Was macht eigentlich Sandra Bullock, habe ich mich in den vergangenen Jahren ab und an gefragt. Es war keine dringliche Frage in meinem Leben, aber sie tauchte gelegentlich auf, genau wie die nach anderen Schauspielerinnen mit einem Geburtsjahr in den Sechzigern. Nach der Generation also, deren Gesichter die Leinwand prägten, als ich jung war und die Traumfabrik für mich entdeckte – und die in den vergangenen zehn Jahren immer seltener in großen Rollen zu sehen war. Sandra Bullock, schon 2009 in The Proposal versuchsweise ins Cougar-Fach gewechselt, hatte 2013 noch einmal mit George Clooney einen großen Erfolg in Gravity. Aber was hat man von ihr seither gehört (abgesehen von ihrer Stimme in Minions)?

Catherine Newmark lebt in Berlin und arbeitet als Kulturjournalistin mit Schwerpunkt Film, Philosophie und Geisteswissenschaften. Sie ist Autorin und Redakteurin bei Deutschlandfunk Kultur und beim "Philosophie Magazin" sowie Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © ZEIT ONLINE

Nun ist sie mit Ocean's 8 zurück. Als Debbie Ocean spielt sie die Schwester des Gentleman-Verbrechers Danny Ocean, den Clooney in den smarten Casino-Ausraub-Filmen Ocean's 11, Ocean's 12 und Ocean's 13 von 2001 bis 2007 verkörpert hatte. Wie einst ihr Bruder wird Debbie zu Beginn des Films aus dem Gefängnis entlassen. Und schon nach den ersten Minuten, in denen sie elegant hochwertige Kosmetika und sonstiges Bling aus einem Kaufhaus entwendet und sich in das Zimmer eines Luxushotels hineinschwindelt, wird klar, dass ihrer Beteuerung, jetzt ein ganz braves und normales Leben führen zu wollen, nicht zu trauen ist. Vielmehr verliert sie keine Zeit und trommelt ein weibliches All-Star-Ensemble krimineller Komplizinnen zusammen, von Cate Blanchett als unfassbar lässiger alter Weggefährtin bis zu Rihanna als neu angeheuerter kiffender Hackerin, um den Raub des Jahrzehnts während der glamourösen New Yorker Met Gala zu planen.

Eine Modedesignerin (Helena Bonham Carter) muss mit ins Boot geholt werden, um Zugang zum Filmstar (Anne Hathaway) zu bekommen, an deren Hals die zu raubenden Diamanten hängen sollen – was aber auch erst organisiert werden muss. Und so weiter und so fort. Jeder Move gleicht einem Schachzug, dessen Konsequenzen in all seinen Verästelungen Debbie Ocean anscheinend während ihrer fünf Haftjahre minutiös vorausberechnet hat. Alles geht Schlag auf Schlag, nichts wird dem Zufall überlassen, sondern mit einer charmanten Kombination aus Coolness und Präzision vorangetrieben. Das Star-Ensemble hängt sich mit spürbarer Lust in seine Rollen und alles ist prächtig anzusehen – es geht schließlich um Diamanten, um Mode und um die Met Gala, inklusive Cameo-Auftritten von Vogue-Chefin Anna Wintour und allen möglichen Promis bis hinunter zu Heidi Klum, mit der sich die in Deutschland aufgewachsene Bullock kurz auf Deutsch unterhält. Alles in allem also ist Ocean's 8 ein temporeiches und rundum unterhaltsames Exemplar des Heist-Film-Genres mit viel Starpower, dem man gerne einen Abend widmen kann – das aber weder den Weltfrieden noch den Untergang des Abendlandes herbeiführen, geschweige denn das Kino revolutionieren wird. Viereinhalb von fünf Sternchen, Ende der Kurzkritik.

Schön wäre es, wir könnten es dabei bewenden lassen. Vielleicht wird das in zehn Jahren möglich sein. Im Jahr 2018 gilt allerdings die Tatsache, dass wir es hier mit Frauen und nicht wie in bisherigen Inkarnationen der Ocean's-Serie mit einer Bande von Männern zu tun haben (vor den George-Clooney-Streifen gab es ja noch das ursprüngliche Frank-Sinatra-Mackertum der Sechzigerjahre), noch immer als bemerkenswert. Der Film ist zwar noch nicht zwangsläufig aus diesem Grund ein feministisches Statement, aber doch Teil eines aktuellen Trends in Hollywood: Das nicht wahnsinnig originelle Alltagsgeschäft der endlosen Fortsetzungen, Spin-offs und Remakes von erfolgreichen Filmen wird in jüngster Zeit immer öfter mit Geschlechtervariationen angereichert: Ehemals männlich besetzte Rollen werden nun weiblich neu imaginiert, aus rein männlichen Welten werden gemischtgeschlechtliche oder gar ganz weibliche. Wem das angesichts des allgemeinen Geschlechterrollenwandels der vergangenen Jahrzehnte eher trivial bis selbstverständlich vorkommt, konnte nicht mit den kulturellen Grabenkämpfen der Gegenwart rechnen. Vor zwei Jahren machte eine weiblich besetzte Ghostbusters-Neuversion Furore. Nicht etwa, weil der Film besonders gut oder besonders schlecht gewesen wäre, sondern weil er hasserfüllte Reaktionen aus den dunklen Tiefen des Internets auslöste, deren Ausmaß selbst jene, die sich berufsmäßig mit männlicher Gekränktheit beschäftigen, überraschte.

Eine ähnlich heftige Reaktion ist bei Ocean's 8 bislang ausgeblieben – unklar, ob aufgrund allgemeiner Einsicht in den unaufhaltsamen Lauf der Welt oder möglicherweise nur aufgrund der Tatsache, dass die Ocean's-Filme zwar erfolgreich, aber nicht in der Weise identitätsstiftende Kult waren wie andere Streifen. Die Star Wars-Reihe etwa, in der das männliche Personal keineswegs abgeschafft wurde, aber seit dem Erwachen der Macht (2015) durch mehr handelnde Frauen und auch eine andere Inszenierung von Männlichkeit ergänzt wurde, erfährt nach wie vor mehr Gegenwind.

Dass die weibliche Besetzung von einzelnen Filmen überhaupt ein Thema ist, mag angesichts der nach wie vor überwältigenden Überzahl von männlichen Rollen in Hollywood erstaunen. Statistisch bekommen Männer nicht nur rund zwei Drittel aller Rollen in der Traumfabrik, sondern sie müssen im Allgemeinen auch weit weniger jung sein, um diese zu bekommen, als Frauen. Die Abwesenheit von Sandra Bullock von der großen Leinwand hat auch etwas zu tun mit dem eingeschränkten Angebot an weiblichen Rollen für über Vierzigjährige. Was wiederum damit zusammenhängt, dass ein großer Teil der weiblichen Hauptrollen sich noch immer im (breit verstandenen) Spektrum der schönen Geliebten eines männlichen Hauptdarstellers bewegt. Und dafür ist in Hollywood nach wie vor die "fuckability" ein zentrales Kriterium. Mit dieser – in Zeiten grassierender Euphemismen so angenehm klartextlich formulierten Qualität – ist wohlgemerkt nicht die Fähigkeit von Frauen zum Ficken gemeint, sondern der mutmaßliche Wunsch von Männern jeden Alters, mit ihnen zu ficken. (Wer den Begriff noch nicht kennt, sehe sich bitte Amy Schumers oscarverdächtigen Erklär-Sketch dazu an.) Danach – und manchmal auch schon in skurriler Weise gleichzeitig – gibt es fast nur noch die Abschiebung ins Mutterfach, siehe Diane Lane, die 2013 mit gerade mal 48 Jahren die Mutter eines 30-jährigen Henry-Cavill-Superman spielte. Oder Angelina Jolie, die 2004 in Alexander mit 29 (!) die Mutter des um nur ein Jahr jüngeren Colin Farrell gab.