Der neue Mathematiklehrer schreibt seinen Namen an die Tafel. Er heißt Peter Baukloh und trägt seinen Pullunder aus Alpakawolle versehentlich falsch herum. Für unsere Probleme, so sagt er, werde er stets ein offenes Ohr haben. Wir malen eine Toilettentür unter seinen Namenszug und schmeißen uns weg.

Die sozialdemokratische Bildungsreform hatte der Stadt Köln Anfang der 1980er-Jahre eine Gesamtschule im Problembezirk Köln-Chorweiler beschert. Der ältere Teil des Lehrkörpers hatte das einstige Gymnasium nahezu vollständig verlassen und wir Schüler standen mit Herrn Baukloh und seinesgleichen in der Raucherecke und diskutierten über unsere Schulnoten. Vor allem die mündlichen. Die machten 50 Prozent der Gesamtnote aus und hatten also, im Falle von Versetzungsgefahr, große Bedeutung.

Heike-Melba Fendel ist Autorin und Inhaberin der Künstler- und Veranstaltungsagentur Barbarella Entertainment. Sie lebt in Köln und Berlin. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Jennifer Fey

Wir fanden schnell eine Methode, um "Peter" dazu zu bringen, diese Noten zu unseren Gunsten anzuheben: Wir machten aus schnödem Versagen ein emotionales Dilemma. Die Angst, etwas Falsches zu sagen und von den anderen ausgelacht zu werden. Auch streitende Eltern ließen uns angeblich verstummen. Oder, das effektivste Argument: "Peter, ich habe das Gefühl, du hast etwas gegen mich, dabei habe ich mir unheimlich Mühe gegeben."

Unser spätpubertäres Instrumentalisieren des SozPäd-Gekuschels früher Jahre sollte sich als zukunftsweisend entpuppen. Auf dem Schulhof von Köln-Chorweiler nahmen wir eine heute als alternativlos akzeptierte emotionale Kriegsführung vorweg: Das Gefühl als kollektiv eingesetztes Totschlagargument. 

Wer gesund ist, zeigt Gefühle

"Ich hab' da so ein Gefühl", sagt die junge Polizistin zu ihrem Kollegen im Dienstwagen. "Dann schreib' a Gedicht",  gibt der zurück. Was in der ZDF-Reihe München Mord ein lässiger oneliner ist, wäre im wahren Leben ein Fall für vorhandene oder zu installierende Harassment-Beauftragte. Gefühle verletzen geht nämlich nicht, weibliche erst recht nicht. Im Fernsehen darf man das auch nur, wenn der Befund einer sich derart dysfunktional verhaltenden Figur Asperger-Syndrom lautet. Jener Defekt also, von dem man nicht recht weiß, ob es ihn gibt und, wenn ja, wie viele Menschen daran leiden. Schätzungen pendeln zwischen 0,15 und 0,25 aller Menschen ab vier Jahren. Die Autismus-Variante ist dramaturgisch attraktiv. Sie blockiert Gefühle, befeuert jedoch Hochbegabung. Seit Sofia Helin als emotionslose Kommissarin die skandinavische Serie Die Brücke zum Erfolg geführt hat, ermitteln auch hierzulande ständig weitere Kollegen mit starrem Blick und freudloser Brillanz.

Beherrschtheit und hohe Intelligenz verweisen also auf eine seltene Krankheit. Wer gesund ist, hat Gefühle, zeigt Gefühle und bekommt Gefühle zurück. Das ist alles, was zählt.

Plappernd putzige Liebesstrateginnen

Im Fernsehen allemal, wo Gefühle "emotionale Momente" heißen. Und seit dem Siegeszug der privaten Fernsehsender mit Beginn der 1990er-Jahre in Formate wie Verzeih mir oder Nur die Liebe zählt gegossen wurden. Die Castingshows waren ebenso als tearjerker konzipiert wie Doku-Fiction über possierliche Vierbeiner – Tier zuliebe – oder die "persönlichen" Talkformate, die seit den Nullerjahren die Programme mit Rotz und Wasser fluten.

Auch im Kino setzte sich die Erkenntnis durch, dass es die Frauen sind, die entscheiden, was geguckt wird – Stichwort date movies. Parierten die Filme der 1980er-Jahre dieses Jahrzehnt weltweiten militärischen Nach- und Wettrüstens noch mit wortkargen, technoid gepimpten Actionhelden, endete das Jahrzehnt mit dem Blockbuster Harry und Sally. Sallys legendärer gespielter Orgasmus sandte Schockwellen in eine Branche, die fortan die stoisch leidenden Heldinnen des Melodrams durch plappernd-putzige Liebesstrateginnen ersetzte. Rom-Com-Heldinnen wie Goldie Hawn und Meg Ryan hatten einen Job und wollten einen Mann und betrieben beides mit derselben Professionalität. Ihre Nachfahrinnen blicken heute, eher siegesgewiss als verträumt, von meist an Verkehrsknotenpunkten platzierten City-Light-Postern und teilen uns mit, dass sie parshippen.