Technologie verändert unser aller Leben schneller als je zuvor. Die Philosophin Helen Hester denkt darüber nach, wie eine Politik aussehen könnte, die auf der Höhe dieses Wandels ist. Wir treffen Sie zum Interview in London.


ZEIT ONLINE: Helen Hester, gerade ist Ihr Buch Xenofeminism erschienen, Sie sind Mitautorin des Xenofeministischen Manifests. Xeno bedeutet "fremd". Sie sagen, was wir heute brauchen, ist nicht weniger, sondern mehr Entfremdung.

Helen Hester: Wir spielen bewusst mit den verschiedenen Sinnebenen von Entfremdung. Entfremdung hängt mit der menschlichen Fähigkeit zur Abstraktion zusammen, damit, dass wir in der Lage sind, von unseren unmittelbaren Sinneseindrücken zu abstrahieren und in großen Maßstäben zu denken. Wenn wir von der Fleischhülle, in der wir stecken, nicht ein wenig entfremdet wären, könnten wir über ökologische, soziale oder politische Systeme gar nicht erst nachdenken. Natürlich nehmen wir auch Marx' Gedanken auf, dass Maschinen die Fabrikarbeiter von ihrer Arbeit entfremden. Technik kann aber auch ein Mittel sein, den Menschen von seiner biologischen Unmittelbarkeit zu befreien. Das ist nicht zwangsläufig etwas Schlechtes.

Helen Hester ist Professorin für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der University of West London. Sie forscht über Technik und Feminismus, soziale Reproduktion, Sex und Kulturen der Arbeit. Ihr Buch "Xenofeminism" ist bei Polity Press erschienen, eine deutsche Übersetzung folgt im Merve Verlag. © Helen Hester

ZEIT ONLINE: Sie wollen dem Feminismus einen neuen Impuls geben. Sie sagen, er sei in den vergangenen Jahrzehnten nicht universalistisch, nicht ambitioniert genug gewesen.

Hester: In Debatten um Gender und sexuelle Reproduktion spielt Entfremdung eine große Rolle. Der Ökofeminismus zum Beispiel sagt, dass die Leute zu ihrem Körper zurückkehren sollen, dass moderne Medizin sie von ihrer Natur entfremdet habe und so weiter. Zugleich wird Schwangerschaft mystifiziert, sie wird als eine Kraft beschrieben, die durch den Körper hindurchgeht und sich kaum kontrollieren lässt. Also eine Art Entfremdung vom Körper durch die Kraft der Natur. Wir fragen: Warum soll die Entfremdung durch medizinische Technik, die wir zu großen Teilen kontrollieren können, etwas Schlechteres sein? Es war immer Teil des feministischen Projekts, den Frauen die größtmögliche Kontrolle über den Reproduktionsprozess zu geben. Nur weil der Begriff der Entfremdung viele negative Konnotationen hat, muss er nicht per se negativ sein. 

ZEIT ONLINE: Ihr Buch endet mit einem Lob des Biohacking, der mikrobiologischen Technik, durch die man in den eigenen Körper eingreift. Sie sprechen von klandestinen Hormonfarmen, von einem open sourcing von Mitteln zur Selbstmanipulation. Das klingt ein bisschen nach Science-Fiction. Glauben sie wirklich, dass es wünschenswert oder auch nur realistisch wäre, wenn wir in einer Welt lebten, in der jede Person ihre biologischen Attribute mehr oder weniger selbst zusammenstellt?

Hester: Diese Dinge gibt es doch längst, sie sind längst in der Welt! Im Grunde kommen wir auf den Slogan der Second-Wave-Feministinnen zurück, dass Biologie kein Schicksal ist. In den Siebzigerjahren ging es darum, zu erklären, dass viele Ideologien auf den biologischen Körper projiziert werden und dass diese Ideologien uns viel stärker festlegen als die Biologie selbst. Ideologien verändern sich. Uns geht es heute darum, zu zeigen, dass auch die Biologie veränderbar ist. Wir leugnen keine biologischen Tatsachen. Wir sagen nur, dass man biologische Effekte manipulieren und steuern kann, und dass eine solche Steuerung auch schon immer stattfand. Wenn wir von unserem fleischlichen Körper sowieso entfremdet sind, dann sehe ich nicht, warum wir den Leuten die technischen Möglichkeit vorenthalten sollten, in ihr biologisches System einzugreifen.

ZEIT ONLINE: Die Pharmaindustrie tut genau das seit mindestens anderthalb Jahrhunderten. Die Antibabypille zum Beispiel ist auch eine Art Biohacking. Seit ein paar Jahren häufen sich aber die Stimmen, die sagen, sie produziere eine repressive Form von Weiblichkeit. Nebenwirkungen wurden über Jahrzehnte verschwiegen oder heruntergespielt. Der Philosoph und Transmann Paul Preciado beschreibt in seinem Buch Testo Junkie, wie er seinen Körper hackt, indem er sich hohe Dosen Testosteron zuführt. Der eigene Testosteronspiegel ist in den vergangenen Jahren allerdings auch eine Obsession einer rechten, frauenfeindlichen Männerbewegung geworden. Biohacking wird also auch von antifeministischer Seite betrieben. Ist das alles nicht viel zu gefährlich?

Hester: Die Sache ist doch die: Absolut jede Technologie kann von verschiedenen politischen Seiten angeeignet und verwendet werden. Wir sehen, dass fast alle Technologien im kapitalistischen Sinn ausgenutzt werden und dass das nicht unbedingt fortschrittliche politische Konsequenzen hat. Aber es gibt eben auch Widerstandsbewegungen, die sich neue Technologien aneignen. Es gibt einen informellen Markt für Pharmaprodukte. Es gibt Selbsthilfegruppen, in denen Transsexuelle verschreibungspflichtige Medikamente vergemeinschaften. Es gibt Versuche, genmanipulierte Tabakpflanzen für den eigenen Hormonanbau herzustellen. Natürlich ist es ein Mythos zu glauben, man könnte sich von der biomedizinischen Industrie völlig emanzipieren. Aber es ist wichtig, dass solche Widerstandsstrategien existieren, dass sie einen Druck aufbauen. Anders werden wir die kapitalistische Landschaft nicht verändern können.