Nachdem Melania Trump kürzlich eine Unterkunft für minderjährige Geflüchtete besuchen wollte und, als sie ins Flugzeug stieg, in einem Parka (Zara) zu sehen war, auf dessen Rückseite "I really don't care. Do U?" zu lesen war, spekulierte die ganze Welt darüber, was Melania Trump wohl damit sagen wolle, wobei sich die wesentlichen Interpretationsansätze wie folgt zusammenfassen lassen:

1. Melania Trump ist eine eiskalte Person und will mit ihrem Parka sagen, dass ihr die geflüchteten Kinder egal sind.
2. Die versteckte Botschaft meint die brutale Grenzpolitik ihres Mannes.
3. Die versteckte Botschaft meint ihren Mann.
4. Melania Trump ist intellektuell derart limitiert, dass ihr nicht klar ist, dass ihre I-don't-care-Jacke in Zusammenhang mit ihrem Besuch komisch gefunden werden könnte und einen Skandal (#Jacketgate) auslösen würde.
5. Nach der auf Twitter veröffentlichten Lesart von Donald Trump wiederum war es ein Statement gegen die sogenannten Fake-News-Medien, denen auch Melania inzwischen nicht mehr bereit sei zu glauben.
6. Melania Trump ist in Wahrheit ein feministischer Punk und hat es deswegen getan.
7. Durch das Statement "I really don’t care. Do U?" möchte Melania Trump deutlich machen, dass es ihr wirklich egal ist, wie ihre Kleidung interpretiert wird.

Der letzte Punkt wäre inhaltlich nachvollziehbar. Tatsächlich ist Melania Trumps Kleiderwahl regelmäßig Gegenstand intensiver Berichterstattung und Deutungsversuche. So trug sie zum Beispiel High Heels im Katastrophengebiet, was ihren Interpreten den Schluss nahelegte, dass sie eine unmögliche, abgehobene Person sei. Ein anderes Mal hatte sie beim Zusammentreffen mit Macron einen weißen Hut auf, der so groß war, dass sich auch hier zwingend die Frage stellte, was Melania Trump "uns" wohl damit sagen wolle. Damit muss man als Frau des amerikanischen Präsidenten rechnen, so wie man als Frau, die in der Öffentlichkeit steht, eben grundsätzlich damit rechnen muss, dass die Kleider, die man trägt, bewertet werden, was etwas mit Sexismus zu tun hat, aber eben auch mit der praktischen Tatsache, dass Männer bei der Arbeit Arbeitsuniformen (Anzüge) tragen und Frauen da weit mehr Auswahl haben (was ebenfalls etwas mit Sexismus zu tun hat).

Man hört ja nicht viel von ihr

Außerdem wichtig ist, dass Melania Trump öffentlich nicht viel spricht. Die Idee ihres Mannes betreffend, Präsident zu werden, war sie zunächst nicht so richtig on fire. Zwar gab sie bekannt, dass sie ihn "hundertprozentig" unterstützen werde, aber sie sagte ebenfalls, dass sie sich vor allem um ihren gemeinsamen Sohn kümmern wolle, denn "I chose not to go into politics".

Kurz: Melania Trump ist eher schweigsam, scheint aber Kleider sehr zu mögen. Die Interpretation der Kleiderwahl, insbesondere von Frauen, ist, wie eingangs gezeigt, sehr ergiebig, und da man von Melania Trump sonst nicht besonders viel hört, sind ihre Kleider das von der Öffentlichkeit gewählte Kommunikationsmedium geworden, um Melania Trump zu verstehen.

Dieser Zusammenhang aber erklärt noch nicht den offenbar extrem ausgeprägten Willen der Öffentlichkeit, das Melania-Trump-Rätsel zu lösen. "Who is the real Melania? Is she trapped? A reluctant first Lady? Or is she (…) a quiet, supportive Lady?", fragte sich zum Beispiel die New York Times in einem von stimmungsvoller Klaviermusik unterlegten Video zum Thema "Who is Melania Trump?".

Da das niemand so richtig zu wissen scheint, da Donald Trumps Politik mitunter sehr beängstigend ist und in Politikerfrauen seit jeher die Hoffnung gesetzt wird, milde auf ihre Politikermänner einzuwirken, es aber dafür aber nur wenig Material über Melania Trump (und ihren Einfluss auf ihren Mann) gibt, werden ihre Kleider als Bestätigung der Politik ihres Mannes oder als die Zeichen einer Widerstandskämpferin gelesen, die sich durch Kleidergeheimsprache beziehungsweise das Nichtergreifen von Trumps Händen während öffentlicher Termine mitteilt. Sie wird als Trumps Gefangene gesehen, die sich vor ihrem Mann fürchtet, weil sie bei dessen Amtseinführung einige Male "miserable" geguckt habe (seither gibt es das Hashtag #Freemelania), oder eben als seine kalte, dumme, neureiche Ostblockfreundin, die ihn nur wegen des Geldes geheiratet hat.

Das Spektrum der genannten Melania-Erklärungsmodelle taucht also in seiner ganzen Bandbreite auf, wann immer Melania Trump irgendwie geguckt oder sich gekleidet hat, und das Tolle ist, dass alle Erklärungsmodelle funktionieren, auch wenn ihnen entgegengesetzte Meinungen beziehungsweise politische Haltungen zugrunde liegen. Die Melania-Deutungswut ist auch dadurch bedingt, dass sie mit der aktuell unberechenbarsten und vielleicht gefährlichsten öffentlichen Person verheiratet ist, nämlich mit dem amerikanischen Präsidenten. Und da wollen die Menschen selbstverständlich wissen, wie das ist, wie man das durchhält, ob es sich für das Geld gelohnt hat oder ganz einfach, wie man so verrückt sein kann, mit diesem Mann zusammen zu sein.