2019 wird ein kleines Superwahljahr: In acht Bundesländern finden Kommunalwahlen statt. In Städten und Gemeinden stellen sich schon jetzt politisch Aktive die Frage, ob sie (wieder) für ein Amt im Stadtrat kandidieren möchten. Und auch ich werde mir nach Jahren zusätzlicher Belastung neben Familie und Beruf diese Entscheidung gewiss nicht leicht machen. Denn das Ehrenamt ist intensiv, und ich war oft kurz davor, das viel benutzte Handtuch zu werfen.

Didem Ozan ist freie Journalistin und Autorin. Gerade schreibt sie einen Roman über die Istanbuler Gezi-Proteste. Sie lebt in Münster, wo sie sich politisch engagiert. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Seit vier Jahren bin ich nun ehrenamtliche Stadträtin in der nordrhein-westfälischen Provinz. Dort, wo manche Mamis ihre Kinder bis mittags in den Kindergarten geben, um Socken zu waschen und in blitzenden Badezimmern aufzuhängen, habe ich einen Fast-Vollzeitjob und ein Kommunalmandat. Mein Seelenheil hängt nicht am Verschmutzungsgrad von Gebrauchstextilien. Ich wollte immer etwas Sinnvolles tun.

Mit dem Wunsch, die Welt ein Stückchen besser zu machen, etwas für die Umwelt zu tun, solidarisch mit anderen Frauen zu sein, trat ich 2009 in eine Partei ein. Der erste Sohn war sechs und konnte gerade allein zur Schule gehen. Ob noch ein zweites Kind kommen würde, stand damals noch in den Sternen. Es dauerte keine drei Tage, da erzählten mir die Parteifreunde, dass es überall in wichtigen Positionen zu wenige Frauen gebe, in den Vorständen, in der Verwaltung und in der Wirtschaft, vor allem aber kandidierten zu wenige Frauen für einen Sitz im Rathaus. Ich wollte mich zur Verfügung stellen, kandidierte zunächst für den Kreisvorstand, wurde dann sachkundige Bürgerin, alles mit dem Ziel, bei Kommunalwahlen 2014 Ratsfrau zu werden. So konnte sich mein Weltverbesserungswunsch auf meine Stadt fokussieren. 

2013 wurde ich auf die Reserveliste meiner Partei gewählt und wurde prompt, als Mama eines Elfjährigen, wieder schwanger. Frisch aus dem Wochenbett trat ich mein erstes Ratsmandat an. Als das Nesthäkchen die ersten Schritte ging, fing ich an zu laufen. Seitdem gleicht mein Leben einem Marathon.

Stadträte versammeln sich ungefähr einmal im Monat, um über stadtpolitische Themen zu entscheiden. Die Entscheidungen auf diesen parlamentarischen Sitzungen werden in den Ausschüssen vorbereitet, zum Beispiel im Sozialausschuss, in den Ausschüssen für Personal und Ordnung, für Stadtplanung und Umwelt, für Wirtschaft. Die Arbeit ähnelt der parlamentarischen Arbeit in Landtagen oder im Bundestag, nur ist sie kleinteiliger und eben für den Geltungsbereich einer Stadt oder Gemeinde.

Ratsarbeit erfordert Semi-Professionalität, denn in NRW erhält man für seine Arbeit nur eine kleine Aufwandsentschädigung, andererseits werden professionelle Kenntnis und Engagement erwartet. Wenn man genug Erfahrung gesammelt hat, übernimmt man irgendwann eine Sprecherfunktion und beschäftigt sich mit den entsprechenden Vorlagen.

Einmal die Woche trifft sich der Arbeitskreis, in dem wir uns als Ratsleute mit unseren sachkundigen Bürgerinnen und Bürgern abstimmen. Erst im Arbeitskreis, dann in der gesamten Fraktion. Jede Woche.

Wer ehrenamtlich im Stadtparlament mitarbeitet, macht das aus Leidenschaft. Das eint uns, über alle Unterschiede hinweg. Da gibt es die Naturschützerin im Gothic-Style, die jahrelang dafür kämpft, dass Kiebitze nicht wegen der intensiven Landwirtschaft aussterben. Ich bewundere ihre Beharrlichkeit. Es gibt den gebräunten Dezernenten in Rente, der kein Problem damit hat, aus Kostengründen zwei Wasserwerke zu schließen. Er sagt "Basta", und alle folgen ihm. Das bringt mich auf die Palme. Er denkt nicht daran, dass es Bürgerinnen in ihren Urängsten trifft, wenn wir ihre Wasserversorgung verändern.

Wenn ich gegen seinen Plan anrede, kommt der ehemalige Schulleiter ins Spiel und versucht, zu vermitteln. Eigentlich unterstützt er aber den Basta-Rentner. Das regt nicht nur mich, sondern auch die Informatikstudentin im selbst gestrickten Pulli auf, die neben dem Anwalt sitzt, der immer alles juristisch erklärt. Wenn abgestimmt wird, gewinnt sehr oft der Basta-Mann. So sehen Machtverhältnisse in kommunalen Fraktionen aus. 

Dieser Lebensstil kostet viel Energie

Irgendwann haben die Gothic-Naturschützerin und ich uns verbündet. Wir wollten mehr für den Baumschutz tun. Es hat ewig gedauert, bis wir unsere Fraktion endlich überzeugt hatten. Da war die Gothic-Frau beleidigt und der Jurist wusste wieder alles besser. Als wir uns endlich untereinander einig waren, wollte unser Koalitionspartner nicht mehr.

Der Umwelt- und Bauausschuss hat mich am meisten interessiert. Da wird viel über Gebäudezuschnitte und 17-Kilowattstunden-Häuser gesprochen. Ich habe am Anfang kaum etwas verstanden. Auch die großen und kleinen Rituale, die die Ratsarbeit mit sich bringt, fand ich anfangs befremdlich. So beginnen wir Redebeiträge mit "Sehr geehrter Herr Vorsitzender, meine Damen und Herren". Auf den ersten Sitzungen habe ich kein Wort gesagt, als eine von zehn Frauen unter 60 Teilnehmenden. Die Sitzungen dauern stundenlang, meistens reden die Männer. Vorher trudeln seitenlange Dokumente auf dem Tablet ein, die gelesen werden wollen.

Es ist nicht so, dass ich für das Ehrenamt beruflich kürzertreten würde (was ich auch keiner Frau empfehle). Seit ich Stadträtin bin, hat mich mein beruflicher Weg von einer Mini-Teilzeitstelle über eine halbe Stelle in einem Kommunalverband bis zu einer politischen Geschäftsführung geführt. Diesen Weg hätte ich ohne die kommunalpolitische Erfahrung so nicht gehen können. Aber das Zeitkorsett ist immer enger geworden. Der Morgen beginnt um 6.30 Uhr mit den Kindern, der Bürojob endet um 16.15 Uhr, der Ausschuss startet um 17 Uhr, und ich komme manchmal erst gegen 21 Uhr nach Hause.

Viele Eltern gaben ihre Posten schnell auf, sodass andere von den Reservelisten nachrückten. Die jungen Mamas verschwanden zuerst. Die Papas, auch die vor ihrer Elternschaft jahrelang aktiven, verabschiedeten sich irgendwann ebenso. Nun haben die meisten von uns nur noch erwachsene Kinder oder sind schon in Rente.

Eine Studie über das Engagement von Kommunalpolitikerinnen nennt uns "Lebensstil-Pionierinnen". Das klingt nach Work-Life-Balance, fast nach Wellness-Wochenende im Saunatuch. Tatsächlich kostet dieser Lebensstil viel Energie. Kinder nerven nicht nur morgens, Kommunalpolitik muss auch mal in die Mittagspause gequetscht werden. Da wird noch schnell der Antrag geschrieben und auf dem Weg in die Kita mit dem Koalitionspartner telefoniert. In der Ratssitzung werden durchaus mal Arbeitsmails gelesen. Aber all das ist auch erfüllend. Ständig bin ich mit wichtigen Fragen konfrontiert: Ist genug Trinkwasser für 300.000 Einwohnerinnen und Einwohner sichergestellt? Wie können wir mehr Sozialwohnungen bauen? Können wir die Bäume auf dem begehrten Baugrund erhalten?

Ich könnte mein Mandat jederzeit zurückgeben, aber ich fühle mich als gewählte Ratsfrau auch den Wählerinnen und Wählern verpflichtet. Und ich lasse meine Mitstreiterinnen für eine ökologischere Stadt jetzt nicht hängen. Ich halte den Frust aus, wenn die Verwaltung gewinnt. Denn Gewerbe, Wohnen, Verkehr sind oft wichtiger als Umwelt und Natur. Der Amtsleiter ist immer am längeren Hebel, ihm stärken etliche Fachleute den Rücken. Kommunales Ehrenamt ist Sisyphusarbeit: Wenn du glaubst, du hast die Mehrheiten gesichert, du könntest den Antrag einbringen, dann gibt es ein fachliches Hindernis und der Stein rollt wieder den Berg hinunter.

Nie vergessen werde ich meinen Kampf um zwei Platanen. Die sollten gefällt werden, wurde uns im Ausschuss gesagt. Für eine sechsmonatige Baumaßnahme an einem Verkehrsnadelöhr. Ich war perplex. Wie kann man diese stattlichen Bäume opfern für immer mehr Verkehr? Gibt es keine Alternativen, fragte ich. Nein, es sei alternativlos, sagten die Fachleute. Ich gab klein bei. Die Nachbarschaft wurde nicht über die Fällungen informiert und stellte sich vor die Bäume. Ich erkannte, ich hätte nicht aufgeben dürfen. Ich machte Druck, bis der Verantwortliche sich mit den Bürgerinnen traf. Er ließ die Bäume trotz Mahnwachen fällen, mit hohem Polizeiaufgebot. Das war ein bitterer Tag für die kommunale Demokratie. Und für mich.

Der Verlust der Bäume hat mich wochenlang nicht losgelassen. In solchen Zeiten ist es schön, sich auf die Familie freuen zu können. Ich erzähle den Kindern, wenn ich ein paar Bäume über eine Festschreibung im Bebauungsplan retten konnte. Ich zweifle, dass ich glücklich wäre, wenn ich aufhören würde. Dann würde ein Mann meinen Platz einnehmen. Ein Rentner vielleicht, der in Ruhe die Vorlagen liest, während seine Frau Mittagessen kocht. Dem alte Platanen egal sind. Deswegen mache ich weiter. Fürs Erste.