Marcin Kędzierski und Michał Kuź wurden beide 1984 in Polen geboren. Sie begegneten sich im konservativen Thinktank "Klub Jagielloński" in Krakau und forschen gemeinsam zu Europapolitik und transatlantischen Beziehungen.

Für viele Deutsche mag es überraschend klingen, aber es ist wahr: Innerhalb der EU gehören die Polen zu den enthusiastischen Befürwortern der europäischen Integration. Mehr als 70 Prozent der Polen freuen sich über ihre Mitgliedschaft in der Gemeinschaft. In anderen Ländern liegt die Zahl der Befürworter bei nur 60 Prozent. Zugleich regiert in Warschau eine vermeintlich europakritische Partei, die "Recht und Gerechtigkeit" von Jaroslaw Kaczynski, deren Zustimmungswerte kontinuierlich wachsen. Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären?

Eigentlich ist die Antwort gar nicht so kompliziert. Die Mehrheit der Polen will die EU, aber eine andere als der liberale Westen. All jene, die an die Legende eines grassierenden polnischen Nationalismus glauben, mag das erstaunen. Aber es ist tatsächlich so: Wir sind Europas größte EU-Enthusiasten. Und doch nehmen wir uns das Recht heraus, eine andere Vision der EU zu artikulieren als jene von Macron oder der Europäischen Kommission.

Prinzip der Nationalstaatlichkeit

Für uns sind drei Werte zentral für ein geeintes, gleichberechtigtes Europa: Offenheit, Vielfalt und transatlantische Partnerschaft. Der Unterschied zum Westen ist derjenige, dass Polen diese drei Grundsteine auf dem Fundament eines noch viel wichtigeren Wertes ruhen sieht: auf dem Prinzip der Nationalstaatlichkeit. Den liberalen Politikern innerhalb der EU sollte unser Nationalstolz allerdings keine Angst machen. Die Deutschen müssen verstehen, dass Polen um seine Unabhängigkeit Hunderte Jahre gekämpft hat. Es wäre also töricht, nach gerade mal drei Jahrzehnten von Polen zu verlangen, seine Nationalstaatlichkeit aufzugeben und seine Rechte an ein föderales Europa zu übertragen, das aus 500 Millionen Menschen und 27 Provinzen besteht.

In Anbetracht dieses Unterschieds verwundert es nicht, dass die Polen Europas Werte anders interpretieren als die Deutschen. Nehmen wir etwa das Schlagwort "Offenheit". Offenheit bedeutet für uns: Aufgeschlossenheit gegenüber der Aufnahme neuer EU-Mitgliedstaaten und der intensiven Zusammenarbeit mit weiteren Drittstaaten. Oft wird behauptet, wir Polen wären fremdenfeindlich. Wer aber ist einer der größten Befürworter einer Annäherung zwischen der EU und der Ukraine, einem Land, das mitten im Krieg steckt und von der europäischen Elite komplett ignoriert wird? Polen.

Wir helfen Deutschland

Warschau unterstützt die Aufnahme von Ländern aus dem Balkan in die EU und eine enge Partnerschaft mit osteuropäischen Nicht-EU-Staaten. Auch mit diesem Engagement steht unser Land ziemlich allein da. Deshalb sind wir Polen gegen das North-Stream-2-Projekt. Es geht nicht nur um Polens eigene Interessen. Es geht auch darum, dass das Gas-Projekt zwischen Deutschland und Russland die Interessen der Ukraine ignoriert, den Reichtum Russlands befördert und damit der russischen Regierung hilft, ihren Einfluss in Osteuropa auszubauen. Zudem unterstützt Polen die Drei-Meere-Initiative, also den Bau von Straßen und Bahnverbindungen in Ländern wie Litauen oder Kroatien. Unsere Unterstützung hilft am Ende vor allem den Deutschen, die wie kein anderes Land von der EU-Osterweiterung profitieren.

Offenheit bedeutet für uns Polen die Öffnung von Märkten. Im Grunde verlangen wir nur Gleichberechtigung: Wenn deutsche, französische und italienische Firmen seit Jahren unsere Länder uneingeschränkt mit Waren und Dienstleistungen beliefern können, wäre es im Geist der Solidarität endlich angebracht, dass auch Westeuropa seine Märkte für polnische, ungarische und tschechische Firmen uneingeschränkt öffnet. Deutschland schützt etwa seine Baubranche durch gewerkschaftliche Schranken. Dabei muss man wissen, dass Polen seinen Haushalt besser im Griff hat als Frankreich und Italien. Deswegen wollen wir auch keine Transferunion und keine Steuergelder aus den Taschen der Deutschen. Wir wollen lediglich eine faire Behandlung.