiker, der für seine subtilen, geradezu zartzittrig formulierten Beobachtungen von der Öffentlichkeit als Rassist gebrandmarkt wird, erlaubt sich hin und wieder auch mitzuteilen, was ihm jemand erzählte, der mal wo war, wo was war. Mal handelte es sich um Professoren, die um ihre blonden Töchter Angst haben, weil in der Nachbarschaft Asylbewerber untergebracht sind, oder um Fahrradfahrer, die eine schwarze Hautfarbe haben und rasant in die Pedale treten und den Bürgermeister von Tübingen bedrohen, indem sie die wichtigste deutsche Regel verletzen, die hier immer und für alle Zeiten gilt: rechts vor links.

Ohnehin sollte man sich fragen, warum ein indischer IT-Spezialist überhaupt zum Bäcker geht. Wenn er so sagenhaft fit "mit Internet" ist, warum druckt er sich das Backwerk nicht aus? Dass er sich dann noch die älteste deutsche Kulturtechnik aneignet, "in die Schlange anstellen", macht stutzig. Wenn er auch noch das Kleingeld parat hat und sich die Brötchen in den Leinenbeutel packen lässt, dann werfe den ersten Stein, wem da nicht das deutsche Blut in den Adern gefriert. Denn dass der IS nicht blöd ist und seine Terroristen rekrutiert, indem er ihnen sagt, "macht euch unauffällig", steht bestimmt in irgendeiner Sure, die man findet, wenn man lange genug sucht. Ist ja nun alles nicht aus der Luft gegriffen, beziehungsweise gebombt.

Die List besteht nun einmal darin, dass die einen sich integrieren, um unauffällig illegal zu sein und trotzdem – vielleicht aus Thrill und Abenteuerlust – zum Bäcker gehen, um den Spaß auszukosten. Derweil die anderen aus purer Provokation das Gegenteil tun und sich als Asylbewerber zu erkennen geben, indem sie in Tübingen das Hemd bis drei Knopf unter dem Kinn öffnen und sich die saubere, deutsche Luft für lau auf die Brust wehen lassen. Ellwangen lässt grüßen, Dobrindt allemal, weil immer alles mit allem zusammenhängt, wenn es um Deutschland und seine Ausländer geht, frei nach dem Motto: legal, illegal, Senegal.

Die wichtigste Aussage des ganzen FDP-Parteitages aber blieb vor lauter Gutmenschen-Interpretations-Industrie auf der Strecke. Hat der Lindner jetzt wirklich zugegeben, dass wir den Inder in Deutschland brauchen, damit er uns künstliche Intelligenz programmiert? Bedeutet das, dass wir die dringend erforderliche Intelligenz aus volkseigenen Quellen nicht mehr generieren können? Tun sich neben den Importbräuten und der Importscharia nicht völlig neue Konfliktlinien auf, wenn wir es künftig auch noch mit Importintelligenz zu tun haben? Und könnte uns das nicht wenigstens zehn Jahre lang in dutzenden politischen Talksshows und Parlamentsdebatten beschäftigen? Wäre es nicht jetzt spätestens Zeit, "Danke Chrissy" zu sagen?