Der Karikaturist Klaus Stuttmann zeichnete zwei Bilder, um den Unterschied zwischen einem Gefängnis und einem Ankerzentrum zu verdeutlichen. Beide Bilder sind fast identisch. Sie zeigen zwei Menschen in Sträflingskleidung in einer kargen Gitterzelle. Der einzige Unterschied zwischen beiden Einrichtungen besteht in den Fußfesseln. Auf dem einen Bild tragen sie schwere Eisenkugeln am Fußgelenk. Auf dem anderen Bild tragen die gleichen Insassen schwere Eisenanker am Fuß. Die Darstellung ist natürlich sehr polemisch, weil sie den deutschen Justizvollzugsanstalten unrecht tut. Im Gefängnis gibt es ein Besuchsrecht. Man kann, sofern es das Alter zulässt, eine Ausbildung antreten. Man kann sich in die Einzelzelle mit eigenem Klo zurückziehen. In Seehofers geplanten Ankerzentren gibt es das alles nicht.

Anker als Abkürzung für "Ankunft, Entscheidung, Rückführung" wirkt ziemlich bemüht. Ganz sicher hat man getüftelt, bis man etwas gefunden hat, was semantisch Schmusestimmung verbreitet. Klar, man hätte auch ABBA abkürzen können, für Abschiebehaft, das hätte die Intention aber zu deutlich zum Ausdruck gebracht.

In der Heute-Show im ZDF kalauerte Oliver Welke, dass man die Ankerzentren ursprünglich mit AZ abkürzen wollte. Vielleicht ist der Gag frech, er konterkariert aber sehr schön die Unverfrorenheit der Wortschöpfung, denn die Struktur der Einrichtung gleicht einem Internierungslager.

Da sind sie also wieder, die neuen alten Ideen. Der österreichische Schriftsteller Michael Köhlmeier fiel vor dem österreichischen Parlament zum Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus in seiner Rede gleich mit der Tür ins Haus: "Bitte erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle." Im Nachbarland geben sie sich nämlich nicht so viel Mühe mit dem Verschleiern von Flüchtlingspolitik durch Sprache. Deshalb drohte Köhlmeier: "Wirst du es dir gefallen lassen, wenn ein Innenminister davon spricht, dass Menschen konzentriert gehalten werden sollen?" Darum geht es. Lässt man Sprache unkommentiert durchgehen? Erlaubt man es sich, sich dumm zu stellen?

1.500 Menschen hinter Stacheldraht

Ankerzentrum klingt wohliger, nach Bootslack und Pfeifenduft in der Kajüte. Nach Ostfriesenmischung und knackendem Kandis zwischen den Zähnen. Im Wassersportlexikon heißt es, dass man den Anker fallen lässt, um eine gewisse Zeit sicher an einem Ort zu verbringen.

Bei den vom Innenminister im Koalitionsvertrag vereinbarten Ankerzentren handelt es sich um Orte ohne Besuchsrecht, ohne unabhängige Rechtsberatung, ohne Rechtsbeistand, mit einer Aussetzung der Schulpflicht für Kinder; die Liste der Dinge, die nicht vorgesehen sind, ist lang. Bis zu 1.500 Asylbewerber sollen in einem mit Stacheldraht umwickelten Gebäude Monate, vielleicht jahrelang ausharren, so lange, bis ihr Antrag auf Asyl abgewickelt wurde. In der Zwischenzeit werden sie immer wieder Angebote zur Ausreise bekommen. Das heißt dann staatliche Rückkehrberatung.

Man separiert Asylbewerber von der Bevölkerung, als handele es sich um Schwerstkriminelle und nicht um Menschen, die ihr Recht auf einen Asylantrag und eine Einzelprüfung wahrnehmen. Mit der Begriffskombination von Entscheiden und Rückführen wird das Urteil gesprochen, bevor geprüft wurde. Es sind genau diese Wörter, die maßgeblich den Ton und die Richtung der ganzen Diskussion beeinflussen. Ankommen, Entscheiden, Integrieren klänge nach mehr Wohnungsbau, mehr Bildungspolitik, mehr Lösungssuche. Ankommen, Prüfen, Entscheiden klänge nach mehr Sorgfalt. Rückführung klingt nach Problem gelöst, alles erledigt.

Neutral geht es in der Sprache rund um die Flüchtlingsfrage selten zu.

"Das Schlepperwesen bekämpfen" ist auch so eine seltsame Verdrehung der Tatsachen. Wenn Menschen vor einem Krieg fliehen, sind sie darauf angewiesen, dass ihnen jemand durch umkämpfte Gebiete, über das Meer oder die Berge hilft. Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass eine Mutter aus Homs mit ihrem Kind heimlich alleine bei Nacht im Januar über die Ägäis rudern könnte. Für diese Überfahrt zahlt sie viel Geld, das ihr an ihrem Zielort für ein neues Leben fehlt. Wenn die Bundesregierung wirklich etwas gegen das "Schlepperwesen" tun will, weil ihr die Sicherheit der Männer, Frauen, Kinder und Säuglinge am Herzen liegt, zumindest versichert sie das immer, warum erlaubt sie den Menschen aus Afghanistan, Irak oder Syrien nicht, in Flugzeuge zu steigen und sicher nach Europa zu fliegen? Dürften die Passagiere anschließend weiter mit dem Zug oder dem Bus fahren, dorthin, wo sie ihren Asylantrag stellen wollen, würde kein Mensch mehr im vollgestopften Lkw mitten in Europa ersticken und keine in Belgien abgefeuerte Polizeikugel würde die Wange eines zweijährigen Flüchtlingsmädchens durch die Tür eines Lieferwagens treffen und töten.

Kann es "Illegale" geben?

Nicht nur die Schlepper mit den wackligen Booten und den fehlenden Rettungsringen gefährden die Flucht, sondern auch die europäischen Regierungen, die den Fluggesellschaften verbieten, Flüchtlinge zu transportieren. Der ganze Diskurs über die Sicherung der EU-Außengrenzen oder die Verantwortlichen für die Toten im Mittelmeer ändert sich in dem Moment, in dem man die Bekämpfer des Schlepperwesens als Beteiligte des Problems begreift und benennt.

Mit fast allen Wörtern, die maßgeschneidert für den Komplex der Flüchtlingspolitik erfunden wurden, verhält es sich ähnlich. Öffnet man die Worte, um reinzugucken, was sich darin verbirgt, schreckt man verstört zurück. Kann es "Illegale" geben? Man kann illegal handeln, man kann untertauchen, aber man kann doch als Mensch nie und nimmer, egal wo auf der Welt, illegal sein.

Politik, die "hässliche Bilder" erzeugt

Auch so eine Entsetzlichkeit: Rückstau. Man verwendet das Wort in der deutschen Politik für die Situation der überfüllten Lager in Griechenland oder woanders. Rückstau meint bereits angekommene Flüchtlinge, die gegen ihren Willen festgehalten und an ihrer Flucht gehindert werden, während neue Flüchtlinge in das überfüllte Lager gelenkt werden. Diese aufeinanderdrückenden Menschenmassen erhalten ein Wort, das ursprünglich aus der Welt der Abwasserkanäle stammt. Wenn Starkwasser in die Kanalisation drängt, treibt es Schmutzwasser hoch, das große Schäden anrichtet. Dann spricht man von Rückstau. Seit 2015 aber meint man damit nun auch Menschen.

Man kann sich dieser Sprache verweigern, als Bürger im Alltag, in den Medien, sogar als Politiker, und zwar völlig unabhängig davon, ob man für mehr oder weniger Aufnahme von Flüchtlingen, für mehr oder weniger Öffnung plädiert. Anker, Rückstau, Rückführung, diese Worte stehen nicht nur für eine Politik, die "hässliche Bilder" erzeugt, wie Thomas de Maizière es beschrieb. Es ist auch eine feige Sprache.

Ein Masseninternierungslager kann nicht etwas anderes sein, bloß weil man es anders nennt. Diese alberne Werbesprache "Anker – ankommen, entscheiden, rückführen" tut aber so, als könne man Menschen einfach wegfeudeln wie in der Reklame für den Badreiniger, "Biff – aufsprühen, abwischen, fertig!".