Viele gesellschaftliche Debatten unserer Zeit drehen sich um die Frage struktureller Benachteiligung. Oft werfen die Kontrahenten einander vor, sie beanspruchten eine Opferhaltung, die nicht sinnvoll begründet sei. In diesem Zusammenhang antwortet die Kulturwissenschaftlerin Asal Dardan auf den Text "Das große Mimimi", den Anselm Neft auf ZEIT ONLINE veröffentlichte.

Der Dichter Langston Hughes und die Sängerin Nina Simone, zwei Ikonen der US-Bürgerrechtsbewegung, schrieben 1967 den Backlash Blues. Der Song richtet sich an den weißen Mann und prophezeit ihm, er werde bald selbst den Blues bekommen, denn die Welt sei voller Menschen, die sich nicht länger von ihm unterdrücken ließen: "All you got to offer / Is your mean old white backlash / But the world is big / Big and bright and round / And it’s full of folks like me / Who are black, yellow, beige and brown / Mr. Backlash, I’m gonna leave you / With the backlash blues."

Hughes und Simone sprachen den weißen Mann nicht als Individuum an, sondern als Symbol für all jene, die von der systematischen Unterdrückung der afroamerikanischen Bevölkerung profitierten. Damit beschrieben sie einen zentralen Konflikt der politischen Moderne: Emanzipatorische Bewegungen lösen Gegenbewegungen aus, weil manche Menschen sich schon dadurch in ihrer Freiheit bedroht sehen, das sie auf andere ausgeweitet werden soll. In der These vom "whitelash", das heißt von einer dezidiert "weißen" Wahl Donald Trumps als Reaktion auf diejenige Barack Obamas, klingt ein Echo des Backlash Blues

Seit 1789 sah die politische Rechte sich als Opfer

Emanzipationsbestrebungen rufen Widerstand hervor, und in angespannten Zeiten wie der unsrigen führt das dazu, dass sich Menschen aus allen Gruppen, unabhängig von ihrer Position im gesellschaftlichen Machtgefüge, als Opfer begreifen. Besonders ausgeprägt kann man diesen Mechanismus im Zusammenhang mit der #MeToo-Bewegung einerseits und den erstarkenden Rechten andererseits beobachten: Da wird der Mann zu einem bedrohten Wesen erklärt, zum Opfer eines "totalitären Feminismus"; da wird ein Politiker, der sich mehrmals menschenverachtend geäußert hat und dem dann ein Streich widerfährt, zu einem fragilen, in seiner Würde verletzten "Andersdenkenden". 

Wie der Politiktheoretiker Corey Robin in seiner Analyse konservativen Denkens The Reactionary Mind ausführt, sind solche Formen der Viktimisierung oder Selbstviktimisierung keine Folgeerscheinung der so oft diffamierten politischen Korrektheit. Im Gegenteil sind sie ein wesentlicher Bestandteil rechter Narrative. Seit der Französischen Revolution waren Konterrevolutionäre, Monarchisten und Konservative von der Angst geplagt, sie könnten von Linken gegängelt und unterworfen werden. Wie die politischen Machtverhältnisse wirklich waren, hatte auf diese Wahrnehmung kaum Einfluss. Darüber hinaus, erklärt Robin, übernehmen Rechte oftmals linke Denk- und Argumentationsmuster, um die eigenen politischen Ziele zu befördern.

Nicht alle Opfer sind gleich

Deshalb ist es sinnvoll, Opferdiskurse auf allen Seiten kritisch zu betrachten. Was wollen Menschen, die sich als Opfer begreifen? Wofür stehen sie ein, für wen sprechen sie und als wessen Opfer sehen sie sich? Oft wird dabei so getan, als ginge es in den jeweiligen Auseinandersetzungen um völlig gleichwertige Benachteiligungen. Das unterschlägt zwei essenzielle Differenzen: Erstens gibt es strukturelle Ursachen für real existierende gesellschaftliche Ungleichgewichte, und je nachdem, wo eine Person sich im Gesellschaftsgefüge befindet, hat es mehr oder weniger schwere Konsequenzen für sie, Opfer zu sein. Zweitens existieren kategoriale Unterschiede zwischen den politischen Lagern. Wer das nicht bedenkt, unterschlägt die politische Dimension der Debatte um eine vermeintliche Opferkultur gleich doppelt.

Wie zersetzend eine solche sprachliche und gedankliche Nivellierung sein kann, zeigten die ersten Reaktionen einiger Journalisten auf Twitter, als Alexander Gauland neulich bei einem Badeausflug Kleidung gestohlen wurde. Wenige Tage vor seinem Badegang hatte Gauland den Faschismus kleingeredet und behauptet, der Nationalsozialismus sei in tausend Jahren deutscher Geschichte nur "ein Vogelschiss" gewesen. Während der Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt Schulter an Schulter mit den Verlagskollegen von der Bild verkündete, die Welt werde das "entwürdigende Foto von Gauland in Badehose" nicht abdrucken, sprach der ZEIT-Redakteur Jochen Bittner in einem Tweet von einem "kleinen Zivilisationsbruch" und sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, die zivilisatorische Zäsur des Holocaust dem Diebstahl von Gaulands Sommerkleidung gegenübergestellt zu haben. Natürlich sind Tweets schnell geschrieben und Twitter-Diskussionen haben eine eskalierende Dynamik. Doch es ist wichtig, zu erkennen, dass Menschen, die selbst nicht unmittelbar von Diskriminierung betroffen sind, manchmal das Bewusstsein dafür fehlt, was das demokratische Miteinander tatsächlich gefährdet und was nur unbequem oder respektlos ist.