Grunewald im Orient – zwei Metaphern bilden den schönen Titel des Buches, das Thomas Sparr über einen Ort und seine Menschen geschrieben hat.  Sie stehen für zwei Städte, zwischen denen viele der Geschichten, die hier erzählt werden, sich abspielen: Berlin und Jerusalem.

Der Kabbalah-Forscher Gershom Scholem gab ihnen eine ikonische Deutung. Von Berlin nach Jerusalem nannte er seine Jugenderinnerungen, die zu seinem achtzigsten Geburtstag erschienen. Das war 1977, und da war vieles schon zu Ende. Scholem blickte auf ein erfülltes Leben zurück, doch während er seine Erinnerungen schrieb, war er nicht mehr so hoffnungsfroh, wie er es 1923 gewesen war, im Jahr seiner Einwanderung. Zwar las er seinen Lebensweg zwischen den beiden Städten noch immer als eine aufsteigende Linie, aber was sich seither ereignet hatte, hüllte alles in ein dunkleres Licht.

Dieser Artikel stammt aus der Juni-Ausgabe 2018 des "Merkur". © Klett-Cotta

Zwischen Berlin und Jerusalem laufen auch das Leben – und das Sterben – der Dichterin Else Lasker-Schüler ab. Es ist eine andere Geschichte, die wir da hören, und vollends versinkt sie ins Schweigen, als der Literaturwissenschaftler Peter Szondi 1970 die Einladung Gershom Scholems ablehnt, von Berlin nach Jerusalem zu kommen. Sparr spannt einen großen Bogen, und hinter dem Portal seiner Metaphern öffnet sich ein weiter Raum.

"Gärten und frische Luft"

Das Buch erzählt von einem Stadtteil Jerusalems, der nach dem Ersten Weltkrieg gebaut wird. Die Herrschaft der Osmanen ist beendet, Palästina ist jetzt englisches Mandatsgebiet und steht nach der Balfour-Deklaration auch den Zionisten offen. Jenseits der Altstadtmauern, die längst zu eng geworden sind, weitet Jerusalem sich nach Westen aus. Die Engländer haben Erfahrung mit den verrußten Städten der Industriellen Revolution, sie bringen das Gegenmodell einer Gartenstadt mit, und junge Zionisten aus Deutschland nehmen die Idee begeistert auf.

So entsteht das westliche Wohnviertel Rechavia. "Es liegt an der Hauptstraße des neuen Jerusalem", heißt es in einem Werbeprospekt aus dem Jahr 1930. "Rechavia ist eine Gartenstadt. Von jedem Grundstück werden zwei Drittel für Gemüse- und Blumengärten, für Anpflanzungen und freien Luftzug abgenommen. Es zieht weite Kreise an, die durch ihre Geschäfte mit der Stadt verbunden sind und in einem Viertel mit Gärten und frischer Luft wohnen wollen."

Vieles fließt hier zusammen. In Europa haben die Probleme der Urbanisierung den Gegensatz von "Stadt" und "Natur" bewusst gemacht, und schon der Berliner Grunewald hat hier seinen Ursprung. Wie Jerusalem wächst auch Preußens Hauptstadt um 1900 über ihr östliches Kerngebiet hinaus, der Kurfürstendamm wird gebaut, und an seinem Ende entsteht ein vornehmes Villenviertel. Die Prachtstraße des neuen Westens mündet in die "Natur" einer Gartenstadt. Die Jerusalemer nehmen sich das zum Muster.

Für die Zionisten kommt noch etwas anderes hinzu. Sie haben sich die "Urbarmachung der Wüste" zum Ziel gesetzt, die Wiederbelebung des Landes Israel. Ein Beispiel ist die intensive Landwirtschaft der Kibbuzim, die seit der Jahrhundertwende zum Siedlungsprogramm der jüdischen Nationalbewegung gehört, und auch Jerusalem, aus zionistischer Sicht lange eine Steinwüste, soll wieder zum Leben erwachen.

Ein neuer Pioniergeist erfüllt das Land, er wird von jugendlichen Einwanderern getragen. "Es war eine Welt nur von jungen Menschen, es gab keine Alten unter uns", schreibt die Architektin Lotte Cohn in ihren Erinnerungen. "In die Wirklichkeit hineingetragenes Jugendleben. Wer das nicht miterlebt hat, kann sich kaum vorstellen, was für ein Charme auf dieser engen Welt lag."

Ein Gelehrtenviertel

Cohn war im Sommer 1921 aus Berlin gekommen, um sich mit anderen jungen Architekten aus Deutschland – Richard Kauffmann, Leopold Krakauer, Erich Mendelsohn – am Aufbau des Landes zu beteiligen. Auch Jahre später ist ihre Begeisterung noch zu spüren. Am 1. April 1925 wird auf dem Skopusberg die Hebräische Universität gegründet. Cohn beschreibt das Ereignis: "Die geistige Judenheit stieg den Berg hinauf. Der Berg, und uns schien: die Welt war lebendig geworden in einem einzigen, einhelligen Begehren, dem Geist, der Wissenschaft Tribut zu zollen und ihr Ehre zu erweisen. Eine jüdische Universität wird geweiht."

Lotte Cohns Idealismus hat tiefe Wurzeln. Jahrtausendelang war das "Lernen" für die Juden ein Religionsgebot gewesen, jetzt übertrugen sie es auf eine weltliche Bildung. In den jüdischen Städten Palästinas genossen Schulen ein hohes Ansehen: Das erste öffentliche Gebäude im 1909 gegründeten Tel Aviv war das Hebräische Gymnasium; den gleichen Namen, Ha'gimnássja ha'ivríth, trug die Schule von Rechavia; schon dreiundzwanzig Jahre vor dem jüdischen Staat, dessen höchste Lehranstalt sie schließlich werden sollte, gab es die Hebräische Universität.

In Rechavia, schreibt Thomas Sparr, wohnten ihre "Professoren, Angestellten, Studenten", und "zur Zeit ihrer Eröffnung 1925" war sie "wesentlich von deutsch-jüdischen Gelehrten geprägt". Das ist nicht verwunderlich, denn ihren Weg in die Moderne hatten Europas Juden im deutschen Kulturraum gemacht. Ihr akademisches Wissen hatten sie an den Universitäten Preußens und des Habsburgerreichs erworben, selbst den Begriff ihres Ideals, die "Bildung", verdankten sie der deutschen Aufklärung.