Rassismus ordnet unser Denken und Zusammenleben. Mit dem Schwerpunkt "Alltag Rassismus" wollen wir herausfinden, warum das so ist, was das für die Gesellschaft bedeutet und wie sich das verändern ließe. Welche Rolle spielt dabei Sprache?

Eine Frage der Moral heißt ein schmaler Band, den der Linguist Anatol Stefanowitsch im Dudenverlag veröffentlicht hat. Darin erklärt er, warum ein Perspektivenwechsel dabei helfen kann, sprachliche Diskriminierung zu verstehen.

ZEIT ONLINE: Herr Stefanowitsch, wäre ich eine Rassistin, wenn ich mir ein Zigeunerschnitzel bestellen würde?

Anatol Stefanowitsch: Das hängt davon ab, was man mit "Rassistin" meint. Wenn jemand in politischen Zusammenhängen als Rassistin oder Rassist bezeichnet wird, heißt es daraufhin oft, das Gesagte sei "nicht so gemeint" gewesen. Aber wenn ich "Zigeunerschnitzel" sage, handle ich zumindest auf der sprachlichen Ebene rassistisch.

ZEIT ONLINE: Warum?

Stefanowitsch: Weil mein Gegenüber nicht meine Gedanken lesen kann, sondern nur das hört, was ich sage. Der Rassismus steckt hier in der Bedeutung des Wortes, nicht in der Intention der Sprechenden.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch sprechen Sie stattdessen vom Z-Schnitzel und vom N-Wort.

Stefanowitsch: Gerade beim N-Wort haben sich schwarze Menschen schon lange organisiert und auf dessen Brutalität aufmerksam gemacht. Sie empfinden es auch in Zitaten oder Nennungen als aggressiv. Deswegen schreibe ich es nicht aus. "Zigeuner" wiederum ist zwar ein hochdiskriminierendes Wort, aber es wird differenzierter betrachtet. Sinti und Roma haben deutlich gemacht, dass sie nicht so bezeichnet werden möchten. Sie empfinden diesen Begriff aber nicht als so verletzend, dass man ihn nicht mehr erwähnen sollte. Einige wenige benutzen dieses Wort als Eigenbezeichnung.

ZEIT ONLINE: Wenn Betroffene selbst diskriminierende Wörter benutzen, so argumentieren Gegnerinnen politisch korrekter Sprache, sei es unproblematisch. Wie sehen Sie das?

Stefanowitsch: Diese besagten Einzelstimmen werden herangezogen, um einen diskriminierenden, alltäglichen Sprachgebrauch zu entlasten. Für viele reicht scheinbar ein einziger schwarzer Deutscher, der sagt, dass ihn das N-Wort nicht trifft, um viele andere prominente Stimmen und die Aussagen der Verbände ignorieren zu können. Warum werden diese Stimmen nicht gehört?

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie?

Stefanowitsch: Wir hören gerne auf diejenigen, die uns das sagen, was wir ohnehin glauben. So ignorieren wir als Mitglieder einer Mehrheit die für uns unangenehmen Aussagen von Angehörigen diskriminierter Minderheiten, solange wir auch nur eine einzige betroffene Person finden, die sich an unserem Verhalten nicht stört. Dabei würden wir selbst in dieser Situation allen gerecht, indem wir auf den diskriminierenden Sprachgebrauch einfach verzichten.

ZEIT ONLINE: Ein weiteres Argument von Gegnern politisch korrekter Sprache: Man solle sich doch erst mal um Wichtigeres kümmern, um rechtliche Gleichstellung beispielsweise, bevor man sich politisch korrekter Sprache annimmt.

Stefanowitsch: Die Leute, von denen dieses Argument stammt, befassen sich witzigerweise nie damit, jenseits der Sprache tatsächlich etwas zu verändern. Für Aktivistinnen und Aktivisten ist hingegen klar, dass Sprache nur eine von vielen Baustellen zur Gleichstellung ist. Hinzu kommt: Nicht alle von rassistischer Sprache Betroffenen beschweren sich. Für sie gibt es durchaus wichtigere Angelegenheiten, in die sie ihre Energie stecken müssen. Wenn man mehrmals am Tag rassistisch angesprochen wird, kann man sich nicht jedes Mal darüber aufregen. Da setzt eine Ermüdung, ein Gewöhnungseffekt ein. Das gilt auch für Frauen, die sicherlich andere Kämpfe austragen müssen, bevor sie sich über das generische Maskulinum auf Sparkassenformularen aufregen können. Was nicht heißt, dass sie sich nicht zu Recht darüber ärgern.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch haben Sie eine Goldene Regel formuliert, die sprachlicher Diskriminierung vorbeugen soll.

Stefanowitsch: Bei der Goldenen Regel geht es darum, die Perspektive zu wechseln: Würde ich mich in einer konkreten Situation so behandeln lassen? Dafür reicht es nicht, wenn ich mir als weißer Mann einfach so vorstelle, wie es wohl wäre, schwarz oder eine Frau zu sein. Stattdessen sollte ich mich an eine Situation erinnern, in der ich – als eigentlich Privilegierter – mal nicht so privilegiert war.

ZEIT ONLINE: Was wäre eine solche Situation?

Stefanowitsch: Auf einem Podium begegnete mir letztens ein Diskutant, der sich vehement gegen Political Correctness und diskriminierungsfreie Sprache aussprach. Wirklich schlimm sei der Neoliberalismus und die Tatsache, dass Menschen als "Menschenmaterial" bezeichnet werden. Es handelte sich dabei um jemanden, der der oft zitierten Gruppe des weißen Mannes angehörte. Anstatt sich in die Rolle von Diskriminierten hineinzuversetzen, könnten Angehörige dieser Gruppe – und auch andere – an ihr Gefühl bei Wörtern wie "Menschenmaterial" denken. Der Mechanismus ist nämlich derselbe: Man fühlt sich nicht mehr als Individuum betrachtet, sondern mit einem brutalen Begriff bezeichnet. Dieses Gefühl sollte ich mir als privilegierter Mensch erhalten. Das kann man durchaus von allen Menschen erwarten.

ZEIT ONLINE: Aber es geht doch nie allein um eine sprachliche Brutalität, sondern auch und vor allem um den gesellschaftlichen Ausschluss, der dahintersteht.

Stefanowitsch: Das ist das Problem bei jedem Gedankenexperiment: Ich kann mich in die Rolle einer Frau hineinversetzen, indem ich den Frauen in meinem Leben zuhöre oder Texte von Autorinnen lese. Anders als sie kann ich das Gedankenexperiment aber jederzeit beenden. Nachempfinden kann man diskriminierende Erfahrungen also nie. Man kann sie sich aber anhören.