Unsicherheit sei Gift für die Märkte. Wann immer in der EU oder in Deutschland jemand auf die Idee kommt, die Ordnung aus Gemeinschaftswährung, Exportweltmeistertum und Haushaltsdisziplin infrage zu stellen, hört man diesen Satz. Als italienische Regierungsmitglieder neulich beteuerten, den Euro lieber verlassen zu wollen, erinnerte der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger die Italiener an die disziplinierende Kraft des Marktes: Wenn erst die Zinsaufschläge für italienische Staatsanleihen ansteigen, dann sei das für die italienischen Wähler bestimmt "ein Signal (…) nicht Populisten von links und rechts zu wählen".

Nun arbeiten im Finanzwesen sicher auch ein paar Leute, die Volatilität, das heißt berechenbare Unsicherheit, ziemlich attraktiv finden. Sie sind Profiteure der Verunsicherung – zum Beispiel, weil sie von Italien höhere Zinsen verlangen können. Tue nichts, was Verunsicherung stiftet, sonst bestrafen dich die Märkte – einen Politiker gibt es, dem dieser Satz völlig egal zu sein scheint: Donald Trump. Der "größte Chaot der Weltpolitik", wie die ordnungsgemäße SPD-Vorsitzende Andrea Nahles ihn vergangene Woche nochmals nannte, macht einfach, was er will. Und die Wirtschaftsdaten der USA geben ihm zumindest vordergründig recht.

Von selbst gestifteter Unordnung profitieren

Vielleicht kann man Trumps Funktionsweise beschreiben, ohne ihm gleich psychologische oder charakterliche Defizite zu unterstellen; man kann sich seine Politik sogar anschauen und dabei von dem ideologischen Unterbau der Ultraliberalen abstrahieren, auf den er sich immer erkennbarer stützt. Schaut man nur auf die Form seines Handelns, dann erkennt man in Trump einen Politiker, der von der Unordnung profitiert, die er selbst stiftet.

Insofern ist der Typus Trump auch eine Antwort auf die Kontingenz der Spätmoderne, nur eben eine, die den Politikertypus Merkel-Kauder-Altmaier in sein Gegenteil verkehrt. Auf all die Unwägbarkeiten, die sich in der angeblich so komplexen Welt von heute anhäufen, reagierte Merkel in den Jahren ihrer Ära (die vorüber ist, obwohl sie noch mindestens zwei Wochen regieren wird), mit tastender, manchmal wankelmütiger Vorsicht. Wie eine Risikomanagerin, die ständig ihre Einsätze überprüft, um ja nicht zu viel zu verlieren. Trump hingegen lässt sich auf einen Zollüberbietungsstreit mit China ein, bei dem die Einsätze binnen einer Woche auf 250 Milliarden Dollar gestiegen sind. Nichts zwingt den amerikanischen Präsidenten, den Konflikt um eine neue Welthandelsordnung mit so hohen Einsätzen zu führen. Anstatt Unwägbarkeiten zu minimieren, stellt Trump welche her.

Wie die New zur Old Economy

Gewissermaßen verhält Trump sich zu Merkel wie die New zur Old Economy: Im Silicon Valley kommt es auf Disruption an, auf das Erzeugen des unwahrscheinlichen Ereignisses. Risikokapitalgeber streuen ihre hohen Einsätze, weil sie darauf hoffen, an zumindest einem Unicorn beteiligt zu sein. Wenn ein Start-up auf Milliardenwert ansteigt, weil es ein neues Geschäftsfeld erschließt oder wie Uber, Airbnb und Facebook einen Wirtschaftszweig revolutioniert, dann hat es die Verluste aller anderen Investments kompensiert. Ein Aktienhändler der alten Schule handelt nach dem entgegengesetzten Prinzip. Er streut seine Investments so, dass viele kleine Gewinne wahrscheinlicher sind als viele kleine Verluste.

Schon als Unternehmer und Socialite war Trump instinktiv darauf ausgerichtet, medialen Lärm zu erzeugen. Natürlich tut er das auch vom Weißen Haus und von der Air Force One aus, beispielsweise, wenn er eine G7-Absichtserklärung, die er gerade noch gemeinsam mit anderen Staats- und Regierungschefs unterschrieben hat, per wieder Twitter annulliert. Ein dermaßen unzuverlässiges Verhalten ist für einen Regierungschef ohne Präzedenz. Und doch sieht Angela Merkel hilflos aus, wenn sie darauf besteht, dass einmal unterschriebene Vereinbarungen gelten.