Wir leben in einem der reichsten und sichersten Länder der Erde. Das ist 2018 keine Phrase, sondern ein Befund: Die Kriminalitätsrate ist so niedrig, der Haushaltsüberschuss so hoch wie nie lange nicht. Wenn man sich den Tonfall deutscher Debatten anhört, dann müsste man allerdings meinen, die Menschen im Land seien heftigen Zumutungen ausgesetzt. Männer begreifen sich als Opfer von Antisexismus, Ostdeutsche als Leidtragende der Wiedervereinigung, der Vorsitzende einer Partei betrachtet das gesamte Land als Opfer seiner eigenen Vergangenheit. Das sind wenige Beispiele für Opferhaltungen, die überall anzutreffen sind, im politisch rechten Spektrum genauso wie im linken. Und auch wenn sich die offensichtlichen Motive dabei stark unterscheiden – die tieferen kulturellen Ursachen für die Selbstviktimisierung sind die gleichen.

Studentinnen einer Fachhochschule geben einem Gedicht die Mitschuld daran, wie sie sich fühlen, und suggerieren in einem offenen Brief, man könne bewundernden Blicken nicht anders begegnen als mit Angst. Noch befremdlicher wirkte der Furor, mit dem die Öffentlichkeit auf die Entscheidung der Alice Salomon Hochschule reagierte, das Gedicht von seiner Fassade entfernen zu lassen: Kulturstaatsministerin Monika Grütters nannte die Entfernung des Gedichts einen "erschreckenden Akt der Kulturbarbarei", große Tageszeitungen schrieben von "Zensur" und dem "Ende der Kunstfreiheit". An seinem Haus ließ der Springer-Verlag das Avenidas-Gedicht aufleuchten, als sei man die letzte Bastion des freien Abendlandes, während E-Mails voller frauenfeindlicher Beschimpfungen auf den AStA der Fachhochschule einprasselten. Männer inszenierten sich dabei als Opfer einer Emanzenverschwörung und fühlten sich zu jeder verbalen Aggression berechtigt. So oder so: Schuld an den eigenen Empfindungen sind die anderen.

Geschichte der Empfindlichkeit

Die aggressive Hypersensibilität, die das gegenwärtige gesellschaftliche Klima mitbestimmt, gedieh zuerst unter postmodernen Linken. Im Namen einer immer stärker moralisch aufgeladenen Identitätspolitik konstruieren sie verschiedene Opfergruppen, mit denen sie sich im Tonfall persönlicher Betroffenheit identifizieren. Wer ihnen widerspricht, hat nicht selten mit einer moralischen Empörung zu rechnen, die Andersformulierende zu Feinden ernennt. Menschen aus dem eher rechten Spektrum hingegen inszenieren sich gerne als Opfer ebendieser Minderheiten oder als Opfer jener "Linken", die diese Minderheiten verteidigen.

Ein Beispiel aus eigener Perspektive: Vor ein paar Wochen warf ich bei einer Facebook-Diskussion über den Gebrauch des N-Wortes die Frage auf, ob es nicht falsch sei, das Wort "Neger" in allen alten Texten durch "N-Wort" zu ersetzen. Damit hatte ich offenbar das moralisch Erlaubte überschritten: Ich hatte "das N-Wort gedropped". Ein Kontakt blockierte mich sofort. Andere Teilnehmerinnen meinten, meine Meinung als weißer Mann sei hier nicht gefragt (alle Diskussionsteilnehmer waren Weiße). Man sprach über Schwarze, nicht mit ihnen, und man interessierte sich auch nicht für eine Rede der afroamerikanischen Nobelpreisträgerin Toni Morrison, in der sie das Ersetzen des Wortes "Negro" in alten Texten als heuchlerisches "White-Washing" bezeichnet.

Die Eskalation solcher Diskussionen ist bemerkenswert: Wer den höchsten moralischen Anforderungen eines immer genauer definierten Opferschutzes nicht folgt, ist nicht nur zu wenig aware und soll sich selbst educaten – er oder sie zählt bereits zu den Mittätern, über die man sich aggressiv empören darf. Natürlich finden solche Debatten selbst in den USA in überschaubaren Blasen statt. Sie strahlen von dort aber in größere Teile der Gesellschaft und bestimmen Debatten inhaltlich und formal, wie beispielsweise Daniele Giglioli in seinem Buch Die Opferfalle darlegt.

Wart ihr "aware" genug?

Was könnte die Ursache für solche Aggressivitätsspiralen sein? In seinem letzten großen Aufsatz Über das Unbehagen in der Kultur formuliert Sigmund Freud den Gedanken: Je zivilisierter eine Gesellschaft ist, desto mehr Über-Ich-Kräfte benötigt sie, um das Barbarische im Zaum zu halten. Und desto depressiver, nervöser und verletzlicher wird sie. Die Basis der Opferinszenierung ist also immer ein Gefühl von Schuld. Erzeugt und verstärkt wird dieses Schuldgefühl von einem historisch einmalig hohen Anspruch an das eigene Leben und die eigene Moral.

Als ein Bürger Deutschlands, der die Mittel und die Muße besitzt, sich in eine gesellschaftliche Debatte einzuschalten, befindet man sich in einer vertrackten Lage: Einerseits weiß man, wie unglaublich privilegiert man global und historisch gesehen ist, und Privilegien gehen immer einher mit Verantwortung. Wir wissen, dass wir unsere Ressourcen schonen, dass wir teilen und unseren Lebensstil ändern müssen, wenn wir uns nicht selbst als verantwortungslos, selbstsüchtig und sogar wahnsinnig ansehen wollen. Gleichzeitig aber fühlen wir uns angesichts der zirkulierenden Idealbilder eines gelungenen Lebens jetzt schon als Verlierer. Dabei befürchten Menschen des rechten Spektrums wohl tendenziell eher, zu den ökonomischen und kulturellen Verlierern zu gehören. Menschen des linken Spektrums fürchten vermutlich eher den Blick auf ihre moralisch weniger einwandfreien Seiten.

Entsprechend besteht der weltanschaulich eher linke Umgang mit dem Phänomen darin, sich mit echten oder vermeintlichen Opfern zu identifizieren und anderen die Schuldgefühle zu bereiten, deren Druck man bei sich selbst vermindern will. Für den Sozialwissenschaftler und Psychoanalytiker Christian Schneider (Gefühlte Opfer. Illusionen der Vergangenheitsbewältigung) sind wir vor allem durch die Achtundsechziger zu einem Volk von Opfern geworden, zu einer Gesellschaft, die der Politikwissenschaftler Herfried Münkler als "postheroisch" bezeichnet. Die Identifizierung mit den Opfern sei ein Versuch, mit den Naziverstrickungen der Eltern umzugehen.