Die deutsche Sprache habe ich von meinen Kindern gelernt. Ich brachte ihnen meine Muttersprache bei, sie mir ihre Sprache, die zu bezeichnen mir im Moment ein Begriff fehlt. Denn ich bin ihre Mutter, sodass die Bezeichnung "Muttersprache" für ihre Deutschkenntnisse nicht passt. Dabei sprechen meine Kinder Deutsch genauso gut wie alle "echten" Muttersprachler, was nur einer von vielen Beweisen für die Unzulänglichkeit mancher Begriffe ist. Uns fehlen die passenden Worte in den Sprachen, die wir außerhalb der Familie erworben oder die wir von unseren eigenen Kindern gelernt haben. Wittgensteins Satz, "die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt", weitergedacht, können wir sagen: Der Begriff "Muttersprache" entspricht nicht den sprachlichen Realitäten einer polyglotten Gesellschaft.

Alida Bremer wurde in Split an der Adriaküste geboren. Sie schreibt in deutscher und kroatischer Sprache und lebt als freie Autorin und Übersetzerin in Münster. Das unveröffentlichte Manuskript ihrer Trilogie "Drehort Adria" wurde für den Alfred-Döblin-Preis 2017 und ihre Übersetzung des Romans "Liebesroman" von Ivana Sajko für den Internationalen Literaturpreis 2018 nominiert. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Ali el Baya

Eine meiner kroatischen Facebook-Freundinnen hat kürzlich eine Nachricht über die neueste sprachliche Grenzüberschreitung aus den Reihen der AfD gepostet. Sie hat in Deutschland studiert, Deutsch ist ihre Bildungssprache, und sie verfolgt regelmäßig die deutschen Medien. Sie ist Philosophin, die mit einer Arbeit über Heidegger promoviert hat, aber das Wort "Vogelschiss" kannte sie nicht. Sie wälzte Wörterbücher und stellte fest, dass "Vogelschiss" wohl von "Vogelschießen" stammen müsse, wozu es in den Wörterbüchern folgende Erklärung gab: "Schießen zur Wette auf einen Vogel aus Holz".

Die Philosophin fragte sich zwar, was das wohl bedeuten möge, und wieso ein deutscher Politiker die Epoche der Naziherrschaft mit dem Abschießen irgendwelcher Holzvögel vergleicht, aber dennoch postete sie diese falsche Übersetzung auf ihrer Facebook-Seite. Ich klärte sie auf, und sie wurde traurig. Vogelschiss! Sie konnte sich gar nicht vorstellen, dass die Sprache in der deutschen Öffentlichkeit so tief gesunken sein sollte. Sie empörte sich schon über die Vogelschießen-Metapher, denn auch das wäre eine Verharmlosung der Verbrechen der Nazis, aber es wäre unvergleichlich viel poetischer. Vor dem ordinären Ausdruck "Vogelschiss" verstummte sie, als sie ihn endlich verstand.

Es ärgerte sie, dass sie die Bedeutung dieses Worts nicht sofort erkannt hatte. Ich tröstete sie: Sie habe mit der deutschen Philosophie die deutsche Sprache erlernt, ich von meinen Kindern; kein Wunder, dass ich bei der Übersetzung dieses Ausdrucks keine Schwierigkeiten hatte. Aus dem Kindergarten kamen meine Kinder häufig mit Sprüchen nach Hause, von denen sie erwarteten, dass ich entsetzt sein würde. Sie hatten Pech, denn diesen Effekt konnten sie bei mir nur mit Verzögerung erreichen. Zunächst mussten sie mir erklären, was ein solches Wort überhaupt bedeutet, erst dann konnte ich von ihnen verlangen, dass sie es zumindest bei Tisch nicht mehr verwenden mögen. Ein Bundestagsabgeordneter, der die Zeit des Nationalsozialismus mit Vogelschiss vergleicht, verfährt wie ein freches Kind, das beim Essen plötzlich von Kacka, Pipi, Pups und Popo spricht, in der Erwartung der Reaktion der Eltern, die ihm zeigt, wie weit es gehen darf. Wo die Grenze seiner Sprache liegt.

Wenn in den vergangenen Jahrzehnten Autorinnen und Autoren aus dem ehemaligen Jugoslawien in Deutschland an literarischen Veranstaltungen teilnahmen, wurden sie ständig gefragt, wie sie sich zum Nationalismus positionieren. Diejenigen unter ihnen, die besonders deutlich betonten, wie sehr sie dagegen seien, wurden zu Lieblingen der deutschen Intellektuellen. Weder eine authentische Sprache noch die verzwicktesten Plots und auch keine fantasievollen Naturschilderungen interessierten die deutschen Verlage, Journalisten und Kritiker, allein die Haltung der Südosteuropäer zum Nationalismus war entscheidend für die Wertschätzung ihnen gegenüber. Diese deutsche Eigenart erklärte ich mir damals aus der Geschichte des Landes, und auch wenn ich es bedauerte, dass alle literarischen Kriterien davon überschattet wurden, betrachtete ich diese Fragestellung als wichtig. Ich frage mich nun, wie sich diese eifrigen Kritiker des Nationalismus auf dem Balkan zum Geschichtsrevisionismus in Deutschland positionieren? Was sagen sie zu der neuen Sprache, die sich im öffentlichen Diskurs breitmacht? Zu den Kacka-Pipi-Sprüchen der Skandalmacher, die die Grenzen der Sprache ertasten, um uns ihre entfesselte Welt des rohen Nationalismus überstülpen zu können?

Für einige meiner Vorfahren endete der Zweite Weltkrieg tödlich. Meine Familie, die zu den kroatischen Widerstandskämpfern gehörte und die an der Küste der Adria die verheerende deutsche Politik jener Zeit zu spüren bekam, bildet den Migrationshintergrund meiner Kinder, die Deutsch sprechen, als wäre es ihre Muttersprache. Mit dem schamlosen Wort eines Populisten sind die Geister ihrer toten kroatischen Ahnen zu Holzvögeln geworden, freigegeben zum Abschuss bei einem völkischen Schützenfest. Und ich frage mich zunehmend besorgt, ob wir uns als eine nicht rein deutschstämmige Familie eines Tages unserer Bürgerrechte beraubt sehen könnten. Mag sein, dass meine Sorge dem einen oder anderen übertrieben erscheint. Doch hätte mir jemand im Jahr 1988 gesagt, dass 1991 meine Geburtsstadt Split von Granaten beschossen werden würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt.

Im ehemaligen Jugoslawien fanden zunächst sprachliche Grenzüberschreitungen statt – und dann kam der Krieg. Inzwischen haben wir Südosteuropäer gelernt, uns zu fragen, was sich hinter verbalen Rauchbomben verbirgt. Beim genauen Hinschauen entdeckt man zum Beispiel unter dem Vogelschiss die Pläne der Thüringer AfD für "einen steuerfinanzierten Rentenaufschlag nur für deutsche Beitragszahler". Als ob die ausländischen Rentenbeitragszahler während ihres Arbeitslebens keine Steuern gezahlt hätten! Sie arbeiteten in diesem Land unter der Voraussetzung der Gleichberechtigung vor dem Gesetz, auch wenn sie häufig die schmutzigen, schweren und schlechter bezahlten Arbeiten verrichtet haben. Das Spiel mit den finanziellen Privilegien für Rentner, die auf fremdenfeindlichen Ungerechtigkeiten aufgebaut werden sollen, ist ein gefährliches Spiel, bei dem man mit der infantilen Reaktion der deutschen Wähler rechnet: Sie sollen im Kindergarten der AfD "Meins!" schreien, nachdem sie die Freiheit, "Kacka" und "Pipi" zu rufen, ausgeschöpft haben.

Obwohl ich hoffe, dass die deutsche Gesellschaft reifer als diese AfD-Imagination ist, lehrt mich meine ex-jugoslawische Erfahrung Vorsicht. Es würde mich vielleicht nicht beruhigen, aber es würde mir viel bedeuten, wenn jene deutschen Kulturschaffenden, die ihre Kollegen aus Südosteuropa damals ermahnten, sich dem Nationalismus zu widersetzen, sich heute deutlich positionieren würden. Wenn sie sich sowohl gegen den niederträchtigen Vogelschiss-Euphemismus wie auch gegen derart diskriminierende Vorschläge wehren und die Rechte der ausländischen Rentnerinnen und Rentner, die dieses Land mit aufgebaut haben, mit klaren Aussagen in der Öffentlichkeit verteidigen würden.