Im Februar dieses Jahres bekam ich aus Kroatien die Nachricht: "Unterstütze uns! Die Mägde erheben sich!" Einige Tage danach defilierte eine kostümierte Kolonne durch Zagreb. Frauen hatten sich in Gewänder gehüllt, die nach dem Vorbild der Kostüme aus der Fernsehserie Der Report der Magd geschneidert waren; als Vorlage für diese Serie diente der dystopische Roman von Margaret Atwood über eine Gesellschaft, in der Frauen auf Reproduktionsmaschinen reduziert sind. Begleitet war die Kolonne von schwarz gekleideten Trommlerinnen. Auf einem der Stadtplätze schlossen sich ihnen Aktivistinnen verschiedener zivilgesellschaftlicher Vereine an, die mit lauter Stimme Ausschnitte aus der Istanbuler Konvention vorlasen – einem internationalen Dokument des Europarats, in dem Vorschläge zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen gemacht werden.

Ivana Sajko ist eine kroatische Prosa- und Theaterautorin, die in Berlin lebt. In deutscher Übersetzung sind bisher erschienen: "Rio bar" (2008), "Archetyp: Medea. Bombenfrau. Europa: Trilogie" (2008), "Trilogie des Ungehorsams" (2012), "Auf dem Weg zum Wahnsinn (und zur Revolution) Eine Lektüre" (2014) und "Liebesroman" (2017). Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". Maja Bosni

Dieses Dokument wartet seit 2013 auf seine Ratifizierung durch das kroatische Parlament. Beinahe als direkte Antwort auf den provokativen Auftritt der Mägde forderte die Kroatische Bischofskonferenz das Parlament auf, sich gegen die Ratifizierung der Konvention zu stellen. "Die eigene Stimme FÜR die Ratifizierung der Konvention zu geben, würde unter anderem die Türe für etwas öffnen, das im Gegensatz zur menschlichen Existenz steht, zum Gesetz der Natur und zu grundlegenden Werten des christlichen Glaubens und der christlichen Kultur, und das wir als verheerend für die Familie, für das demographische Wachstum des Volkes und für die Erziehung der neuen Generationen betrachten", schrieben die Bischöfe und warnten vor dem Gespenst der sogenannten Gender-Ideologie, die in diesem Dokument verborgen sei.

Einige Monate zuvor erkannte auch die Kroatische Akademie der Wissenschaften und Künste im Dokument des Europarats eben diese Gender-Ideologie, die sie als vollständig inakzeptabel bewertete, weil sie der kroatischen Bildungs- und Erziehungstradition entgegenstehe. Das vermeintlich pseudowissenschaftliche Konstrukt der Gender-Ideologie wurde somit zum multifunktionalen Werkzeug in den Händen der neuen Konservativen. Sie nutzen dieses Konstrukt, um Antidiskriminierungsmaßnahmen zu bekämpfen – etwa das Recht auf Abtreibung, Sexualkunde im Schulunterricht oder eben die Einführung von konkreten Maßnahmen zum Schutz von Frauen vor Gewalt und Diskriminierung. Die Auflösung stereotyper Rollen wurde als Angriff auf kulturelle Werte und religiöse Weltanschauung gedeutet.

Ende März folgte eine sehr große ultrakonservative Versammlung in Zagreb, um den Druck auf die Regierung zu erhöhen, die im Begriff war, die Istanbuler Konvention ratifizieren zu lassen. Aus allen Landesteilen kamen Busse in die Hauptstadt und die katholischen Vereine, die die Demonstration organisiert hatten, boten danach – als Bestandteil des Ausflugs – einen Besuch bei Ikea an. Die populistischen Tricks zeigten ihr brutalstes, aber auch banalstes Gesicht: Die aufgewühlte Menge, die sich in den Kampf für die Kultur und den Glauben stürzt, der blaue Flecken auf Frauenkörpern in Kauf nimmt, wurde mit dem Versprechen gelockt, nach der Schlacht die Filiale des schwedischen Möbelproduzenten besuchen zu können. Die Bischöfe jedoch unterstützten diese Versammlung mit den Worten, die Kirche akzeptiere "die Kolonisierung" nicht, "welche in die Anthropologie eindringt, auf der die Identität aufgebaut wird".

Die rhetorischen Triebwerke vom Typus "Identität" und "Kolonisierung", untermauert durch die Legitimität der Kirche, die in Kroatien aggressiv weltliche politische Positionen für sich verlangt und sie offen für einen katholischen Staat anstelle einer demokratischen Gesellschaft einsetzt, verweisen auf den Widerstand gegen die Istanbuler Konvention. Es sind die radikal rechten, auf das Eigene beschränkten Interessen, die sich dagegen sträuben, an gemeinsamen europäischen Projekten teilzunehmen, selbst dann, wenn es sich um die Hinterfragung von Vorurteilen handelt, nach denen Frauen gesellschaftlich minderwertig sind.

Obwohl keiner der einigen Tausend verärgerten und panischen Demonstranten eine Antwort auf die Journalistenfrage geben konnte, was diese Gender-Ideologie kennzeichne, die ihre nationale und religiöse Identität bedrohe, war eine heftige und kohäsive Hysterie entstanden. Eine Hysterie, die mit dem Finger auf den Europarat und das Konzept des gemeinsamen Europas zeigte, das im Zuge der Massenparanoia zu einem bedrohlichen symbolischen Ort wurde, an dem verdächtige Ideen über die Rechte von Minderheiten entstehen, die angeblich die Mehrheit bedrohen, und an dem die Demokratie zur Dekadenz zerfließt.