Fünf Stadien der Trauer durchlaufen Menschen nach dem Schema, das Elisabeth Kübler-Ross in ihrem Buch On Death and Dying 1969 entwarf: Leugnung, Zorn, Verhandlung, Depression, Akzeptanz. Die Rezeption des Cambridge-Analytica-Skandals scheint sich an dieses Muster zu halten. Ende März war bekannt geworden, dass sich die britische Firma auf fragwürdige Weise Zugang zu den Profilinformationen von 87 Millionen Facebook-Nutzern verschafft und diese zur gezielten Beeinflussung von deren Wahlverhaltens benutzt hatte. Wirklich neu sind solche Geschäfte nicht, doch das war lange von der Masse verleugnet worden – Phase eins. Es folgte Zorn (#DeleteFacebook, Zerschlagung!), aus dem schnell ein Bedürfnis nach Verhandlung (#RegulateFacebook, Verstaatlichung!) wurde. Spätestens als CEO Mark Zuckerberg Mitte April überforderten US-Senatoren das Geschäftsmodell seiner Firma erklären musste, trat Phase vier ein: Depression. Und heute, ein paar Wochen nach dem Skandal, wirkt es so, als würden die allermeisten das System wieder so akzeptieren, wie es ist.

Was bleibt also? Warten, bis Zuckerberg die "erste vernetzte Gefühlsmaschine der Welt" (Sascha Lobo) zu einem niedlichen Non-Profit runtertuned? Account löschen und so tun, als würde man die Fotos, Videos, Artikel und Nachrichten seiner Freunde nicht vermissen? Eigene Plattformen gründen? Oder einfach weiter posten, mit halb offenen Augen in die Dystopie? In New York treffen sich einmal pro Jahr Wissenschaftler, Journalisten, Aktivisten, Künstler und Programmierer, um den aktuellen Stand des Internetaktivismus zu erörtern. Theorizing the Web heißt die Konferenz, die nun zum achten Mal in Queens stattfand. Die meisten Teilnehmer sind um die 30, es sind viele Marxisten und Anarchisten dabei, manche schreiben gerade ihre Doktorarbeit, andere sind als Internettheoretiker bereits etabliert.

"Liberal" ist hier ein Schimpfwort

Gegründet wurde Theorizing the Web von Nathan Jurgenson, dem hausinternen Soziologen von Snapchat. Bevor es losgeht, weist er auf die Antidiskriminierungsregeln hin, "und wer das nicht kapiert, kann jetzt gehen". Die Teilnehmer von der Konferenz haben sich auf eine Autorität geeinigt, die manchen Liberalen erschrecken wird. Und genau das ist das Ziel. "Liberal" ist hier ein Schimpfwort, assoziiert mit Hillary Clinton, dem Comedian Jimmy Fallon oder dem Meinungsressort der New York Times. "Liberal" steht für Personen und Institutionen, die den kapitalistischen Status quo aufrechterhalten.

Und wofür steht links, außer für Antikapitalismus? "Sozialismus über die Blockchain" heißt der Vortrag von Grayon Earle, einem New Yorker Professor für Informatik und Mediale Künste. Spätestens die Wahl von Donald Trump habe deutlich gemacht, "dass wir uns von den etablierten Formen des Klicktivismus trennen müssen". Das Profilbild für ein paar Tage zu verändern oder #DeleteFacebook zu posten, reicht einfach nicht.

Coins für Inhaftierte

Unter dem Namen Dark Inquiry schlossen sich Earle und einige andere Programmierer und Künstler vergangenes Jahr zusammen und launchten Bail Bloc, eine App, mithilfe derer New Yorker Häftlinge unterstützt werden. "Das US-amerikanische Justizsystem beruht darauf, dass sich die meisten Leute ihre Kaution nicht leisten können", so Earle. Bail Bloc sei eine Form des Widerstandes – und funktioniere nur durch Kollektivismus. Leute laden sich die Software auf ihren Computer, die fortan im Hintergrund digitales Geld schürft. Am Ende jedes Monats tauschen die Dark-Inquiry-Macher das Geld von der Kryptowährung Monero in US-Dollar um und spenden es an den Bronx Freedom Fund. 7.000 US-Dollar seien bislang gesammelt worden, "nicht viel", weiß Earle, aber es gehe ja auch um die Symbolik. "Statt Kryptowährungen und Technologie allgemein abzulehnen, sollten wir den Code für unsere zukünftiges Wirtschafts- und Finanzsystem lieber selber schreiben", sagt er.

Im nächsten Raum diskutieren die Teilnehmer, wie digitale Plattformen das Bürgersein formen. Anastasis Germanidis, ein griechischer Künstler und Softwareentwickler, zitiert Oscar Wilde: "Der Mensch ist am wenigsten er selbst, wenn er für sich selbst spricht. Gib ihm eine Maske und er wird dir die Wahrheit sagen." Germanidis plädiert für mehr als nur eine Maske pro Person. Er entwickelte vor ein paar Jahren die App Antipersona, die "einen Einblick in die Onlinewelten anderer Menschen gibt". 24 Stunden lang kann man so Twitter aus der Perspektive eines anderen Users erleben. Eine Spielerei, das weiß auch Germanidis, doch langfristig geht es ihm um mehr: "Ich möchte das Konzept der verschiedenen Identitäten zum Widerstand gegen den Überwachungsapparat benutzen. Und vielleicht können wir uns irgendwann Identitäten sogar teilen", sagt er. Auch bei einem anderen Panel, das sich mit der Repräsentation von Querness im Internet beschäftigt, wird die Notwendigkeit von nichtstatischen Identitäten betont. Die Message ist die gleiche: Je weniger wir uns selber kategorisieren, desto besser.

Bei Facebook sind sie trotzdem fast alle

Wer sich mit den Teilnehmern von Theorizing the Web unterhält, stellt erst einmal fest, dass die allermeisten von ihnen Facebook, Twitter, Instagram und Tinder selbst benutzen. Alternativen zu den großen Monopolisten werden an diesem Wochenende kaum diskutiert. Die Wissenschaftler Anna-Verena Nosthoff und Felix Maschewski nennen das "digitales Stockholm-Syndrom". In einem Beitrag für die Rosa-Luxemburg-Stiftung schrieben sie neulich: "Wir wissen, was wir tun, und tun es trotzdem – weil es unsere 'Freunde' tun, die es auch nur tun, weil wir es tun." Tatsächlich scheint es manchmal so, als wäre Facebook – mit seinen über zwei Milliarden aktiven Nutzern, über 40 Milliarden Dollar Jahresumsatz und einer gesellschaftsformenden Macht – schlicht zu groß, um sich eine Welt ohne vorzustellen.

Digitales Stockholm-Syndrom? Oder ist es einfach ein aktiver Pragmatismus, der die US-Internettheoretiker weiter auf Social Media bleiben lässt? "Extremely Online Socialism" heißt das Keynotepanel an diesem Abend, moderiert wird es von Sarah Jaffe, einer Journalistin und Buchautorin (Necessary Trouble: Americans in Revolt). "Sollten wir Facebook doch besser verlassen, weil Mark Zuckerberg gerade mit all unseren Daten zum Oberdiktator des Landes wird?", leitet Jaffe ein, und so verkrampft, wie das Publikum hier lacht, spürt man, wie sehr diese Frage zwischen Gag und Verzweiflung changiert.

Auch Aktivistinnen brauchen die Likes

Account behalten, Aktivistin werden. Darum bittet Emma Caterine, eine Anwältin, die in ihrer Freizeit die Social-Media-Kanäle der Democratic Socialists of America (DSA) betreut. "Wir haben bewiesen, wie mächtig Social Media sein kann, indem wir den Sozialismus ins Land gebracht haben", sagt Caterine. Von rund 5.000 Mitgliedern wuchs die Organisation innerhalb eines Jahres auf über 30.000. "Die meisten Neuen mobilisieren wir über Facebook und Twitter", so Caterine. 

Die großen Plattformen seien außerdem oft die einzige Möglichkeit, um in politischen Debatten Solidarität zu zeigen. "Wenn Leute Angst haben, wollen sie sehen, dass wir uns für sie einsetzen", sagt Caterine. Dass jedes Like, jedes Herz, jedes sogenannte Engagement – möge es noch so subversiv gemeint sein – immer auch die Geschäftsmodelle digitaler Plattformen unterstützt – das wissen die Teilnehmer von Theorizing the Web natürlich. Ein Grund, warum Diskussionen über die Zukunft des Internets so oft von Ohnmacht und Schwermut begleitet werden, ist, dass ältere Menschen über jüngere Menschen sprechen, deren Verhalten sie nicht verstehen. Als selfiewahnsinnig und scrollsüchtig werden Millennials in den Medien oft gezeichnet, faul und oberflächlich seien sie. Mit einer Aufmerksamkeitsspanne von der Länge der letzten Instagram-Story.

Wer selbst Kapitalanlage ist, will den Kommunismus

Dieses Bild passt ganz und gar nicht zur Selbstbeschreibung dieser Generation – oder zumindest nicht zu der, die Theoretiker aus dieser Altersgruppe von sich selbst geben: "Junge Leute besitzen nicht wirklich Eigentum. Ganz im Gegenteil: Ich habe 60, 70.000 Dollar Schulden", sagt Osita Nwanevu, Redakteur des Onlinemagazins Slate. Neben ihm sitzt Malcolm Harris, Autor des Buches Kids These Days: Human Capital and the Making of Millennials. Auch er erklärt diese Generation über die wirtschaftlichen Bedingungen, mit denen sie konfrontiert ist. "Millennials sind Kapitalanlagen", sagt der Marxist Harris. Optimistisch ist er aber trotzdem. Der Kapitalismus sei ja kein Naturgesetz.

Sollte Marxismus irgendwann noch mal an Zugkraft gewinnen, fragt ein junger Mann im Publikum, wie könne dann verhindert werden, dass daraus nicht Kapitalismus werde, so wie in China oder Russland? Man werde die Fehler kein zweites Mal machen, davon ist Harris überzeugt. "Wie auch immer das marxistische Projekt des 21. Jahrhundert aussehen wird, es wird anders als das, was wir gesehen haben", sagt er.