Es ist nur eine Momentaufnahme, und doch markiert sie eine Zäsur: der ehemalige Filmproduzent Harvey Weinstein in Handschellen, geführt von einer Frau, einer Polizistin. Vielen einst mächtigen Männern wurde in den vergangenen Monaten sexuelles Fehlverhalten vorgeworfen, viele verloren ihre Posten und bleiben bisher seltsam verschwunden. Weinstein war der Erste von ihnen, dessen mutmaßliche Taten enthüllt wurden. Er ist nun auch der Erste, der wieder in der Öffentlichkeit auftauchte. Er hat sich gestellt, um seiner Verhaftung zuvorzukommen.

Keri Thompson, Sergeant des New York Police Department und dort tätig in der Special Victims Unit, heißt die Frau, die Weinstein am Freitag gemeinsam mit ihrem Kollegen Detective Nicholas DiGaudio in den Gerichtssaal des New York County Criminal Court führte. Wenn man die Bilder ihrem Symbolgehalt nach betrachtet, tat Sergeant Thompson das stellvertretend für viele andere Frauen.

Zunächst natürlich für Weinsteins mutmaßliche Opfer. Die New York Times, deren Reporterinnen Jodi Kantor und Megan Twohey im vergangenen Oktober den ersten Enthüllungsbericht über Harvey Weinstein verfasst hatten, hat noch am Freitag Reaktionen Betroffener veröffentlicht: Den mutmaßlichen Peiniger in Handschellen zu sehen, erfüllt viele dieser Frauen mit Genugtuung, aber auch mit Ungläubigkeit und Schrecken. Die Schauspielerin Cynthia Burr, die Weinstein vor rund vier Jahrzehnten zum Oralsex gezwungen haben soll, sagte der New York Times: "Als ich ihn heute in den Nachrichten erblickte, da habe ich gesehen, dass ihm nun widerfährt, was er zuvor andere hat erleiden lassen. Gefühle von Erniedrigung, Wertlosigkeit, Angst, Schwäche, Einsamkeit, Verlust, Leid, Peinlichkeit. Und das ist erst der Anfang für ihn."

Harvey Weinstein ist längst zur Symbolfigur geworden. Sexualisierte Gewalt gegen Frauen existierte zwar lange vor ihm, selbst das Hashtag MeToo gab es zuvor auf Twitter. Doch erst nach den Enthüllungen über Weinstein formte sich eine Bewegung, begannen Frauen massenhaft darüber zu berichten, was ihnen durch Männer widerfahren sei.

Fülle und Schwere der Vergehen

Der Fall Weinstein ist in mancherlei Hinsicht einstweilen nur der extremste. Die Zahl der womöglich betroffenen Frauen, die Fülle und Schwere der Vergehen und Verbrechen, die dem mutmaßlichen Täter von seinen mutmaßlichen Opfern vorgeworfen werden, die Länge des Zeitraums, in dem die Taten verübt worden sein könnten, die Systematik der Vertuschung und Einschüchterung, mit der Enthüllungen verhindert worden sein könnten, letztlich die Macht eines einzelnen Mannes geradewegs über eine ganze Branche: All das erscheint nahezu beispiellos.

Zwar wurde erst vor wenigen Wochen der Schauspieler Bill Cosby von einem US-Gericht der sexuellen Nötigung in drei Fällen schuldig gesprochen (die Verkündung des Strafmaßes steht noch aus); und auch die Vorwürfe gegen Cosby reichen zum Teil Jahrzehnte weit zurück und sind geradezu unüberschaubar in ihrer Vielzahl. Doch als vor knapp drei Jahren, im Juli 2015, insgesamt 35 Frauen im Magazin New York offenbarten, was Cosby ihnen angetan haben soll, reagierte die Öffentlichkeit nicht so laut und allgegenwärtig wie auf die Weinstein-Enthüllungen später. Man war offenbar noch nicht bereit, den Frauen zuzuhören.

Diese Bereitschaft hat sich seit den Weinstein-Enthüllungen verändert. In den USA hängt das zweifellos auch damit zusammen, dass jetzt ein Mann Präsident ist, der kurz vor der Wahl 2016 sogar noch mit seinen sexuellen Übergriffigkeiten geprotzt hat. Donald Trump hat in den USA eine neue feministische Opposition provoziert, die unzählige prominente Fürsprecherinnen hat. Madonna, Scarlett Johansson, Frances McDormand, Reese Witherspoon, Janelle Monáe, Oprah Winfrey, Maggie Gyllenhaal – wenn sich diese Größen der Unterhaltungsbranche einig sind und öffentlich ihrem Unmut Ausdruck verleihen, sind die amerikanischen Medien voll davon.

Wie nachhaltig die Bereitschaft zum Zuhören und gar zur Veränderung ist, das ist eine andere Frage. Es wurden ja im Verlauf der Sexismusdebatte recht bald Stimmen laut, die äußerten, dass #MeToo in seiner Konsequenz zu weit gehe, dem Geschlechterverhältnis abträglich sei und sofort unterbunden werden sollte. Wie auch immer das hätte geschehen sollen.