24 Monate Vertragslaufzeit? Das macht die Liebe kaputt! – Seite 1

Die Einsamkeit beginnt an einem Sommertag kurz vorm Mittagessen. Mir ist zu spät eingefallen, dass der Kollege, der gerade zum Supermarkt geht, mir einen Salat mitbringen soll. An sich ist das im Jahr 2018 eine unproblematische Situation: Wir besitzen ja beide ein Handy. Aber auf meinem Handy ist gestern diese SMS angekommen: "Für die aktuelle Laufzeit ihres Aldi-Talk-Pakets haben Sie alle Ihre Freieinheiten verbraucht."

Also klingle ich ihn an. Anklingeln, das ist für Prepaidkunden wie mich eine eigene Kommunikationstechnik – vor allem, weil sie umsonst ist. Anklingeln ist Reden ohne Worte, ein bisschen wie Lächeln oder Winken. Allerdings kann man nicht jeden Menschen einfach so anklingeln. Was mit dem Klingeln gemeint ist, verstehen nur Eingeweihte: Die Leute, mit denen man eine Verabredung hat, kennen den Plan. "Klingel mich an, wenn du im Bus sitzt", sage ich manchmal zu meinem Freund. Wenn dann mein Handy klingelt, weiß ich, dass er in 20 Minuten da ist. Und fühle mich wie ein Ehepaar, das sich schweigend ein Brötchen teilen kann – ohne darüber zu diskutieren, wer die obere Hälfte bekommt. Reden ist Silber. Anklingeln ist Gold.

Aber seit alle immer jederzeit ihre Handys in der Hand haben, den Daumen abnahmebereit, funktioniert Anklingeln nicht mehr so gut.

Schon beim ersten Tuuut hebt mein Kollege ab.

– "Ja?"
– "Mist, jetzt bist du rangegangen. Ich habe keine Freiminuten mehr! Ruf mich mal zurück!"
– "Freiminuten?"

Schon 15 Sekunden Telefonat. Und nur noch 1,57 Euro Guthaben. Wir müssen das jetzt schnell beenden. Sonst muss ich noch mal neun Cent für die nächste angebrochene Minute zahlen.

"Kannst du mir Mittagessen kaufen?", frage ich. Aber er geht nicht darauf ein, obwohl wir schon bei 28 Sekunden sind: "Warum hast du denn noch Prepaid?"

Die Antwort fällt mir leicht: Weil das, was ich und Aldi Talk haben, die einzige Langzeitbeziehung ist, in der ich jemals dauerhaft glücklich war.

Zugegeben, Freiminuten sind ziemlich 2008. Und trotzdem stehe ich alle paar Monate beim Aldi an der Kasse, mit einer orangefarbenen Karte, auf der "15 Euro Guthaben" steht. Dann telefoniere ich mit einer elektronischen Frauenstimme, um mir für 7,99 Euro ein neues Paket mit Internet und Freiminuten zu buchen. Und zwischen diesen Eineinhalbmonatsintervallen habe ich immer mal wieder diese Tage, an denen ich niemanden anrufen kann, keine SMS verschicke und mit gedrosselter Geschwindigkeit versuche, Instagram-Storys zu schauen.

Ich bin glücklich mit ihr

Seit fast zehn Jahren geht das nun so. Also ziemlich genau so lange, wie ich ein Handy besitze. Meine Prepaidkarte hat mich nie genervt, nie enttäuscht, mich nie in die Schuldenfalle gebracht. Ich bin glücklich mit ihr. Und ich glaube, dass das vor allem daran liegt, dass wir uns jederzeit trennen könnten.

24 Monate Vertragslaufzeit, das macht die Liebe kaputt. Handyverträge, so erinnere ich es zumindest, waren doch immer das Böse schlechthin. Handyverträge, das sind Schuldenfallen für SMS-süchtige Jugendliche, das ist verunsicherndes Kleingedrucktes, das ist Kai Diekmann, der 42.000 Euro Roaminggebühren an die Telekom zahlen musste, weil er in Marokko Blogeinträge geschrieben hatte.

"Prepaid wird bei uns immer noch stabil nachgefragt", schreibt mir Telefónica, eine Firma, die neun verschiedene Netzanbietermarken vereint. Ich bin überrascht. Laut Telefónica sei der einzige kleine Einbruch im Prepaidgeschäft letztes Jahr passiert, als die Roaminggebühren in der EU abgeschafft wurden. Denn wer jetzt zum Beispiel zum Studieren nach Deutschland kommt, kann die SIM-Karte aus Spanien, Italien oder Polen einfach weiter nutzen, es kostet das Gleiche. Thorsten Hoepken von Vodafone bestätigt die Information von Telefónica: Etwa 44 Prozent der Vodafone-Kunden sind Prepaidkunden – die wichtigsten Zielgruppen im Prepaid-Business sind allerdings Kinder, Rentner und Pfennigfuchser. Hoepken nennt das zwar "preisbewusste Kunden, die Sicherheit und Kontrolle suchen", aber ich glaube, wir wissen beide, was gemeint ist.

Deshalb findet mein Kollege meine Freiminuten also komisch. Weil ich nicht der typische Prepaidnutzer bin. Ich bin an der Aldi-Kasse stehen geblieben, als mein Umfeld in eine neue Lebensphase aufgebrochen ist: die Handyvertragslebensphase. Als man auf einmal mehr Menschen kannte als nur die fünf Schulfreunde aus der Heimat, von denen alle die Aldi-Talk-Community-Flatrate für 3,99 Euro hatten. Als es wichtig wurde, jederzeit zurückrufen zu können, denn es könnte um ein Vorstellungsgespräch gehen oder um die Ergebnisse des letzten Geschlechtskrankheitentests.

Nicht einmal für Verbrecher lohnt sich eine Prepaidkarte noch. Die waren die letzten Menschen, zwischen den Rentnern, Pfennigfuchsern und Kindern, die den Prepaidkosmos zu einem aufregenden Ort gemacht haben. Aber seit vergangenem Jahr können Verbrecher die Karten nicht mehr einfach so kaufen. Denn es gibt ein neues Gesetz, nach dem jeder Prepaidneukunde sich mit einem Ausweis identifizieren muss.

Ich werde meinem Umfeld nicht hinterherlaufen. Ich will keinen Vertrag. Auch kein neues Handy für einen Euro Zuzahlung. Ich will Guthabenbons, ich will Freiminuten, ich will die Warn-SMS, dass mein Guthaben weniger als einen Euro beträgt.

Sklaven der Dienstleistungsgesellschaft

Denn Prepaid ist ein charmantes Bed and Breakfast, in dem die Dame an der Rezeption jeden Tag fragt, ob man den Aufenthalt noch für eine Nacht verlängern möchte. Vielleicht sind die Betten nicht so komfortabel. Es gibt keine Tiefgarage und kein Mittagsbuffet. Aber man erlebt einiges mehr, wenn man sich jeden Tag auf die Suche nach Restaurants und Parkplätzen macht. Auf der Suche nach Handyguthabenbonverkaufsstellen habe ich schon viele pfadfinderische Momente erlebt. Ich war in ranzigen Import-Export-Läden, die ich normalerweise nie betreten hätte. Ich habe um drei Uhr nachts in Bayern nach geöffneten Kiosks gesucht (erfolgreich). Und ich habe eine mentale Karte von München, auf der kostenlose WLAN-Hotspots eingezeichnet sind. Früher hatten die Leute das wahrscheinlich mit Telefonzellen. Wenn ich an einer WLAN-Insel ankomme, und endlich wieder Kontakt zur Außenwelt aufnehme, fühle ich mich wie eine Schatzsucherin: Die Welt mag groß sein, aber ich kenne und bezwinge sie.

Verträge hingegen sind ein All-inclusive-Hotel. Der bulgarische Goldstrand (Eimersaufen, Sonnenliege, Chicken-Nuggets am Mittagsbuffet) funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie ein 24-Monatsvertrag mit dem neuesten iPhone (zehn Gigabyte LTE, Allnet-Flat): Beide nehmen uns jegliche Entscheidungen ab. Beide machen uns abhängig. Und beide werden vor allem von Deutschen gerne gebucht. "In anderen europäischen Ländern ist Prepaid noch deutlich wichtiger", sagt Thorsten Hoepken von Vodafone. In Italien zum Beispiel stecke in 80 Prozent aller Handys eine Prepaidkarte. In Deutschland haben mehr als 50 Prozent einen Vertrag.

Die Unternehmen freut das: "Grundsätzlich weisen Vertragsanschlüsse einen höheren monatlichen Durchschnittsumsatz auf", schreibt mir Telefónica. "Vertragskunden sind wertvoller, weil sie uns für mindestens zwei Jahre treu bleiben", sagt Thorsten Hoepken von Vodafone. Vertragskunden – das glaube ich – sind auch die Leute, die sich Ikea-Möbel und Ikea-Möbelaufbaupersonal nach Hause bestellen. Und die Leute, die diese schrecklichen Kochboxen kaufen, in denen exakt nur die Zutaten für exakt ein Gericht sind. Es sind Leute, die nicht selbst denken wollen, sich keine Umstände machen und sich nicht selbst entscheiden können. Sklaven der Dienstleistungsgesellschaft.

In einer Welt des Überflusses ist die Prepaidkarte mein alltäglicher Ramadan. Ein Telefongespräch, das pro Minute neun Cent kostet, bringt mir Achtsamkeit bei. Und kurze Sätze. Als Prepaidnutzerin weiß ich, dass man manchmal tatsächlich gar nicht zurückrufen muss. Dass es okay ist, für die Dauer eines Abendessens mal keine WhatsApp-Nachricht bekommen zu können.

Ich fühle mich sehr wohl zwischen den ganzen Rentnern, die Prepaid treu bleiben. Rentner, das ist schließlich auch eine Lebenshaltung. Rentner müssen jeden Tag erneut ganz allein entscheiden, was sie mit ihrer Zeit anfangen wollen. Kein Arbeitgeber, der anruft, kein Baby, das in die Kita muss. Nur Freiheit. Solange ich noch nicht Rentnerin sein kann, will ich wenigstens selbst entscheiden können, wie viele Gigabyte Internet ich mir nächsten Monat kaufe.

Aber ich hätte schon gerne wieder jemanden, mit dem ich über das beste Freiminutenpaket fachsimpeln kann. Jemanden, der sich mit mir im Aldi an die Kasse stellt. Jemanden, der nicht lacht, wenn meine Freiminuten leer sind. Jemanden, der seine eigenen Freiminuten nutzt, um mich ganz selbstverständlich zurückzurufen. Vielleicht kann ich meine Freunde ja davon überzeugen, zurück zu Prepaid zu kommen. Am besten sofort! Oder in zwei Jahren. Wenn ihr Vertrag ausläuft.