Vor nicht allzu langer Zeit wäre mir dieser Essay wohl überflüssig erschienen. Als eine Aneinanderreihung von Selbstverständlichkeiten. Als eine Sonntagspredigt. Ein Plädoyer für unbequeme, kritische, pluralistische, hybride Kunst und Kultur aus liberaler Sicht? An Einfallslosigkeit nicht zu überbieten! Wie Eulen nach Athen tragen! Die Erfahrung mit autoritären und totalitären Staaten hat doch gelehrt, dass der Respekt für eine solche Kultur ein Gradmesser für freie Gesellschaften ist. Dass nicht die Schmeichler Schutz und Förderung verdienen, sondern die, die die Förderer fordern. Allein, auch die Lehren aus der Geschichte unterliegen den Kräften geschichtlicher Erosion.

Dieser Artikel stammt aus der Juli-Ausgabe des "Merkur". © Klett-Cotta

In Europa werden Stimmen lauter, die unbequeme Kunst und Kultur nicht nur kritisieren, was ja Sinn der Sache ist, sondern rundweg als volksfeindlich, versifft, zersetzend, gar terroristisch abtun. Auch das Hybride und Transkulturelle geraten unter Verdacht: Stellen sie nicht vermeidbare Stressfaktoren in stressgeplagten Zeiten dar? So verlangt man denn die Reduktion der Förderung für vermeintliche "Fremdkörper" oder die Ächtung und Entlassung von Querdenkern. Zugleich beschwört man die Besinnung auf ein Set angeblich "eigener", authentischer Werte. Kultur soll zu etwas klar Umrissenem, Positivem, Erbaulichem, ja intuitiv Verständlichem werden – was eine einheitliche, kollektive Identität voraussetzt.     

Greifbar wird die wachsende Ablehnung kritischen Kunstschaffens wie auch des Transkulturellen etwa in Polen, wo die nationalkonservative Regierung einen entsprechenden kulturpolitischen Kurs eingeschlagen hat. Ausgerechnet Polen! Das vielzitierte "goldene Zeitalter" des Landes im 16. und 17. Jahrhundert fiel in eine Phase des religiösen, ethnischen und kulturellen Pluralismus. Die heutige Homogenität der polnischen Republik ist zuvorderst tragische Folge des Zweiten Weltkriegs.

Hybride Bauwerke wie das Rathaus von Poznań zeugen von diesem "goldenen Zeitalter". Erbaut vom Tessiner Architekten Giovanni Battista di Quadro Mitte des 16. Jahrhunderts, beherbergen die Zwickel des Bogengangs im Erdgeschoss mythologische und historische Figuren von Lucretia bis Kleopatra. Philosophen der griechischen und römischen Antike sind allgegenwärtig. Im Inneren stößt man auf Wappen der Sforza und der Habsburger. Ein venezianischer Globus aus dem Jahr 1688 drückt ebenso Kosmopolitismus aus wie Darstellungen von Elefanten und Leoparden in der Kassettendecke. Hier manifestiert sich eine starke, vielschichtige kulturelle Tradition, auf die sich sogar Patrioten berufen könnten, war Polen damals doch eine europäische Großmacht – die nicht etwa aufgrund von Migration oder Kulturkontakten, sondern infolge der kurzsichtigen Politik des polnischen Adels zugrunde ging.

Ethnopluralisten hingegen würden im Posener Rathaus wohl eine Vorstufe von Multikulti, politischer Korrektheit, kosmopolitischer Gutmenschelei und anything goes erkennen – jene vermeintlich zersetzenden Kräfte, denen es mit Vereinheitlichung zu begegnen gilt. Etwa mit einer von der Obrigkeit nicht nur unterstützten, sondern aktiv durchgesetzten Leitkultur, geschmiedet aus Religion, Nation, Ethnie. Dabei gilt es, dieses Konstrukt als natürlich, ja selbstevident erscheinen zu lassen, um seine Akzeptanz und sein Mobilisierungspotential zu stärken. Der Philosoph John Rawls schrieb in seiner Theorie der Gerechtigkeit (1971) zutreffend: "Die Extremität der Lehren von einem übergeordneten Ziel wird oft durch die Undeutlichkeit dieses Ziels verdeckt. Die Unterordnung aller Ziele unter ein einziges ... entstellt den Menschen und unterwirft ihn einem seiner Ziele um der Systematik willen."