Berlin erinnere ihn an Damaskus, sein Heimweh sei deshalb weniger schmerzlich, sagte ein Freund neulich zu mir. Ich komme auch aus Damaskus und lebe auch wie dieser Freund seit einiger Zeit in Berlin. Vielleicht gingen mir diese Sätze deswegen nicht mehr aus dem Kopf.

Ich startete also auf Facebook eine kleine Umfrage, ob auch andere Freunde und Bekannte von mir Damaskus in Berlin wiederfanden und bekam eine prompte Reaktion: Kommentar um Kommentar entstand dort ein neuer Stadtplan von Berlin. Ein Plan, der Damaskus und Berlin überblendete. Natürlich war diese Karte ziemlich unordentlich und wenig übersichtlich: Was sich im Norden von Damaskus befindet, wurde in den Berliner Osten gezogen, was eigentlich im Westen liegt, fand sich irgendwo im Berliner Süden wieder. Welche Stelle in Berlin mit welchem Ort aus Damaskus assoziiert wurde, darüber waren sich alle einig, und alle benutzten für die Berliner Orte mit der größten Selbstverständlichkeit syrische Namen. So sehr ich mich darüber wunderte, so sehr erinnerte ich mich auf einmal daran, dass ich etwas Ähnliches schon einmal erlebt hatte: 2003, als viele Iraker nach dem Krieg nach Syrien kamen und viele syrische Straßen nach Straßen ihres Landes benannten.

Dima al-Bitar Kalaji ist eine freie syrische Journalistin, die seit 2013 in Berlin lebt. Sie arbeitet für Radio SouriaLi und schreibt ein Blog über Schwangerschaft für arabische Frauen in Berlin. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Das Thema trieb mich um, und ich begann, Syrerinnen und Syrer an den Orten zu treffen, die sie an Damaskus erinnerten. Zuerst verabredete ich mich mit Hala al-Raschid. Hala ist 35 Jahre alt, Designerin für Informationssysteme, lebt seit vier Jahren in Berlin und arbeitet als Personalleiterin bei einer NGO, die sich für die Unterstützung von Frauen in Syrien engagiert. Wir trafen uns an einem sonnigen Morgen in der Wilmersdorfer Straße, die Hala an Al-Salhijeh erinnert, eine autofreie Straße in Damaskus, die auf beiden Seiten von Geschäften gesäumt ist. Die kleinen Pflastersteine, die weißen Gebäude am Rand, die Menschen, die hier eher plauderten als einkauften, all das vermittelt Hala, wie sie sagt, ein Gefühl der Sicherheit. "Es ist angenehm und nicht so weitläufig. Ich komme gern mit meiner Tochter zum Spazieren hierher und dann erzähle ich ihr hier in der Wilmersdorfer Straße von Syrien." Hala sieht sich selbst als zwangsvertrieben. Sie sagt: "Es spielt keine Rolle, welche Sorte Aufenthaltsgenehmigung du in deinen Dokumenten hast, wir sind wegen der Dinge hier, die dort geschehen. Ich konnte nicht wählen zwischen Gehen oder Bleiben. Zu gehen war die einzige Möglichkeit, die ich hatte."

In der alten arabischen Dichtung beginnen die Gedichte oft mit einigen einleitenden Versen, in denen die Verfasser ihrer Liebsten gedenken. Sie besingen die Orte, an denen diese gelebt haben und die inzwischen zu Ruinen geworden sind. Wenn ich diese Gedichte lese, denke ich: Heute sind nicht nur die Orte die Ruinen, sondern wir auch. 

Als Hala und ich die Wilmersdorfer Straße entlangliefen, sagte sie: "Ich brauche meine alten Freunde, um mich daran zu erinnern, wer ich bin und wie ich war. Die Leute, die ich jetzt treffe, wissen nicht, wie ich war. Die Hala von jetzt ist die einzige, die sie kennen und getroffen haben, aber sie ist nicht unbedingt die beste Version von mir." Hala denkt, dass sie einen alternativen Stadtplan schafft, weil sie etwas braucht, um sich selbst an jene Frau zu erinnern, die sie war. Syrien, das ist für sie eine Mischung aus Menschen, Zeit und Orten – von der sie lediglich die Orte noch einmal entstehen lassen kann. 

Als zweites traf ich Eyas Adi. Er ist 29 Jahre alt, hatte in Damaskus Medizin studiert, lebt seit zwei Jahren in Berlin und spricht fließend Deutsch. Während er sich überlegt, in welchem Bereich er sein Studium fortsetzen will, veranstaltet er Refugee-Voices-Touren und arbeitet auf seinem Fahrrad für Foodora. Für ihn ist dieses Übereinanderlegen von Damaskus und Berlin "eine Normalisierung mit dem Ziel, Vertrautheit zu erzeugen". Zumindest beim ersten Erkunden der Stadt, wenn der Kopf ständig versucht, irgendeine Beziehung zum neuen Ort herzustellen. Eyas kommt durch ganz Berlin, während er das Essen ausliefert. "Auf dem Fahrrad entsteht eine neue Beziehung zur Stadt: Ich muss dem Geschehen auf der Straße meine Aufmerksamkeit widmen, das betrifft mich direkt. Diese Unmittelbarkeit ist mir wichtig geworden, man sieht Berlin dann mit anderen Augen." Damaskus hat Eyas nur einmal mit dem Fahrrad durchquert: "Fahrradfahren war dort nicht sonderlich beliebt. Damals kam es mir vor, als wäre Damaskus ganz anders und sehr schön gewesen, obwohl es das nicht war. Es war voller Checkpoints, Soldaten und Menschenschlangen, in denen man auf alles Mögliche wartete."