Was wäre, wenn alle so wären wie Maan Mouslli? Eloquent in Deutsch, Englisch und Arabisch. Gebildet und mit kleinem familiären Vermögen ausgestattet. Pfiffig genug, um die Wirren deutscher Bürokratie zu durchdringen. Und dann noch Besitzer eines Schrebergartens. Wenn alle Geflüchteten so wären wie Maan, vermutlich würde Deutschland derzeit nicht über "Abschiebungsmasterpläne" und Grenzkontrollen diskutieren und dabei zuschauen, wie die Koalition sich selbst zerlegt. Vielleicht fiele in Stammtisch-, Spielplatz- und Mediendiskussionen sogar seltener das Wort Islam. Und wir sprächen alle begeistert über die Wirtschaftskraft, die sich durch junge Migranten steigern ließe.

Elisabeth Wellershaus, 1974 geboren, lebt in Berlin. Sie ist Journalistin und arbeitet unter anderem als Redakteurin für das Kunstmagazin "Comtemporary And". Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © ZEIT ONLINE

Doch die meisten Menschen, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland geflohen sind, hatten eine holprigere Ankunft als Maan. Die wenigsten sind so problemlos eingereist wie der ehemalige IT-Unternehmer, der das Regime in Syrien gleich zu Beginn der Revolution mit seinen Aktionen gegen sich aufgebracht hat. Viele stecken nach traumatischer Flucht fest im komplizierten Übergangsmodus aus Arbeitslosigkeit, Integrationsmaßnahmen und einem Leben zwischen den Kulturen. Oftmals nur deshalb untätig, weil sie keinen Platz im Sprachkurs finden. Maan dagegen hatte Glück: Deutschkurs, Wohnung, Kitaplätze für die Kinder und Kontakte waren gute Bedingungen für ein geschmeidiges Ankommen. Heute arbeitet er als Dokumentarfilmer, weil das schon immer sein Traum war. Mit seinem ersten Film, der in einem jordanischen Flüchtlingslager gedreht wurde, wurde er nach Cannes eingeladen; kurz darauf trat er eine monatelange Reise durch Deutschland an, um andere "Neuankömmlinge" zu interviewen. Seine Langzeitdokumentation Newcomerswird von vielen Seiten unterstützt, denn einem wie Maan hört man zu. Was aber ist mit all den anderen?

Kurz nachdem wir uns per E-Mail im Rahmen eines journalistischen Tandemprojekts kennengelernt haben, sitzen Maan und ich im Auto Richtung Märkische Schweiz und er fachsimpelt über gutes und schlechtes Schawarma. Wir sind unterwegs, um Menschen zu porträtieren, die zwischen Provinznachbarschaft und Großstadtghetto nach Wegen des Ankommens suchen. Das Thema Essen gefällt Maan als Aufhänger, er vermisst die syrische Küche, also fahren wir zu einem Koch. Felder und Wälder ziehen an uns vorbei, verlassene Gasthöfe, Hausdächer mit Storchennestern, und ich frage mich, was uns in einem 1.500-Seelen-Dorf mit 20 Prozent AfD-Wählerschaft erwarten wird. Irgendeinen Grund muss es schließlich geben, warum Ahmad Tabakh regelmäßig aus der Stadt Brandenburg zu seinem Cousin nach Buckow fährt und die Leute ausgerechnet hier beim "syrischen Abend" bekocht.

Direkt hinter dem Ortsschild tut sich unerwartete Kleinstadtidylle auf. Bio- und Souvenirläden, eine Kneipp-Kita und zwei schöne Kirchen stehen im kopfsteingepflasterten Zentrum von Buckow – daneben das "Lokal". Ahmad ist schon einen Tag früher angereist und kocht hier mit der Familie seines Cousins. Er legt Hähnchenschenkel ein, rührt Milchreis um und backt. Sein Urgroßvater hatte das Familienrestaurant in Aleppo vor mehr als 100 Jahren eröffnet. Kurz vor dem Krieg hat Ahmad Tabakh es übernommen, sich auf Gebäck spezialisiert und dann alles zurückgelassen, als es in Aleppo zu gefährlich wurde. Das Ankommen in Brandenburg war mühsam. Ahmad tat sich schwer mit der deutschen Sprache, und er vermisste seine Küche. So sehr, dass er im Asylbewerberheim regelmäßig für alle kochte.

In Buckow ist er mittlerweile für seine bunten Törtchen bekannt. Auch sein syrischer Abend steht jeden Monat im Regionalnewsletter. Die aufgeschlossenere Nachbarschaft kommt ins Lokal, selbst wenn Ahmad syrisches Essen für den Osterbrunch kocht. Die anderen bleiben nicht nur bei Begegnungen mit Geflüchteten weg. "Denen sind auch Bioläden, Freiberufler und deutsche Großstädter suspekt", sagt Jürgen. Er ist ehemaliger Jugendgruppenleiter von Buckow und einer von denen, die sich dafür eingesetzt haben, dass die Familie von Ahmads Cousin in einer Wohnung der Freikirche unterkommt. Jürgen sagt, Buckows Struktur habe Modellcharakter, genau wie die dezentrale Unterbringung einer syrischen Großfamilie, um die sich Freikirchler, Biolinke und der in die Jahre gekommene Jugendgruppennachwuchs jetzt kümmert. Alle zusammen scheinen sie hier etwas größeren Einfluss zu haben als Skeptiker und AfD-Wähler. An diesem Abend zumindest sitzen Maan und ich neben einer vergnügten Rentnerinnengruppe aus Müncheberg. Daneben Zugezogene und alte Dörfler, nur der Schmied hat heute mal keine Zeit. Maan fotografiert die Kinder von Tabakhs Cousin, die zwischen Küche und Sofa herumspringen, Gäste, die sich bestens amüsieren, und Ahmad, der den Löffel in den Milchreis sinken lässt, als endlich alle satt sind.

Die Autorin Elisabeth Wellershaus und der Filmemacher Maan Mouslli auf Recherche © Maan Mouslli

Nun also wieder Warten. Warten auf den nächsten Monat, denn zwischen jetzt und dann wird nicht viel passieren. Mit seiner Wohnung und den monatlichen Abenden in Buckow hat Ahmad mehr als viele andere Geflüchtete und doch zu wenig, um zwischen Jobcentergängen, zähem Spracherwerb und der kilometerweiten Distanz zur Familie eine echte Vision für das Leben in Deutschland zu entwickeln. Das Lokal kann ihm keinen festen Job anbieten, zu wenig Kundschaft. Und der Wechsel in eine größere Stadt, abseits des zuständigen Jobcenters, stellt ihn vor bürokratische Hürden. Ahmad träumt davon, in Deutschland ein Restaurant zu eröffnen. Vielleicht fängt er bald ein Praktikum in einer Berliner Bäckerei an. Vermutlich aber geht erst mal alles so weiter wie bisher.