Wenn ich in die Gegend zurückkomme, in der ich aufgewachsen bin, überfällt mich stets Beklemmung. Mein Unbehagen wabert an den Flüssen entlang und zwischen den grünen Hügeln hin und her. Es verhindert, dass ich mich dort fraglos heimisch fühle. Daher musste ich früh fort. Seitdem suche ich nach dem Grund für dieses Gefühl des Unheimlichen.

Sabine Scholl beschäftigt sich in ihren Essays, z.B. "Nicht ganz dicht" mit transnationalen Prozessen; in literarischen Werken beschreibt sie das Zusammentreffen verschiedener Sprachen und Kulturen. Ihr neuer Roman "Die Gesetze des Dschungels" schildert eine Familie zwischen Österreich, London und Sri Lanka und basiert auf wahren Begebenheiten. Das Buch erscheint im Frühjahr 2018. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

So sehr ich mich an meine Unsicherheit als Jugendliche erinnere, so wenig habe ich über die jüngere Geschichte Oberösterreichs erfahren. Denn das Wissen über die Zeit des Zweiten Weltkriegs wurde uns Nachgeborenen unterschlagen. Ich suchte nach Antworten, wo nie Fragen gestellt worden waren. Dieses Versäumnis hatte Auswirkungen auf mein Leben und Fühlen, ohne dass ich dies wahrhaben wollte. Die stille Übereinkunft, nicht über Kriegszeiten zu sprechen, verbat einen Austausch von Erinnerungen.

Kürzlich jedoch fiel mir das nach Stichworten geordnete Buch Im Schatten von Hitlers Heimat in die Hand, das Namen von Orten verzeichnet, die ich von Kind auf kenne. Im sogenannten Heimatkunde-Unterricht hörten wir bloß Legenden und nie, dass der Naziführer in unserer Nähe aufgewachsen war, und wir wussten auch nicht, was während des Kriegs an besagten Orten genau geschehen war. 

Unhinterfragtes Misstrauen

Im Buch finde ich nun das Foto einer Wohnsiedlung, die über dem Gelände eines ehemaligen KZs erbaut wurde. Ich erfahre, dass der Mentor meiner literarischen Anfänge als junger Mann NS-Propagandatexte verfasst hatte. Ich lese über Verstecke der letzten Nazis vor Kriegsende. Der früh verspürte Grusel gründete also im Nebel des Verschweigens von Geschichten, die in Landschaft und Gebäuden eingelagert waren und deren Auswirkungen ich in meiner Kindheit mitbekommen hatte.  

In dem ehemaligen Armenhaus, in dem ich aufgewachsen bin, lebten Menschen, die die Gesellschaft ausgemustert hatte: eine ledige Mutter, vom Krieg Vertriebene, kinderreiche Familien von Gelegenheitsarbeitern, die Alkohol tranken und rauchten, das Paar mit geistig zurückgebliebenen Söhnen, die sich nacheinander vom Zug totfahren ließen. Später kamen Gastarbeiter dazu. Wir Kinder sollten uns von ihnen fernhalten, was wir aber nicht taten.

Noch heute gibt es diesen Nebel, noch heute werden klare Benennungen vermieden, noch heute erzählt eine Bekannte, dass ihre Töchter in den Achtzigerjahren "heiß wurden" (ein regionaler Ausdruck für "wütend werden"), wenn sie von ländlichen Behörden nicht respektvoll behandelt wurden. So drückt sie aus, dass den – wegen ihres karibischen Vaters – fremd aussehenden jungen Frauen unhinterfragtes Misstrauen entgegenschlug. Nie würde diese Mutter das Wort "Rassismus" in den Mund nehmen, auch aus Angst, ihren Kindern weiter zu schaden.

Diebstahl jüdischen Eigentums

Das ist aber das Problem. Inzwischen wurden die verschwiegenen Orte von Historikern erforscht und Zeitzeugen befragt, inzwischen wird in zahlreichen Projekten und manchmal sogar in Reden von Politikern an die Grausamkeiten der Nazi-Diktatur erinnert, doch im Herrschaftsdiskurs der blauen Regierungspartei wird die Opferrolle umgedreht. Nun sind es Nachfahren und Nachdenker der damaligen Täter, die sich von korrekten Benennungen und exakten Lokalisierungen behelligt fühlen und meinen, dagegen kämpfen zu müssen. Sie inszenieren sich als Opfer, und ihre Anhänger machen es ihnen nach, wehren alles ab, was das geschönte Bild von sich selbst und ihrer Heimat (gerne auch als "Daham" bezeichnet) stört.

So wird die Verweigerung eines vielseitigen Diskurses seit Kriegsende betrieben. Und welcher der jungen FPÖ-Wähler weiß denn von der totalen Umgestaltung der Städte und Regionen in perfekt funktionierende Apparate des Nazi-Regimes? Von der Anfertigung von Formularen zum ordnungsgemäßen Diebstahl jüdischen Eigentums, von Sammellagern für Nicht-Sesshafte, von Zwangsarbeit, von akribisch geführten Karteikarten über KZ-Insassen und so fort?