Wer sich mit den Teilnehmern von Theorizing the Web unterhält, stellt erst einmal fest, dass die allermeisten von ihnen Facebook, Twitter, Instagram und Tinder selbst benutzen. Alternativen zu den großen Monopolisten werden an diesem Wochenende kaum diskutiert. Die Wissenschaftler Anna-Verena Nosthoff und Felix Maschewski nennen das "digitales Stockholm-Syndrom". In einem Beitrag für die Rosa-Luxemburg-Stiftung schrieben sie neulich: "Wir wissen, was wir tun, und tun es trotzdem – weil es unsere 'Freunde' tun, die es auch nur tun, weil wir es tun." Tatsächlich scheint es manchmal so, als wäre Facebook – mit seinen über zwei Milliarden aktiven Nutzern, über 40 Milliarden Dollar Jahresumsatz und einer gesellschaftsformenden Macht – schlicht zu groß, um sich eine Welt ohne vorzustellen.

Digitales Stockholm-Syndrom? Oder ist es einfach ein aktiver Pragmatismus, der die US-Internettheoretiker weiter auf Social Media bleiben lässt? "Extremely Online Socialism" heißt das Keynotepanel an diesem Abend, moderiert wird es von Sarah Jaffe, einer Journalistin und Buchautorin (Necessary Trouble: Americans in Revolt). "Sollten wir Facebook doch besser verlassen, weil Mark Zuckerberg gerade mit all unseren Daten zum Oberdiktator des Landes wird?", leitet Jaffe ein, und so verkrampft, wie das Publikum hier lacht, spürt man, wie sehr diese Frage zwischen Gag und Verzweiflung changiert.

Auch Aktivistinnen brauchen die Likes

Account behalten, Aktivistin werden. Darum bittet Emma Caterine, eine Anwältin, die in ihrer Freizeit die Social-Media-Kanäle der Democratic Socialists of America (DSA) betreut. "Wir haben bewiesen, wie mächtig Social Media sein kann, indem wir den Sozialismus ins Land gebracht haben", sagt Caterine. Von rund 5.000 Mitgliedern wuchs die Organisation innerhalb eines Jahres auf über 30.000. "Die meisten Neuen mobilisieren wir über Facebook und Twitter", so Caterine. 

Die großen Plattformen seien außerdem oft die einzige Möglichkeit, um in politischen Debatten Solidarität zu zeigen. "Wenn Leute Angst haben, wollen sie sehen, dass wir uns für sie einsetzen", sagt Caterine. Dass jedes Like, jedes Herz, jedes sogenannte Engagement – möge es noch so subversiv gemeint sein – immer auch die Geschäftsmodelle digitaler Plattformen unterstützt – das wissen die Teilnehmer von Theorizing the Web natürlich. Ein Grund, warum Diskussionen über die Zukunft des Internets so oft von Ohnmacht und Schwermut begleitet werden, ist, dass ältere Menschen über jüngere Menschen sprechen, deren Verhalten sie nicht verstehen. Als selfiewahnsinnig und scrollsüchtig werden Millennials in den Medien oft gezeichnet, faul und oberflächlich seien sie. Mit einer Aufmerksamkeitsspanne von der Länge der letzten Instagram-Story.

Wer selbst Kapitalanlage ist, will den Kommunismus

Dieses Bild passt ganz und gar nicht zur Selbstbeschreibung dieser Generation – oder zumindest nicht zu der, die Theoretiker aus dieser Altersgruppe von sich selbst geben: "Junge Leute besitzen nicht wirklich Eigentum. Ganz im Gegenteil: Ich habe 60, 70.000 Dollar Schulden", sagt Osita Nwanevu, Redakteur des Onlinemagazins Slate. Neben ihm sitzt Malcolm Harris, Autor des Buches Kids These Days: Human Capital and the Making of Millennials. Auch er erklärt diese Generation über die wirtschaftlichen Bedingungen, mit denen sie konfrontiert ist. "Millennials sind Kapitalanlagen", sagt der Marxist Harris. Optimistisch ist er aber trotzdem. Der Kapitalismus sei ja kein Naturgesetz.

Sollte Marxismus irgendwann noch mal an Zugkraft gewinnen, fragt ein junger Mann im Publikum, wie könne dann verhindert werden, dass daraus nicht Kapitalismus werde, so wie in China oder Russland? Man werde die Fehler kein zweites Mal machen, davon ist Harris überzeugt. "Wie auch immer das marxistische Projekt des 21. Jahrhundert aussehen wird, es wird anders als das, was wir gesehen haben", sagt er.