Das Absurdeste an Gary Linekers Diktum, dass beim Fußball am Ende immer die Deutschen gewinnen, ist die Ernsthaftigkeit, mit der viele Deutsche daran glauben. Lineker sagte seinen Satz im Juli 1990; Chris Waddle, ein Angreifer von Olympique Marseille, hatte gerade den letzten englischen Elfmeter über das Tor von Bodo Illgner geschossen. Tragisch für die Engländer. Und endlos zitierbar. Linekers Satz war der perfekte Fußball-Tweet 16 Jahre vor der Erfindung von Twitter. Es ist nur folgerichtig, wenn er ihn je nach Ausgang der deutschen Spiele aktualisiert.

Nehmen wir mal an, Lineker hat seinen Satz schon 1990 nicht wirklich ernst gemeint. Vielleicht wollte er nur einen Witz machen. Vielleicht hat Lineker den Mythos von der Unbesiegbarkeit des deutschen Teams nur als einen ironischen Anspruch formuliert. Damit er sich jedes Mal aufs Neue amüsieren kann, wenn die Deutschen ihn nicht erfüllen.

In den Jahren 1994 und 1998 zum Beispiel, als sie im Viertelfinale gegen Bulgarien und Kroatien ausschieden. 2002, als sie das Finale gegen Brasilien verloren. 2006 und 2010, als die Halbfinalgegner Italien und Spanien zu gut für sie waren. Schon ihre Finalspiele von 86, 82 und 66 hatten die Deutschen verloren, von den verlorenen Halbfinalpartien ganz zu schweigen. Deutschland, das Bayer Leverkusen unter den Nationalmannschaften.

Vor jedem Turnier begeben sich die Deutschen in eine kollektive Autosuggestion, sie häufen Grillfleisch, Biervorräte und seit wenigen Jahren vermehrt schwarz-rot-goldenes Zubehör an, um ihren Experten dabei zuzuhören, wie sie vom angeblichen deutschen Sieger-Gen, von der besonderen mentalen Stärke der Deutschen, von ihrer mannschaftlichen Geschlossenheit, taktischen Disziplin und so weiter schwadronieren. Nicht alles, was den Deutschen da zugeschrieben wird, macht sie sympathisch. Aber es macht sie mächtig, schwer zu besiegen wie schon damals die eisernen … Na ja, schon gut.

Unbesiegbarkeit und blühende Landschaften

Hat schon mal jemand darüber nachgedacht, worauf diese Theorien überhaupt beruhen? Auf dem Umstand, dass es den Engländern zufälligerweise noch seltener gelungen ist, die Weltmeisterschaft zu gewinnen? Immerhin hat Oliver Bierhoff so viel Takt bewiesen, die Nationalmannschaft nicht als "La Turniermannschaft" zu rebranden.

Zum Fußball hatten die Deutschen noch nie ein rationales Verhältnis, seit 1954 absorbiert er die Neurosen der Nation. Das sogenannte Wunder von Bern kam neun Jahre nach dem Zusammenbruch von Berlin; "Wir sind wieder wer", das hieß in den Fünfzigern vor allem: "Wir wären gerne etwas anderes als Verbrecher und Verlierer." Der WM-Sieg 1990 fiel mit der Wiedervereinigung zusammen, Franz Beckenbauer fabulierte von einer auf Jahre hinaus anzunehmenden Unbesiegbarkeit wie Helmut Kohl von den blühenden Landschaften, die es im Osten bald geben würde. Das Weltmeisterteam bestand indessen aus Westdeutschen mit Achtzigerjahrefrisuren, die zum Leben und Arbeiten lieber nach Italien zogen. Die Geschichte des Sommermärchens 2006 möchte man nicht noch einmal erzählen. Wie viele Millionen Franz Beckenbauer persönlich und/oder der DFB organisiert haben, um die WM-Vergabe zu kaufen, bleibt eine Frage für die Forschung.

Vielleicht müssten gerade die Cheerleader des Sommermärchens, die Wir-lieben-unser-Land-und-juhu-das-macht-niemandem-mehr-Angst-Menschen von 2006 dem 2018er Jahrgang ein Denkmal setzen. 2006 war das Versprechen auf eine neue deutsche Normalität: Endlich eine westliche Demokratie sein wie die anderen, endlich einen Patriotismus pflegen, der so selbstverständlich ist wie der der Briten oder Franzosen, das war die Sehnsucht vieler Deutscher nach 1990. Dass auch die Briten und Franzosen ihre Komplexe haben, kommt in diesen Gedankengängen eher nicht vor.

Vom Fußball her gedacht wird die Normalität jedenfalls erst durch den etwas zu arroganten Toni Kroos erfüllt, den etwas zu niedergeschlagenen Mesut Özil und den etwas zu kritikresistenten Sami Khedira. Normal für eine Nationalmannschaft ist, dass sie 1) nicht Weltmeister wird und dass sie 2), falls 1) doch einmal eintritt, beim nächsten Mal in der Vorrunde ausscheidet. Wie zuvor Frankreich, Italien und Spanien. Nicht die WM 2014 hat das Versprechen des sogenannten Sommermärchens eingelöst, sondern die WM 2018. Aber das wollen die, die weiterhin an der mythischen Verbindung zwischen Fußball und nationalem Schicksal schrauben, natürlich nicht hören.