Bibi ist schwanger und Werbefachleute jubilieren. Weil ich annehme, dass Sie älter als 15 sind und sich nicht hauptberuflich mit Influencer-Marketing beschäftigen, werde ich den Eingangssatz für Sie übersetzen: Die YouTuberin Bianca Heinicke, deren Kanal Bibis Beauty Palace mehr als fünf Millionen Follower hat, erwartet ein Kind.

Marlen Hobrack studiert im Master-Studiengang Kultur- und Medienwissenschaften, nachdem sie zuvor einige Jahre in einer Unternehmensberatung gearbeitet hat. Derzeit schreibt sie an einem Social-Media-Roman. Sie lebt mit ihrem Sohn in Dresden und ist Gastautorin bei "10 nach 8". © privat

Weil Bibi eine Influencerin ist, also gewissermaßen mit ihrer Persönlichkeit die Güte der Produkte bestätigt, die sie auf ihrem Kanal bewirbt, ohne dies als Werbung auszuweisen, frohlocken nun die Fachleute über neue Marketingmöglichkeiten. Das Bibi-Baby könne die Vermarktungsmöglichkeiten der YouTuberin um fünf Prozent steigern, bestätigt eine Influencer-Expertin in der Süddeutschen Zeitung. Die Rechnung ist einfach: neues Baby, neue Zielgruppe. 

Ich möchte keine Spielverderberin sein, aber ich sehe da einige logische Probleme. Die Hauptzielgruppe für babybezogene Produkte in Deutschland dürfte aus Frauen zwischen 30 und 35 Jahren bestehen, jedenfalls liegt das Durchschnittsalter für Erstgebärende bei 31 Jahren.

Die Follower von Bibi sind jedoch überwiegend Teenager. Besorgten Eltern könnte nun Böses schwanen: Was, wenn Bibi ihre Zuschauerinnen beeinflusst, nur eben auf eine andere Art als von Werbefachleuten erhofft? Was, wenn nun massenhaft Teenagermädchen ihre Kontrazeptiva die Toilette hinunterspülen, um mit ihren Teenagerboyfriends Bibis Babybauchglücksszenen nachstellen zu können? Was also, wenn die Zahl der Teenagerschwangerschaften, die seit Jahren rückläufig ist, dadurch sprunghaft ansteigt? Wir alle wissen ja, dass die kuscheligen Babybauchkussfotos bei Lilly und Lukas aus Buxtehude oder Janet und Jason aus Chemnitz nicht halb so ästhetisch ausfallen werden wie in Bibis perfekter Instagram-Inszenierung.

Aber Spaß beiseite. Erst vor einigen Monaten brachte Kylie Jenner (20), die jüngste Schwester aus dem Kardashian/Jenner-Genpool, nach monatelang mehr schlecht als recht geheim gehaltener Schwangerschaft eine Tochter zur Welt. Auch Kylie Jenner verfügt über Millionen vorrangig junger Follower, aber im Gegensatz zu diesen auch über reichlich Geld. Und das ist das Interessante an den jungen Instagrammerinnen, Influencerinnen und Internetcelebrities, die Babys bekommen: Der ultimative Makel der Schwangerschaft einer jungen Frau – die häufig vorhandene materielle Abhängigkeit von Eltern oder Staat – entfällt. So offenbart sich auf faszinierende Art die ökonomische Dimension von Mutterschaft.

Über Jahrzehnte hinweg stieg das Alter für Erstgebärende, weil sich dank Pille und guter Bildungs- und Jobaussichten plötzlich sinnvolle Alternativen zum Muttersein fanden. Eine Frau wolle karrieretechnisch erst sich selbst verwirklichen und danach, vielleicht, Mutter werden. Das ist die gängige Erzählung, die erklären soll, warum Frauen immer später Mutter werden. Dabei zeigen wohlhabende Celebrities wie Models oder Musikerinnen, die sich permanent und hartnäckig bis zur Erschöpfung selbstverwirklichen, dass frühe (aber auch sehr späte) Mutterschaft durch vorhandene ökonomische Mittel zur Selbstverständlichkeit werden kann.

Geld, so die gleichermaßen banale wie erfrischende Erkenntnis, befreit ein Frauenleben ganz erheblich vom sozialen Druck, zum richtigen, perfekten, absolut passenden Zeitpunkt ein Kind zu bekommen. Die Freiheit von Arbeitgebern, die potenziell gebärfähige Frauen – also alle zwischen 18 und mindestens 40 – unter der Hand auf einen möglichen Kinderwunsch hin befragen, macht den emotional perfekten Zeitpunkt für Mutterschaft zum einzigen entscheidenden Kriterium. So unabhängig sind Influencer-und Celebrity-Moms, dass sie sich auch nicht einmal fragen müssen, ob ihre Partnerschaft ein Leben lang – oder jedenfalls lange genug – halten wird. Ökonomisch jedenfalls sind sie nicht von dem Mann abhängig.