Ich lebe in einer Gesellschaft, in der Frauen bis 30 mitgeteilt wird, dass sie auf keinen Fall schwanger werden dürfen, und ab 30, dass sie es jetzt sofort tun müssen. Das kann, wenn man so wie ich 35 Jahre alt und kinderlos ist, ganz schön anstrengend sein. Fürs Kinderkriegen ist man irgendwie immer falsch: zu jung, zu alt, zu arm, zu karrieretauglich, zu verantwortungslos und – wenn es dann doch geklappt hat – zu prenzlauerbergmuttimäßig.

Anna Mayrhauser, geboren 1983 in Linz, Österreich, ist Chefredakteurin des "Missy Magazines". Sie lebt in Berlin und schreibt am liebsten über Kultur und Gesellschaft. © privat

Unser Bild vom Kinderkriegen ist normiert: Es soll in der heterosexuellen Kleinfamilie stattfinden, am besten nach einem Studium und nach zwei bis drei Jahren Lohnarbeit, zwischen Ende 20 und Anfang 30. Dann bitte als Frau ein Jahr zu Hause bleiben, nicht länger und nicht kürzer, und zwei Kinder mit einem Altersabstand von zwei, eventuell drei Jahren bekommen, wenn möglich, ein Junge und ein Mädchen. Alles andere wirft Fragen auf.

Diese Normierung beginnt schon mit unserem Bild von Schwangerschaft, die öffentlich ebenfalls nur nach einem Schema laufen soll: Die schwangere Frau soll nicht jammern, bitte sportlich bleiben, nicht zu sehr zunehmen, arbeitstechnisch einsatzfähig bleiben, aber auch nichts tun, das die Schwangerschaft irgendwie gefährden könnte. Schwangerwerden soll geplant sein, aber zu verkrampft darauf hinzuarbeiten wäre auch irgendwie uncool. Dass Schwangerschaft nicht immer so läuft und auch darüber, was dabei alles schiefgehen kann, lernen wir gerade erst zu sprechen – in Film, Literatur, in Medien und auf Social Media.

Denn 15 Prozent aller festgestellten Schwangerschaften enden mit einer Fehlgeburt, bei noch nicht bekannten Schwangerschaften sind es je nach Quelle sogar bis zu 50 Prozent. Angesichts dieser Häufigkeiten sind Fehlgeburten immer noch ein Tabuthema, erst langsam beginnt sich unser Bild von ihnen zu verändern.

In Filmen und Serien kommen Fehlgeburten kaum vor. Und wenn, dann meistens so wie etwa im US-amerikanischen Spielfilm Sieben verdammt lange Tage oder in der österreichischen Serie Der Aufschneider: Ein Pärchen – sie ist schwanger – macht eine schwierige Phase durch. Die Schwangerschaft war vielleicht nicht geplant, auf jeden Fall stiftet sie jetzt Chaos und Verwirrung. In einer Phase der Entfremdung (er ist ausgezogen und sortiert seine Plattensammlung, sie hat was mit dem Agenturkollegen), erreicht ihn dann plötzlich der Anruf einer gemeinsamen Freundin: Blutungen sind eingetreten, die Frau liegt im Krankenhaus, nichts wie hin.


Dort angekommen, vollzieht sich in klinisch-sauberer Atmosphäre die wundersame Wandlung. Der Arzt kommt innerhalb von fünf Minuten von "Wir können keinen Herzschlag finden" zu: "Alles ist okay, ich konnte zwar gerade eben nicht mal den Herzschlag sehen, aber jetzt, ganz plötzlich, erkenne ich sogar die Geschlechtsteile ihres Kindes, Glückwunsch, es ist ein Mädchen." Das Paar erkennt, was wirklich wichtig ist im Leben, Happy End.

Eine weitere Variante, wie sie etwa in der Serie Sex and the City vorkam: Anhand einer Serienfigur soll das Thema Schwangerschaft, Kinderwunsch oder ungewollte Schwangerschaft verhandelt werden. Da man aber gerade kein Kind im Erzählstrang gebrauchen kann und eine Abtreibung moralisch nicht vertretbar wäre, schreibt man eine Fehlgeburt ins Drehbuch. Diese wird allerdings nur durch den traurigen Blick eines Arztes sichtbar. Nachdem die Figur zwei Tage in der Jogginghose Eis essend auf dem Sofa verbracht hat – genrekonform also ähnlich bebildert wie ein kleiner Liebeskummer – ist die Sache erledigt. Strahlend geht es zurück in den Alltag.

Nun ist es vielleicht müßig, darauf herumzureiten, dass nicht alle Werke der Popkultur Situationen wie diese authentisch widerspiegeln – und das auch gar nicht müssen. Doch gibt es in der medialen und auch künstlerischen Darstellung von Fehlgeburten definitiv Entwicklungsbedarf. Das Leben wäre schöner, wenn wir ehrlicher über Schwangerschaft und Geburt, aber auch das Ende des Lebens sprechen könnten.

Dass es diesen Bedarf gibt, zeigen die gängigen deutschsprachigen Beratungs- und Informationsseiten rund um Schwangerschaft und Geburt, deren Familienbild ohnehin oft an graue Vorzeiten gemahnt. Deren Foren quellen über vor Erfahrungsberichten und – oft auch – abstrusen Fragen zum Thema. Es ist einfach, sich über die Frauen, die sich hier austauschen, und ihre Ängste lustig zu machen, über die fürchterliche Sprache und Abkürzungskultur, über die KiWus (Frauen mit Kinderwunsch), SSs (Schwangerschaftswochen) und den berühmten GöGa (Göttergatten). Aber sie müssten nicht die Foren mit ihren Ängsten vollschreiben, wenn sie Ärztinnen und Hebammen hätten, die sich um ihre Belange kümmern würden – und länger als zwei Minuten Zeit für ihre Fragen hätten.