Was war zuerst da: der Rassismus, also die Diskriminierung bestimmter Menschengruppen, oder der Rassenbegriff, also die Vorstellung, zwischen Menschengruppen gäbe es so gravierende Unterschiede, dass man sie in unterschiedliche biologische Kategorien einordnen sollte? Eine gerade eröffnete Ausstellung im Deutschen Hygienemuseum in Dresden beantwortet diese Frage schon in ihrem Titel – Rassismus. Die Erfindung von Menschenrassen.

Der diesbezügliche Forschungsstand ist unmissverständlich. Europäische Wissenschaftler entwickelten das Konzept menschlicher Rassen im späten 18. Jahrhundert. Es lieferte eine Begründung für eine jahrhundertealte soziale Praxis, die es nach den in etwa zeitgleich formulierten Aufklärungsidealen eigentlich nicht geben sollte: die Ungleichbehandlung von Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Aussehens, ihrer Herkunft.

Der Rassenbegriff, so die These der Kuratorinnen der Ausstellung, diente dazu, eine kognitive Dissonanz der Europäer aufzulösen: Alle Menschen sind gleich, das war die abstrakte Idee der Menschenrechte. Da aber nicht alle Menschen gleich behandelt wurden, erfanden diejenigen, die sich die krasseste rassistische Ungleichbehandlung erlaubten – im 18. Jahrhundert wurden aus Afrika verschleppte Menschen von Europäern auf den Zuckerplantagen Mittelamerikas in nie dagewesenem Ausmaß erniedrigt, misshandelt und ausgebeutet – das Konzept der Rasse.

Das Dresdner Hygienemuseum hat selbst eine rassistische Historie. Seit seiner Gründung 1912 war "Rassenhygiene" einer seiner Schwerpunkte; 1933 wurde es zum Propagandainstitut der Nationalsozialisten. Die Institution zeigt nun Unterrichtstafeln über "Vererbung, Rassenpflege, Rassenkunde" aus ihrem eigenen Bestand, medizinische Wachsmodelle, mit denen Sterilisierungsmethoden gelehrt und Schädelgussformen, mit denen angebliche "Rassentypen" bestimmt werden sollten. Sehr deutlich wird, dass nicht erst die Nazis die Wissenschaft für ihren Rassismus instrumentalisierten. Das Phantasma eines "gesunden", durch richtige Fortpflanzung herangezüchteten Volkskörpers war schon im Kaiserreich allgegenwärtig. In kosmetisches, familienplanerisches Vokabular verpackt, setzt sie sich bis in die heutige Reproduktionsmedizin fort.

Hat das alles mit der AfD zu tun?

Dass eine Institution wie das Hygienemuseum sich beim Thema Rassismus selbstkritisch darstellt, ist 2018 keine Sensation. Zu fragen wäre eher: Wie verhält sie sich zu einer Gegenwart, in der rassistisch motivierte Straftaten und Hasskriminalität seit Jahren zunehmen? Wie zu einem Umfeld in Dresden, in dem preisgekrönte Schriftsteller die Ansicht vertreten, 95 Prozent der Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten seien Sozialprofiteure? Wie zu dem (die Ausstellung mitfinanzierenden) Bundesland Sachsen, in dem Neonazi-Volksfeste zum Jahresrhythmus gehören und in dem eine Partei die meisten Bundestagsmandate gewann, der Rechtsextreme und Verfassungsfeinde zuarbeiten und deren Vorsitzende von "Kopftuchmädchen, alimentierten Messermännern und sonstigen Taugenichtsen" schwadroniert?

Negativfotografie von Jean-Luc Dubin mit dem Titel "La Famille humaine" von 1990 © Jean-Luc Dubin/ Musée de l'Homme

Ein kurzer, schauerlicher Gedanke ist zunächst einmal der, dass die AfD, sollte sie demnächst einer sächsischen Regierung angehören, dem Hygienemusuem die Finanzierung für solche Ausstellungen streichen könnte. Nach der Eröffnung lässt sich allerdings sagen, dass eine auf die Gegenwart gerichtete Politisierung des Themas Rassismus nicht das Ziel der Kuratoren war. Eine Ausstellung sei "kein Medium gegen tagesaktuelle Politik", sagte der Museumsdirektor Klaus Vogel während der Pressekonferenz, vielmehr wolle man eine "Informationsquelle" bieten. Eine vielschichtige, historische Grundlage dafür, dass Besucherinnen und Besucher aus Sachsen oder von weiter her über Rassismus debattieren, die Geschichte ihrer Vorurteile erkunden oder hinterfragen können, ob sie wirklich so vorurteilsfrei sind, wie sie denken. Das Begleitprogramm an Diskussions- und Bildungsveranstaltungen ist entsprechend üppig.

Man kann es für zaghaft halten, wenn sich eine solche Ausstellung nicht tagespolitischer positioniert – oder für wünschenswert, denn vielleicht verliert die Öffentlichkeit an Unterscheidungsfähigkeit, wenn jeder Anlass dazu genutzt wird, Frontlinien zu ziehen zwischen "den" Rassisten und denjenigen, die sich ziemlich sicher sind, selbst keine zu sein und abschließend verstanden zu haben, was am Rassismus gewaltsam, peinlich, menschenverachtend ist. Man muss nicht alles überdeutlich sagen. Auch eine geschichtliche Aufarbeitung kann einen politischen, sehr heutigen Wert haben. Die schiere Obsession, mit der viele Gründerväter der europäischen Medizin, Biologie, Geografie und Völkerkunde versuchten, Menschen nach äußerlichen Merkmalen zu vermessen und zu klassifizieren, um auf ihre geistigen oder sozialen Fähigkeiten zu schließen, schockiert jedes Mal aufs Neue. Und man braucht nicht sehr lange zu recherchieren, um zu erkennen, dass ein von Europäern geprägtes physiognomisches Ideal – in der Ausstellung verkörpert durch einen analytischen Schädelschnitt des Apollo von Belvedere – bis heute die weltweite Schönheitschirurgie dominiert.