In den USA ist Podcast-Hören längst ein Massenphänomen, einerseits dank außergewöhnlicher Erzählformate wie Serial oder S***town, andererseits durch jüngere Nachrichtenpodcasts wie The Daily der New York Times. Auch in Deutschland steigen die Zugriffszahlen stetig. Hörten vor fünf Jahren nur rund 2 Millionen Menschen in Deutschland regelmäßig Podcasts, so waren es laut einer ARD-nahen Studie im Jahr 2017 bereits rund 10 Millionen oder 15 Prozent der Bevölkerung.

Während die öffentlich-rechtlichen Programme vor allem eigene Radiosendungen als Podcasts auslagern und etwa bei iTunes zum freien Download einstellen, hat der Hörbuchanbieter Audible in diesem Jahr eine Podcast-Reihe für seine Abonnenten gestartet. Auch Musikstreamingdienste wie Spotify produzieren eigene Podcasts, ebenso wie Nachrichtenportale wie Spiegel Online oder ZEIT ONLINE.

Für begeisterte Podcast-Hörer oder solche, die es noch werden wollen, sammeln wir hier die interessantesten Formate. Und wir machen das in Zukunft regelmäßig. Noch zeigt sich der Vorsprung amerikanischer Podcaster oft in der Qualität der Sendungen. Deshalb überwiegen in dieser völlig subjektiven Best-of-Liste aktueller Podcasts noch die englischsprachigen.

1. "Revisionist History"

Malcolm Gladwell schreibt populärwissenschaftliche Sachbücher und ist Autor des New Yorker – mittlerweile aber vor allem Podcaster. Seine Reihe Revisionist History ist ruhig erzählt: Gladwell nimmt die Hörerinnen mit auf eine Recherche nach, wie er selbst sagt, "übersehenen oder vergessenen Dingen".

Gladwell fragt sich zum Beispiel, wie ein heute weitgehend in der Obskurität verschwundener Country-Songwriter namens Bobby Braddock vor Jahrzehnten auf die seltsame Idee kam, das traurigste Lied der Musikgeschichte schreiben zu wollen – und was das über Amerika aussagt. Oder er erzählt die irre Geschichte eines Mannes, in dessen Keller sich in Kisten verpackt das fast unbekannte wissenschaftliche Lebenswerk dessen verstorbenen Vaters befand – und wie diese Aufzeichnungen viel später beim Verständnis der menschlichen Ernährung halfen.

Die dritte Staffel von "Revisionist History" startet am 17. Mai. Jede Woche wird eine neue Folge veröffentlicht. 

2. "Caliphate"

Im Januar 2017 begann die New York Times mit ihrem werktäglichen Nachrichtenpodcast The Daily – ein Überraschungshit, mit dem die Zeitung selbst kaum gerechnet haben kann: Nahezu jede Folge ist seither unter den jeweiligen Top Five der iTunes-Charts gewesen. Nun hat die Times einen neuen, allerdings wöchentlichen Podcast, dessen Folgen wie die von The Daily rund 20 Minuten lang sind und von einer Erzählerstimme geprägt sind.

Bei Caliphate ist es die von Rukmini Callimachi, die sich als Auslandskorrespondentin der Times in den vergangenen Jahren fast ausschließlich mit einem Thema beschäftigt hat, dem islamistischen Terrorismus. Callimachi ist die Journalistin auf der Welt, die wohl am besten über die Denkweisen ehemaliger wie aktiver IS-Mitglieder Bescheid weiß – weil sie Kontakt zu ihnen aufnimmt, sie mitunter persönlich trifft und zum Sprechen bringt. In Caliphate beschreibt sie einerseits ihre Arbeit und verschafft dem Hörer andererseits einen Eindruck vom Inneren des IS, den man in der so intimen wie beängstigenden Form vielleicht nur in einem Podcast gewinnen kann: Man hört auch die Stimmen der selbst ernannten Gotteskrieger.

Bislang sind vier Kapitel von "Caliphate" veröffentlicht worden, jeden Donnerstag kommt eines dazu.   

3. "The Ezra Klein Show"

Das Schöne an Podcasts im Gegensatz zum Radio ist ja, dass man Leuten ewig beim Reden zuhören kann. Es gibt theoretisch weder eine zeitliche Beschränkung, noch werden Gespräche durch nervige Musik unterbrochen. Podcast-Macherinnen, so lässt sich das verstehen, trauen ihren Hörern zu, dass sie sich länger als nur ein paar Minuten konzentrieren können, bis ein Lied sie wieder entspannen muss.

Als belausche man eine Unterhaltung am Nebentisch

Die Gespräche von Ezra Klein in dem nach ihm benannten Podcast dauern manchmal bis zu zwei Stunden, und dabei hat der Editor-at-Large der US-Nachrichtenseite Vox stets nur ein Gegenüber. Es sind im engeren Sinne keine Interviews, dafür sind Kleins eigene Redebeiträge oft viel zu lang und enden nicht immer in einer Frage. Aber genau das macht die wöchentlichen Folgen der Ezra Klein Show so interessant: Dieser Podcast funktioniert ein wenig so, als sitze man in einem ruhigen Laden und belausche eine Unterhaltung am Nebentisch – bloß dass dort nicht wie üblich ein Liebespaar sitzt und sich laut streitet, sondern zwei kluge Leute über wirklich wichtige Sachen reden, die die Gegenwart und mögliche Zukunft bestimmen. Klein spricht zum Beispiel mit einem ehemaligen Google-Mitarbeiter darüber, warum Technologie schlecht für uns sein könnte, oder er diskutiert mit Mark Zuckerberg die Frage, ob Facebook nicht eigentlich längst zu bedeutsam geworden ist in unser aller Leben. Obwohl Kleins Gesprächspartner fast immer Amerikaner sind, betreffen die Themen ebenso fast immer uns alle.

Jeden Montag erscheint eine neue Folge der "Ezra Klein Show".

4. "Hotel Matze"

Das Grundsetting des deutschsprachigen Podcast Hotel Matze ist gar nicht so anders als das der Ezra Klein Show. Matze Hielscher, Gründer des Onlinestadtmagazins Mit Vergnügen, redet oft sehr lang mit nur einer Person. Und er führt ebenfalls keine klassischen Interviews, denn Hielscher ist eigentlich kein Journalist, und seine Gesprächspartner kennen ihn oft aus anderen Zusammenhängen: Hielscher war Musiker in der Band Virginia Jetzt!, bevor er Mit Vergnügen startete.

Die Unterhaltungen bei Hotel Matze erinnern an die Treffen alter Bekannter, was im Vergleich zu üblichen Interviews einen Vorteil hat: Hielschers Gäste vertrauen ihm freigiebig Details aus ihrem Leben an, die sie kaum einem Journalisten erzählen würden. Manche der Gäste gehen Journalisten auch eher aus dem Weg, wie etwa Kim Frank, der ehemalige Echt-Sänger und heutige Videoregisseur, der in einer der jüngeren Folgen von Hotel Matze über sein Leben nach dem Teenie-Popstar-Dasein spricht. Daneben gehörten zu Hielschers Gesprächspartnern unter anderem der Fernsehmoderator Klaas Heufer-Umlauf und der Illustrator Christoph Niemann.

Regelmäßig neue Folgen unter: mitvergnuegen.com/hotelmatze

5. "MML"

Fußball ist das Thema, mit dem deutschsprachige Podcasts zwangsläufig als Erstes ein größeres Publikum finden mussten. Schland und so. Es gibt dementsprechend mittlerweile eine ganze Reihe von Fußballformaten, von denen die meisten eher in der Amateurliga spielen. Doch auch Profis der journalistischen Sportberichterstattung reden längst mit: Das Fußballmagazin 11 Freunde hat einen wöchentlichen Podcast namens Wilde Liga bei Audible, in dem Redakteure der Zeitschrift das aktuelle Ligageschehen besprechen und mit einem Gast gern auch mal fußballerische Vergangenheiten. Und die Bild-Zeitung hat gerade ihren Fußball-Interviewpodcast Phrasenmäher mit einem zweiteiligen Interview mit dem Hoffenheim-Trainer Julian Nagelsmann gestartet. Das Format ist jedoch inhaltlich weniger von Taktik geprägt als von Fragen zum Privatleben des Bundesliga-Coachs.

Der wohl unterhaltsamste Fußball-Podcast nach dem Schema Lass-mal-drüber-labern-und-lachen kommt vom Pay-TV-Sender Sky und heißt MML: Der Moderator Maik Nöcker, der Kolumnist und Fernsehmoderationstexte-Verfasser Micky Beisenherz und der Journalist Lucas Vogelsang (der Sendetitel besteht aus den Anfangsbuchstaben der Vornamen) befassen sich zwar nicht unbedingt hauptberuflich mit Fußball, sind aber erheblich besser informiert als der herkömmliche Fan aus der Kurve.

In mittlerweile rund 40 Folgen hat sich eine klare Aufgabenverteilung zwischen den Dreien abgezeichnet. Nöcker fungiert meist als Anmoderator der Schlagabtäusche zwischen Beisenherz und Vogelsang, die sich darum drehen, wem von beiden ein besserer Sprachwitz einfällt. Weil die Drei ihre persönlichen Vereinsinteressen nicht sonderlich verstecken, wird außer über den ewigen Meister FC Bayern (Chronistenpflicht!) relativ viel über den BVB, Hertha BSC und den HSV geredet. Letzterer dürfte nach dem gerade erfolgten Abstieg in der kommenden Saison wohl keine so große Rolle mehr spielen bei MML. Das ist witzetechnisch schade, sportlich aber ja nicht so sehr.

Meist dienstags oder mittwochs nach Bundesligaspieltagen wird eine neue Episode online gestellt. Zuvor wird es während der Fußball-WM in Russland ebenfalls neue Folgen geben.

6. "The Lawfare Podcast"

Den größten Redebedarf gibt es in den USA seit Beginn von Donald Trumps Amtszeit offenkundig über ebenjenen Präsidenten. Mittlerweile sind derart viele und sehr erfolgreiche Podcasts gestartet, die sich mit nichts anderem beschäftigen als Trump, dass man etwas den Überblick verliert: Pod Save America von ehemaligen Obama-Mitarbeitern, Trumpcast von der Nachrichtenseite Slate, Can He Do That? von der Washington Post, Trump Inc. von der Rechercheorganisation ProPublica und, und, und.

Der bei aller berechtigten Aufregung wohl ausgeruhteste Podcast zur Trump-Regierung ist der Lawfare Podcast der Washingtoner Denkfabrik Brookings Institution. Das mag unter anderem daran liegen, dass dieser Podcast bereits mehr als 300 Folgen hat und schon existierte, als man Donald Trump noch für einen unbedeutenden Darsteller einer Realityshow halten konnte. Vor allem aber war der Podcast, der zum gleichnamigen Blog Lawfare gehört und hauptsächlich von dessen Chefredakteur Benjamin Wittes und dessen Kollegin Susan Hennessey moderiert wird, ursprünglich einem eher trockenen Thema gewidmet: dem US-Verfassungsrecht und angrenzenden juristischen bis politischen Bereichen. Vor Trumps Wahl ahnte ja niemand, dass ein amerikanischer Präsident einmal genau dazu fast täglich Gesprächsstoff liefern könnte. Die Teilnehmer am Lawfare Podcast, in erster Linie universitär arbeitende Juristen und Politikwissenschaftler, ordnen all das hektische Tagesgeschehen rund um die Trump-Regierung, all die Enthüllungen und Verdächtigungen auf wohltuende Weise: Was ist bloß Lärm, was ist juristisch wie zu bewerten? Und sie diskutieren die US-Präsidentschaft in größeren historischen Kontexten.

Wer diesen Podcast abends hört und fürchtet, am nächsten Morgen würden die Institutionen der Vereinigten Staaten endgültig zusammenbrechen unter Trumps Machenschaften, der wird beruhigt sein und schläft danach besser. Der wacht allerdings auch nicht mit der Hoffnung auf, die manch ein halbseriöser Meinungsmacher in den US-Nachrichtensendern verbreitet – dass der Spuk bald vorbei sei, wenn nicht heute, dann spätestens morgen.

Neue Folgen des "Lawfare Podcast" erscheinen in unregelmäßigen Abständen alle paar Tage. Ein weiterer Podcast des Lawfare Blog heißt "Cyberlaw Podcast" und beschäftigt sich mit Cybersecurity.