Immer zum Ende des Jahres bekam ich Post von den Mieraus. Es waren liebevoll zusammengestellte, schreibmaschinengeschriebene Hefte, kopiert, geklebt, geklammert, die gut in einen Standardbriefumschlag passten. Unikate fast, mit persönlichen Widmungen. Nachrichten aus der Textwerkstatt. In ihnen Gedanken, Familienwendungen, manchmal Fragmente, Texte anderer, die Sieglinde und Fritz Mierau das Jahr über beschäftigt hatten. Mal war es eine Beschreibung von Woloschins Haus auf der Krim für die Künstler-"Nichtsnutze", Obormoty genannt, mal Capricen aus der Dämonie der DDR-Geschichte, mal die Gerüche Pawel Florenskis, und zuletzt 2017 das Lob der Torheit, von Erasmus von Rotterdam und anderen. Gedichte, die mir wie eine ironische Abrechnung mit dem Alter vorkamen, aber einmal ein Buch hatten werden sollen, 1964 schon, in Ost-Berlin. Die Druckgenehmigung war wegen "prächtiger Subjektivität" abgelehnt worden. 

Der Jahreswechsel-Brief liegt auf dem Stapel "Unerledigtes". Ich wollte nichts Dahingehuschtes zwischen zwei Deadlines geantwortet haben. Zuletzt hatten wir uns brieflich über Swanetien unterhalten und wie lange Sergej Tretjakow eigentlich dort gewesen war. Das Eisessengehen hatte eine Gewohnheit werden sollen, aber letzten Sommer waren wir nicht dazu gekommen, mal war es zu heiß, mal hatte kein Eisladen auf, weil es zu kalt war. Die Jahre davor hatten wir Eis am Wasserturm im Prenzlauer Berg gegessen und Eis am Bellevue in Zürich, die Kugel 7 Franken teuer. Das war 2014 nach einer Tretjakow-Konferenz, und ich versuchte, diesen sagenhaften Preis in Ostmark und in Eiskugeln umzurechnen. Ich kam auf 356 Kugeln à 15 Pfennig, Standardpreis für die Geschmacksrichtungen Vanille oder Frucht bis zum Ende der DDR.

Objektiv gesehen schmeckte das Eis in Zürich 2014 besser als das von der Bude in Magdeburg 1970, auch wenn das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht stimmte. Subjektiv gesehen sind die Mieraus so etwas wie meine Eltern im Geiste. Fritz Mierau mag zwar am vergangenen Sonntag mit 83 Jahren gestorben sein, tot ist er aber nicht; schon allein deshalb nicht, weil er eine der besten Biografien in deutscher Sprache verfasst hat, Das Verschwinden von Franz Jung, 1998 bei Nautilus erschienen und von der Öffentlichkeit sträflich missachtet, aber Franz Jung wurde ja auch erst von der nächsten Generation entdeckt.

Annett Gröschner lebt als Schriftstellerin und Publizistin in Berlin. Sie schreibt Romane, Erzählungen, Essays, Theaterstücke, Radiofeatures und Reportagen. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © privat

Mehr als 100 Bücher und an die 500 Aufsätze hat Fritz Mierau geschrieben, herausgegeben oder übersetzt. Im russischen Regal meiner Bibliothek kann ich ein beliebiges Buch aus DDR-Zeiten herausziehen – fast immer ist das Nachwort von Fritz Mierau. Er hat späteren in der DDR aufgewachsenen Generationen, die gebeutelt waren von Autoren wie Nikolai Ostrowski oder einem Majakowski, der im Marschrhythmus daherkam, die Liebe zur russischen und sowjetischen Literatur vermittelt. Was ich darüber weiß, weiß ich von ihm. Es waren Notrationen und Überlebenspäckchen – das Glück der Lektüre in unglücklichen Zeiten. Ein Gedicht der Achmatowa, eins von Mandelstam, zwei von Zwetajewa, von den besten Lyrikerinnen und Lyrikern der DDR nachgedichtet, brachten einen über den kalten Ost-Berliner Hinterhauswinter. Ich muss an Mierau denken, wenn ich über die Kantstraße laufe, denn dort verkehrten die Russen in Berlin, mit denen er uns mit seinem gleichnamigen Reclam-Band, wahrscheinlich sein erfolgreichstes Buch, was die Anzahl der Leser angeht, bekannt gemacht hat, lange bevor ich die Kantstraße und die Frauen mit den Pelzmänteln, deren Nerznasen das Pflaster Charlottengrads berührten, wie die vor der Russischen Revolution Geflohenen Charlottenburg nannten, mit eigenen Augen sah. 

Auch die Mieraus bekamen erst 1986 die erste "Reisegenehmigung für das nichtsozialistische Ausland". "Glücklicherweise", so Fritz Mierau, "gehörte die DDR dem Weltpostverein an, so daß, wenn bekanntlich auch sicherheitspolitisch überwacht, der Austausch nicht abbrach." Austausch gab es viel, er war lebensnotwendig für einen Wissenschaftler und Essayisten, der über die Avantgarde forschte, die im 20. Jahrhundert verfolgungsbedingt in alle Welt verstreut wurde. Man lese nur das Nachwort zu Das Verschwinden von Franz Jung, das die Stationen und Weggefährten der Recherche über das Leben des Dichters beschreibt. Ein Geflecht von Bekanntschaften und Korrespondenzen, über Jahrzehnte hinweg, ließ eine Gestalt wie Franz Jung lebendig werden. Manchmal erfordert es Jahre an Recherche für einen Fakt, der nur eine Zeile im Buch einnimmt.

Mein russisches Jahrhundert heißt Fritz Mieraus 2002 veröffentlichte Autobiografie. Sie beginnt mit den ersten russischen Lauten im Arrest nach dem Erwischtwerden beim Kohlenklauen in Döbeln 1945. Oder kam diese Affinität nicht doch eher daher, dass die slawischen Anklänge in den sächsischen Ortsnamen dem Ohr schmeichelten: Zschauitz, Dürrweitzschen, Bulleritz? Fritz Mierau war 1934 in Breslau geboren worden und in Döbeln aufgewachsen, ein Ort, von dem ihm ein sächsischer Singsang beim Sprechen blieb. Seit er im September 1952 an der Humboldt-Universität slawische Philologie zu studieren begonnen hatte, verließ er Berlin bis auf gelegentliche Reisen nicht mehr. In meinem Exemplar seines Erinnerungsbuches Mein 20. Jahrhundert steht mit Bleistift auf dem Vorsatzblatt "welterfahrene Häuslichkeit", Notiz für eine nie geschriebene Rezension. Unsere gemeinsame New Yorker Bekannte, die damals schon über 90-jährige wache und überaus kritische Eva Marcu schrieb mir in einer Mail über das Buch: "Ich glaube, dass Mierau ein besonders reicher Mensch ist, der in dieser Autobesichtigung nicht mit seinem Reichtum einerseits und seiner immer wachen Bescheidenheit andererseits fertig geworden ist." Er blieb zeit seines Lebens ein Eigensinniger ohne jede Pose.

Fritz Mieraus Karriere, damals noch Laufbahn genannt, wurde früh von Eigensinn durchkreuzt, es ging über Trampelpfade, von einer Verhaftung wurde er glücklicherweise verschont. Nach seinem Studium wurde er Assistent am Slawischen Institut der Humboldt-Universität, kündigte aber die Stelle nach kurzer Zeit, um sich ein paar Jahre freiberuflich durchzuschlagen. In den Siebzigerjahren arbeitete er am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften. Nach Wolf Biermanns Ausbürgerung und dem Ausschluss von acht Autoren aus dem Schriftstellerverband verließ es Fritz Mierau, um fortan mit seiner Frau freiberuflich weiterzuarbeiten. Seine Ausgaben russischer und sowjetischer Literatur in den Siebzigerjahren waren "Einübungen des Bruchs". "Brüche, Abschiede, Aufbrüche ins Unbekannte: keine literaturhistorischen Reminiszenzen, sondern ein Lebensstil", schreibt Mierau in seinen Erinnerungen. Nicht wenige Manuskripte bekamen keine Druckgenehmigung, etwa Cläre Jungs Paradiesvögel, das, lange fertig, erst Anfang der Neunzigerjahre bei Nautilus in Hamburg erschien.